28.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Stoß vom Bahngleis: Ist der Falsche angeklagt?

Symbolbild

Symbolbild

Foto:

dpa

Köln/Rhein-Erft -

„Ich bin kein Schlägertyp“ betont Pablo T. (22, Name geändert) und erinnert sich so an das Tatgeschehen: „Mir war nicht erklärbar, was da passiert ist“. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann, der in blütenweißem Hemd und wohlerzogen auftritt, versuchten Totschlag vor. Drei Monate hat T. in Untersuchungshaft gesessen, bis er am 1. Oktober 2012 verschont wurde.

Nach Aktenlage scheint fraglich, ob er tatsächlich der Täter ist. Er soll laut Anklage in den frühen Morgenstunden des 1. Juli auf dem S-Bahnhof Hansaring nach einem Streit einen 25-jährigen Mann auf die Schienen gestoßen haben. Ein einfahrender Zug der Linie 6 erfasste das Opfer. Der Elektroniker erlitt schwere Verletzungen, wurde er ins künstliche Koma versetzt, war neun Wochen nicht arbeitsfähig und leidet weiterhin vor allem psychisch an den Folgen.

Gespuckt und getreten

Das Problem ist offensichtlich: Sitzt wirklich der Richtige auf der Anklagebank? Das Opfer, das als Nebenkläger dem Angeklagten genau gegenüber sitzt, kann sich an nichts mehr erinnern. Pablo T. aud dem Rhein-Erft-Kreis bestreitet nicht, an der Schlägerei beteiligt zu sein, doch mit der beinah tödlichen Attacke habe er nichts zu tun gehabt. Er sei am Abend zuvor mit Kumpels unterwegs gewesen, erläutert er. Damals sei er „nicht gut drauf“ gewesen, habe Antidepressiva genommen, sei durch die Abschlussprüfung gefallen und von der Freundin verlassen worden. T. war wegen Depressionen in nervenärztlicher Therapie.

Ein Sachverständiger hat ihm wegen der Erkrankung verminderte Steuerungsfähigkeit attestiert und damit die strafrechtliche Verantwortlichkeit eingeschränkt.
Die Kumpels hätten ihn an jenem Abend überredet, mit in die Disco zu kommen. Als man sich auf dem S-Bahnhof zur Heimfahrt einfand, sei es zum Streit mit einer Gruppe Jugendlicher gekommen. Auf Beschimpfungen folgte eine Schlägerei.

Pablo T. bestreitet nicht, geschlagen, gespuckt und getreten zu haben. Doch sei es nie zur unmittelbaren Konfrontation mit dem Opfer gekommen. Auch dessen Anwalt ist nicht sicher, ob Pablo T. der Täter ist: „Es gibt Zeugen, die sagen, er war es. Aber vielleicht wollen die sich nur selber schützen.“ Gespannt ist der Jurist auf die Aussagen unbeteiligter Zeugen am Tatort.

„Es gibt allen Anlass, ganz genau hinzusehen.“ So machte der Vorsitzende Richter deutlich, dass auch das Gericht die Problematik der Täterschaft nicht verkennt. Es sind acht Verhandlungstage mit Dutzenden Zeugen vorgesehen.