24.08.2016
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U-Bahn-Erschütterungen: Keine Gefahr für den Kölner Dom

„Nein, ich bin nicht in Sorge“, sagt Barbara Schock-Werner, Dombaumeisterin im Ruhestand.

„Nein, ich bin nicht in Sorge“, sagt Barbara Schock-Werner, Dombaumeisterin im Ruhestand.

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Peter Rakoczy

„Typisch Köln: Kaum geht die Session los, fängt der Dom an zu wackeln. Waren Sie schon mal bei einer Predigt des Kardinals? Da sind so viele eingeschlafen, die werden jetzt von der KVB wachgerüttelt.“ (Aktuelle Rede von Büttenredner Guido Cantz)

Die Erschütterungen durch die neue U-Bahn sind für den Dom nur die jüngste Erscheinung einer ganzen Reihe von Widrigkeiten, und selbstverständlich wird er auch diese hinnehmen.

„Nein, ich bin noch nicht in Sorge“, sagt Barbara Schock-Werner, die kürzlich in den Ruhestand gegangene Dombaumeisterin. Die Kathedrale habe die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg überstanden, den Bau der U-Bahn in den 1960er Jahren, Erdbeben, den sauren Regen. Zwar könnten ständige Vibrationen des Gebäudes durchaus zu Setzungen führen, die irgendwann einmal mal ein kritisches Ausmaß erreichen könnten. „Aber dass die U-Bahn das bewirken könnte, das glaube ich vorläufig erst mal nicht“, sagt die Frau, die das Bauwerk so gut kennt wie kaum jemand sonst.

Höher, schlanker, eleganter

Den gotischen Baumeistern sei Dank. Männer wie Meister Gerhard, Meister Arnold und Nikolaus van Bueren waren die Stararchitekten ihrer Zeit. Im 13. Jahrhundert wagte sich eine kühne Generation von Kirchenbauern daran, höher, schlanker und eleganter zu denken. Sie ließen die mit Einschränkungen verbundene Technik des romanischen Zeitalters hinter sich. Deren Bauweise war gekennzeichnet durch massive Wände und Rundbögen. Die neue Generation wollte mehr Licht in die Gotteshäuser lassen; „Licht, in dem man sozusagen die Erscheinung Gottes sah“, wie es Schock-Werner ausdrückt.

Der Wunsch nach helleren Kirchenschiffen erforderte zweierlei: dünnere Wände und größere Fenster. Das bedeutete nichts anderes als eine Abkehr von den bislang bekannten Regeln der Statik. Wenn Druck und Schub nicht von dickem Mauerwerk gehalten werden sollen, muss eine andere Lösung her. Meister Gerhard und seine Kollegen vor allem in Frankreich und Britannien gliederten Wände und Gewölbe in einzelne Elemente. Das gelang ihnen, in dem sie mit Streben arbeiteten. Sie setzten außerhalb der Wände Pfeiler, die als Verstärkung dienten und die Druckkräfte nach unten ableiteten. „Eine geniale Erfindung“, schwärmt Schock-Werner.

Den gleichen Zweck erfüllen im Kircheninneren die vorgelegten Profile, die Dienste, wie sie in der Fachsprache heißen. Höhere Gebäude, größere Gewölbe, das verlangte eine systematische Gliederung. Als ideal erwies sich diese Konstruktion: unten Arkadenbögen mit ihren Öffnungen zwischen den drei Schiffen, darüber ein Laufgang, oben wurden die großen Fenster eingesetzt. Schon damals wurde Metall als Verankerung verwendet. Im Dom befinden sich drei Ringankersysteme, weiteres Metall ist in den Strebewerken und Fenstern verbaut. „Der Schmied“, weiß Schock-Werner, „war nach dem Baumeister der bestbezahlte Mann in der Dombauhütte.“

Gotische Architekten kannten keine Din-Normen zur Bausicherheit. Stahlbeton sollte es erst ein halbes Jahrtausend später geben. Dennoch entstanden so beeindrucken Schätze wie Notre Dame in Paris, der Veitsdom in Prag und das Ulmer Münster. „Das ist der „gut vernetzten Szene der damaligen Baumeister zu verdanken“, so Schock-Werner. Die Erfahrungen des einen nutzte der nächste, um noch ein bisschen mehr zu riskieren. Mitunter ging der Wagemut zu weit: Im französischen Beauvais stürzte die Kathedrale gleich zweimal während ihrer Bauzeit ein.

Die Kölner dagegen, eher unkölsch, gingen bei Bau von St.Peter ungemein solide vor. Sie legten ein 16 Meter tiefes Fundament, weit hinein in den Rheinkies. Der Wiener Stefansdom etwa hat eine Gründung von nur vier, fünf Metern. Der frühere Dombaumeister Arnold Wolff sagte einmal, seine Vorgänger hätten im Erdreich eben so viel Gestein verbaut wie oberhalb. Die Vorsicht war vor allem deshalb geboten, weil die beiden Türme mit mehr als 157 Meter Höhe für die damalige Zeit nahezu unvorstellbar weit in den Himmel reichen sollten.

Ein weiterer Vorteil der gotischen Bauweise hat sich für den Dom als Segen erwiesen. Die durch die Gliederung entstandenen unterschiedliche Bauteile sind nicht starr verbunden, sondern übernehmen die Rolle von Gelenken. So konnten die Kathedralen im Krieg die durch Bombenexplosionen ausgelösten Druckwellen abfedern. Der steinerne Riese bewegt sich zwar, aber er pendelt sich wieder ein und kehrt in seine Ausgangslage zurück. Aus dem selben Grund werden die Türme selbst starken Erdbeben trotzen. Den alltäglichen Erschütterungen, die wegen der U-Bahn, der Züge im Hauptbahnhof, ja selbst wegen des Glockengeläuts zu messen sind, ist die gotische Baukunst jedenfalls spielend gewachsen.


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