29.07.2016
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Über Archäologische Zone: Stadt ließ Wikipedia-Text schönen

Das Museum soll nach den Plänen des Architekturbüros Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch gebaut werden.

Das Museum soll nach den Plänen des Architekturbüros Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch gebaut werden.

Foto:

Michael Bause

Innenstadt -

Wer das Internet-Lexikon Wikipedia nach der Archäologischen Zone in Köln befragt, stößt auf einen Warnhinweis: „Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten“, heißt es oben auf der Seite.

Die Informationen seien „nicht hinreichend mit Belegen, beispielsweise Einzelnachweisen, ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt.“

Ein bemerkenswertes Vorwort, das nicht ohne Grund geschrieben wurde: Wie sich herausgestellt hat, nutzt die Stadt Köln Wikipedia für ihre ganz eigenen Zwecke. Eine von der Verwaltung beauftrage Agentur aus Österreich hat den Eintrag über die Archäologische Zone verfasst – und der klingt eher wie ein Werbetext.

Eintrag klingt wie Werbetext

Am Montag wird sich der Rechtsausschuss des Rates mit dem Vorgang befassen. In einer gemeinsamen Anfrage verlangen die Vertreter der Linken und der Wählervereinigung Deine Freunde Auskunft über den „Beitrag, der den von Wikipedia geforderten Standards der objektiven Information nicht entspricht“. Der Eintrag sei „geschönt“. Er bewerte das umstrittene Bauvorhaben ausschließlich positiv. Etwa, indem von früheren „sensationellen Funden“ berichtet worden ist, ebenso von zwei „Gutachten über die vorbildliche Grabungsarbeit“ des Projektleiters. „Hinweise auf die Debatte zu dem Projekt und kritische Stimmen fehlen völlig, kritische Quellenangaben wurden anscheinend entfernt“, rügt Ratsherr Thor Zimmermann (Deine Freunde).

Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ liegt der Auftrag vor, den das Kulturdezernat am 27. Juli 2010 an eine Grazer Firma vergeben hat. Das Ziel des Auftrags: „Optimale kommunikations- und marketingstrategische Begleitung des Projektes bis zur vollständigen Umsetzung.“ Die Agentur soll das Bauvorhaben in der Bevölkerung Kölns bestmöglich verankern, international bekanntmachen und ein Vermarktungskonzept erarbeiten. Dafür gibt es aus der Stadtkasse eine Vergütung in Höhe von 780 000 Euro.

„Irreführende Benutzung sozialer Medien“

„Hält die Stadtverwaltung die irreführende Benutzung sozialer Medien für ein geeignetes Mittel, um damit für ihre Projekte zu werben?“, heißt es in der Anfrage an den Rechtsausschuss. Und weiter: „Prüft die Stadtverwaltung erbrachte Dienstleistungen auf ihre ethische Unbedenklichkeit?“ Stadtsprecher Gregor Timmer hielt sich mit einer Bewertung zurück. „Wikipedia ist ein offenes Forum, in dem man allerdings einige Spielregeln einhalten muss“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Ob die Regeln im Fall der Archäologischen Zone eingehalten worden seien? „Das muss die Agentur überprüfen – und, falls nicht, entsprechend nachbessern.“

Mittlerweile sind mehrere Textabschnitte überarbeitet worden. So auch die falsche Größenangabe: Bis vor kurzem war noch von einer Ausgrabungsfläche von 13 500 Quadratmetern zu lesen – tatsächlich sind es 10 000 Quadratmeter.

Nach derzeitigen Berechnungen wird der Bau der Archäologischen Zone mit dem angegliederten Jüdischen Museum mehr als 50 Millionen Euro kosten. Befürworter sprechen von einem „wichtigen Zukunftsprojekt“, einem „Touristenmagnet erster Güte“. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz warben SPD, Grüne und FDP mit 800 000 bis einer Million zusätzlichen Besuchern in Köln.

Angaben über die erhoffte Gästezahl lassen sich bei Wikipedia nicht finden. Wohl aber in der damaligen Ausschreibung, mit der die Verwaltung eine Werbeagentur suchte: „Es wird von einem jährlichen Besucheraufkommen von 230 000 Personen ausgegangen.“