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Interview : Große Anteilnahme an Lea Sophies Tod

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Viele Chorweiler Bürger haben Kerzen, Plüschtiere und Briefe auf dem Pariser Platz abgelegt, um an Lea Sophie zu erinnern.  Foto: Michael Bause
Cornelie Wittsack-Junge, Bezirksbürgermeisterin in Chorweiler, spricht im Interview mit Tim Stinauer und Claudia Hauser über die Reaktion der Bürger auf den Tod der zweijährigen Lea Sophie und die Schwierigkeiten der Menschen im Viertel.
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Vor dem Bezirksrathaus in Chorweiler türmen sich Kerzen, Plüschtiere und Beileidsbekundungen für die getötete Lea Sophie. Überrascht Sie die Anteilnahme der Bevölkerung?

Cornelie Wittsack-Junge: Ehrlich gesagt: in dieser Intensität schon, ja. Vor allem, wenn man die vielen Kinder sieht und die Briefe, die sie geschrieben haben. Die Menschen hier gehen sehr ernsthaft mit dem Todesfall um, ihre Hingabe ist beeindruckend und sehr bewegend. Kinder zünden Kerzen wieder an, die der Regen gelöscht hat. Andere setzen immer wieder den großen Plüsch-Pandabären zurück auf die Mauer, wenn ein Windstoß ihn umgeworfen hat.

Auch die Bereitschaft, Geld für eine würdige Bestattung zu spenden, soll hoch sein.

Wittsack-Junge: Ja, die Menschen sind traurig und hilflos, und ihre Trauer muss einen Weg finden, sich auszudrücken. Viele wollen spenden, um Lea Sophie ein Armengrab zu ersparen. Über den Verein „Leben in Chorweiler“ haben wir ein Spendenkonto eingerichtet, auf dem bisher 3870 Euro eingegangen sind. Ein Longericher Künstler will sich kostenlos bei der Grabgestaltung einbringen, Karnevalisten möchten ein Benefizkonzert veranstalten. Mögliche Überschüsse gehen an die Institution „Kindernöte“, die sich für Projekte im Stadtbezirk und darüber hinaus engagiert.

Wie haben Sie von dem Verbrechen erfahren?

Wittsack-Junge: Am Freitag vor Weihnachten hieß es ja zunächst noch, das Kind sei vermisst. Schon da fand ich es überwältigend, wie viele Menschen sich an der Suche beteiligt haben, allein mehr als 100 freiwillige Feuerwehrleute. Aber da waren auch zahlreiche Familien mit Kindern. Die Polizei sagte ihnen: Gehen Sie doch lieber nach Hause. Aber die Kinder wollten sich nicht wegschicken lassen, sie wollten mitsuchen. Als tags darauf berichtet wurde, dass die Leiche am Fühlinger See gefunden worden war, entwickelte sich auf dem Pariser Platz eine Eigendynamik, immer mehr Kuscheltiere und Kerzen wurden abgelegt. Auf dem Platz drückte sich eine gewisse Identität mit Chorweiler aus.

So mancher dürfte aber auch gedacht haben: Typisch, dass so etwas in Chorweiler passiert.

Wittsack-Junge: Vorfälle wie dieser sind nicht auf bestimmte Wohnviertel oder Stadtteile begrenzt. Vor einer Weile ging der Fall eines Vaters durch die Presse, der seine zweijährige Tochter in Rodenkirchen mit einem Kissen erstickt hat. Solche spontanen Gewaltausbrüche werden wir auch in Zukunft leider nicht verhindern können. Aber ich fände es schön, wenn sich die augenblickliche Anteilnahme nicht in Mitgefühl erschöpft, sondern viele bereit wären, zu helfen, Betreuungsangebote zu unterstützen, etwa Vorlese-Projekte für Kinder oder Hausaufgabenhilfe zu leisten. Das wäre eine ganz konkrete Entlastung für benachteiligte Familien, insbesondere für Alleinerziehende.

Dennoch, was bedeutet der Fall für das Image des Stadtteils?

Wittsack-Junge: Das ist schlimm. Es gibt hier problematische Familien und Jugendliche. Aber wir haben auch unheimlich gute soziale Netzwerke. Die Vorurteile treffen vielleicht auf einige zu, aber sie lassen nicht auf alle schließen. Hier leben sehr viele Menschen mit Bildungsabschlüssen, da würden sich viele die Finger nach lecken. Viele Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, Ingenieure, Künstler, die leben von Hartz IV, weil man in den 1990er Jahren weder ihre Ausbildungen anerkannt noch sie sprachlich integriert hat. Es gibt viele Jugendliche, die Qualifikation und das Auftreten haben, einen Ausbildungsplatz bekommen zu können. Und dann wird ihnen gesagt: Du wohnst in Chorweiler? Sorry, dann nehmen wir dich nicht. Das kann es doch wohl nicht sein.

Was können Sie tun, um das Image zu verbessern?

Wittsack-Junge: Ich glaube zum Beispiel, dass es wichtig ist, in den Schulen aktiv mit den Vorurteilen umzugehen. Man muss den Jugendlichen klarmachen, dass es nichts bringt, eine dicke Lippe zu riskieren und dummes Zeug zu reden. Das schadet ihnen. Wir möchten nicht immer als sozialer Brennpunkt wahrgenommen werden, wir sagen ganz klar: Es gibt unheimlich viele qualifizierte Menschen hier – aus 100 verschiedenen Nationen. Diese Vielfalt konnten wir beispielsweise mit dem Projekt Kunsträume zeigen, das wir im Herbst 2012 zum ersten Mal veranstaltet haben.

Lea Sophie soll dem Wunsch ihrer inhaftierten Mutter entsprechend in aller Stille beigesetzt werden. Viele Menschen in Chorweiler wünschen sich eine öffentliche Trauerfeier. Wie lässt sich das in Einklang bringen?

Wittsack-Junge: Wir spielen derzeit alle Möglichkeiten durch. Ich kann mir im Augenblick kaum vorstellen, dass man etwas gegen den Wunsch der Familie des toten Mädchens macht. Andererseits möchten wir, dass die Menschen im Stadtteil auch damit abschließen können. Wir müssen überlegen, wie wir mit der großen Anteilnahme umgehen. Ich stehe in Kontakt mit dem Rechtsanwalt der Mutter und dem Jugendamt. Es gibt keine Richtlinien, wie man in so einer Situation handeln soll.

Was geschieht mit all den Briefen, Kerzen und Kuscheltieren auf dem Pariser Platz?

Wittsack-Junge: Es wäre zu schade, alles wegzuwerfen. Wir werden sehen, in welchem Zustand die Plüschtiere nach Wochen im Regen sind. Vielleicht kann man sie waschen und an soziale Einrichtungen oder bedürftige Familien geben. Auch die vielen kleinen Engelsfiguren kann man sicher weitergeben.

Sie haben selbst ein Enkelkind. Haben Sie ihm erklärt, was Lea Sophie zugestoßen ist?

Wittsack-Junge: Mein Enkel ist etwas jünger als Lea Sophie. Ihm haben wir es nicht gesagt. Ich glaube, das muss nicht sein. Aber wenn ein Kind schon älter ist, muss man es ihm natürlich erklären. Fragen, die nicht beantwortet werden, richten bei Kindern einen viel größeren Schaden an. Man muss es natürlich kindgemäß erklären. Das ist unglaublich schwierig, weil wir es ja selbst nicht wirklich verstehen können.

Das Gespräch führten Claudia Hauser und Tim Stinauer

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