27.08.2016
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Interview zur Sterbehilfe: „Zu befürworten ist dieser Weg nicht“

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Warum gibt es in Deutschland keine so offene politische Diskussion um aktive Sterbehilfe wie in den Niederlanden oder Belgien?

Michael Wunder: Wir haben eine breite und auch offene Diskussion in Deutschland. Obwohl wir in den letzten Jahren die Palliativversorgung so enorm ausgebaut haben, werden ja dennoch beständig die Erlaubnis der ärztlichen Suizidbeihilfe oder, wie von Ihnen jetzt, die Tötung auf Verlangen, diskutiert und gefordert. Ich glaube, dass wir diskutierten ist gut, wenn gleich ich meine, dass wir diese Dinge in Deutschland nicht brauchen und dass vieles zu diesen Themen gesagt wird, ohne zu wissen, wie gut und wie umfangreich die Möglichkeiten der Palliativbehandlung heute sind. Ich meine die Debatte wird sehr offen geführt. Doch würde ich zwischen Ablehnung der aktiven Sterbehilfe und Unoffenheit in der Diskussion sehr unterscheiden.

Wann könnte die Tötung auf Verlangen in ferner Zukunft moralisch zu billigen sein?

Wunder: Ich kann mir das für Deutschland nicht vorstellen. Das hat zum einen historische Gründe. Wir sind auf Grund der Erfahrungen der Euthanasie im Nationalsozialismus sehr viel sensibler und aufmerksamer. Viele Menschen wissen, dass der Anfang nur eine sehr geringe Einstellungsänderungen der Ärzte bezüglich der Rehabilitierbarkeit Schwerkranker war, was dann Schritt für Schritt in der Unterscheidung zwischen lebenswert und lebensunwert und der Beteiligung an der Euthanasie endete. Dieses Wissen ist eine Chance in meinen Augen.

Zum anderen haben wir ein sehr differenziertes System der Palliativversorgung und einen guten Handlungsrahmen im Bereich des Abbruchs oder der Unterlassung von lebenserhaltenden Maßnahmen am Ende des Lebens, so dass das Zerrbild einer nicht loslassenden Medizin, die den Patienten nicht sterben lässt, in der Praxis lange überwunden ist.

Geben Menschen, die um den Tod bitten, die Verantwortung für sich und ihr Leben ab?

Wunder: Alle, die im medizinischen Bereich arbeiten, kennen Menschen, die angesichts ihrer Erkrankung verzweifelt waren und um Beihilfe beim Suizid oder aktive Sterbehilfe gebeten haben. Ich meine nicht, dass diese die Verantwortung abgeben. Aber es ist an uns anderen, jeweils eine Antwort zu finden, die jenseits der Tötung Linderung von Schmerzen – auch seelischen – und Unterstützung bietet. Für diese Antworten tragen wir anderen die Verantwortung.

Ist es ethisch in Ordnung, wenn ein Sohn seinem Vater hilft, zu sterben?

Wunder: Ich würde immer zwischen Hilfe beim Sterben, also Sterbebegleitung, und Hilfe zum Sterben, also direkte Sterbehilfe, unterscheiden. Das erste ist immer geboten und ethisch zu befürworten. Für das zweite mag es im Einzelfall verstehbare Gründe geben, die sich auf einen einzelnen Notfall beziehen. Zu befürworten ist dieser Weg aber nicht. Dieser Weg kann auch für sich nicht beanspruchen, einer allgemein ethischen Norm zu entsprechen. Im aktuellen Fall aus Köln kommt die völlig inakzeptable Methode der Tötung hinzu, die Handlung im offensichtlichen Alkoholrausch und natürlich die Frage, warum all die anderen heute möglichen Wege der Palliativmedizin nicht versucht wurden.

Das Gespräch führte Claudia Hauser