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Köln im Wandel: Neue Bürger, neues Veedel

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Wohnungen für die Gentrifizierer: Entlang des Mülheimer Rheinufers wurden Häuser gebaut, die sich längst nicht jeder leisten kann. Foto: Grönert
Umzüge, Auszüge, Mietsteigerungen: Der Wohnungsmarkt und die Bevölkerungsentwicklung in den Stadtteilen stehen unter Beobachtung. Wissenschaftler nehmen derzeit besonders Deutz und Mülheim unter die Lupe.  Von
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Die aktuellen Zahlen zum Bau preiswerter Wohnungen in Köln haben einmal mehr für einen Schock gesorgt. Allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz hat es Köln nicht geschafft, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Mehr noch: Über 51 Millionen Euro an Fördermitteln des Landes mussten zurückgegeben werden. Und wieder kündigt die Stadtspitze an, "der zögerlichen Entwicklung beim preiswerten Wohnungsbau entgegensteuern" zu wollen.

Die Folgen der Versäumnisse in der Wohnungsbaupolitik sind überall spürbar: Es steigt der Druck auf den Wohnungsmarkt und auf die, die verzweifelt suchen, weil die Verknappung zu Mietsteigerungen führt. Aber die Auswirkungen gehen viel weiter: Die Fehler in der Stadtentwicklungspolitik führen dazu, dass sich die Stadt verändert.

Studie in Deutz und Mülheim

Der Kölner Wissenschaftler und Soziologe Jürgen Friedrichs befasst sich seit Jahrzehnten mit den Entwicklungen der Großstädte, analysiert die Spaltung in Arm und Reich sowie die Veränderung von Wohngegenden durch die sogenannte Gentrifizierung, also die Veränderung von Quartieren durch Sanierung und Zuzug neuer Bewohner. Jetzt arbeitet der emeritierte Professor der Kölner Universität mit seinem Bonner Kollegen Jörg Blasius an einer international einzigartigen Studie. Seit 2010 und bis 2014 werden in Deutz und Mülheim in vier Wellen 1000 Bewohner befragt, um Veränderungen zu dokumentieren.

So werden Um- und Auszüge, Mietsteigerungen oder die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen erfasst. Ein erstes Zwischenergebnis belegt am Beispiel der beiden Stadtteile den Wandel: Fast 40 Prozent der befragten Deutzer sind erst nach 2006 ins Viertel gezogen - damit ist die Zahl der Neubürger fast so groß wie die der Alteingesessenen. Rund 20 Prozent zogen zwischen 2001 und 2005 zu. In Mülheim sind die Zahlen noch deutlicher: Mehr als 48 Prozent sind Neuzugezogene. Nur noch etwas mehr als die Hälfte wohnt länger als 2005 dort. Parallel zu diesen Entwicklungen steigen die Durchschnittsmieten deutlich.

Paradebeispiel Kölner Südstadt

Die Zahlen der Soziologen dokumentieren die Veränderung der sozialen Zusammensetzung. Sie teilen die Bewohner in drei Gruppen ein: Die Quartiere der alteingesessenen Mülheimer und Deutzer Familien werden von sogenannten Pionieren entdeckt - Menschen, die jünger als 35 Jahre sind, über eine für das Viertel überdurchschnittliche Bildung verfügen und weniger als 1250 Euro im Monat verdienen. Gemeint sind Studenten, Künstler, junge Existenzgründer und Freiberufler. Sie entdecken einen Stadtteil für sich, lassen sich locken von Urbanität, multikultureller Vielfalt und günstigen Mieten.

Wenn sich dann eine spannende soziale Mischung sowie ein attraktives gastronomisches und kulturelles Angebot entwickelt hat, kommen die sogenannten Gentrifizierer ins Viertel. Im Gegensatz zu den Pionieren sind die risikoscheu. Sie sind etwas älter, oft gebunden, nicht selten mit einem Kind und einem deutlich höheren Einkommen. Sie sorgen für die tiefgreifende Veränderung des Viertels. Der Fachbegriff Gentrifizierung bedeutet zunächst einmal eine Aufwertung der Quartiere. Der Wohnstandard steigt, die Infrastruktur verbessert sich. In letzter Konsequenz bedeutet dieser Prozess aber auch die Verdrängung der Alteingesessenen, wie Wissenschaftler an allen möglichen Städten der Welt nachweisen. Sie können es sich nicht mehr leisten, in ihrem Viertel zu wohnen - und müssen wegziehen.

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Das Zusammenleben von Alteingesessenen und Pionieren funktioniert in der Regel noch recht gut, der Zuzug der wohlhabenderen Gentrifizierer führt jedoch zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung. "Die Kölner Südstadt ist das erste Kölner Beispiel, wo dieser Prozess praktisch abgeschlossen ist", sagt Friedrichs. Im Belgischen Viertel und im Agnesviertel läuft er. Die weiteren Kandidaten sind nach Friedrichs Einschätzung Ehrenfeld, Nippes und nun eben die rechtsrheinischen Stadtteile Mülheim und Deutz.

Vielfalt geht, Bürgerlichkeit kommt

Die von Sozialwissenschaftlern untersuchten Gentrifizierungsprozesse führten stets dazu, dass die besser verdienenden Neubürger andere zum Wegzug zwingen, weil denen das Wohnen im Viertel zu teuer wird oder sie bei der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen keine Chance haben, selbst zu kaufen. Zuerst werden die Pioniere verdrängt, die ins nächste In-Viertel weiterziehen, danach müssen die Alteingesessenen gehen. Die Vielfalt, die die Neuen lockte, nehme ab, die Bürgerlichkeit nehme zu, so Friedrichs.

Nach der Auswertung der ersten Befragungsergebnisse in Deutz und Mülheim stellt Friedrichs eine neue These auf: Der Prozess der Verdrängung verändert sich offenbar. Nur noch wenige Bewohner würden tatsächlich räumlich verdrängt. Vielmehr finde eine "Verdrängung des Lebensstandards" statt: "Die Menschen können gar nicht umziehen, weil in der Stadt Wohnraum fehlt." Die Wohnungsnot und der Wunsch, die Stadt nicht zu verlassen, führten dazu, dass die Menschen in ihren Vierteln bleiben und Mietsteigerungen hinnehmen. Das führe dazu, dass weniger vom Einkommen für den Alltag, für Ferien, für Konsum oder Freizeit übrig bleibt.

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