28.07.2016
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Nach Silvesterübergriffen: Prominente verfassen gemeinsame „Kölner Botschaft“

Verfasser der Kölner Botschaft: Frank Schätzing (oben v.l.), Christiane Woopen, Wolfgang Niedecken, Navid Kermani, Rosemarie Trockel, Werner Spinner (unten v.l.), Kardinal Rainer Maria Woelki, Mariele Millowitsch, Bettina Böttinger und Fatih Cevikkollu.

Verfasser der Kölner Botschaft: Frank Schätzing (oben v.l.), Christiane Woopen, Wolfgang Niedecken, Navid Kermani, Rosemarie Trockel, Werner Spinner (unten v.l.), Kardinal Rainer Maria Woelki, Mariele Millowitsch, Bettina Böttinger und Fatih Cevikkollu.

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Bilder: dpa, ksta

Wir lieben Köln. Wir lieben die Vielfalt unserer Stadt, die Lebenslust, das immer etwas Chaotische, nicht ganz so Reglementierte, niemals Stubenreine, aber auch die Gastfreundschaft und Offenheit für Lebensformen, Kulturen und Sprachen, die erst seltsam anmuten und kurz darauf bereits zum Alltag gehören. Wir lieben die Kraft unserer Stadt, aus Zuwanderern innerhalb kürzester Zeit begeisterte Kölner zu machen. Zugleich spüren wir, dass Köln eine uralte Stadt ist, an einem großen Fluss, der jeden Tag auf die gleiche Weise an uns vorüberzieht, und das gibt uns vielleicht die Gelassenheit, nicht bei jeder schlechten Nachricht gleich eine Katastrophe zu befürchten und selbst beim Abstieg unseres Fußballvereins an die Qualifikation für die Champions League zu denken. Et hätt noch immer jot jejange, ist tatsächlich unser Lebensgefühl.

Mag sein, dass unser brennender Lokalpatriotismus merkwürdig anmutet, denn von außen betrachtet – im Stillen geben wir es zu –, ist das ehemals so prachtvolle Köln seit seiner Zerstörung in den Jahren von 1942 bis 1945 keine Schönheit mehr, nein. Aber die Hässlichkeit, die der Krieg und leider auch unsere eigene Nachlässigkeit in unseren Straßen und auf unseren Plätzen hinterlassen haben, oder eine Katastrophe wie der Einsturz des Historischen Archivs, der unseren Langmut dann doch erschüttert, tun unserer Liebe keinen Abbruch, im Gegenteil: Diese sichtbare Verwundbarkeit und Unvollkommenheit der Stadt vertieft unsere Liebe noch. Denn wir merken, wir müssen uns kümmern, damit es unserem Köln weiterhin jot jeiht.

Die Ereignisse der Silvesternacht rund um den Hauptbahnhof haben uns alle aufgewühlt, beunruhigt, verunsichert. Viele hundert Frauen und Mädchen sind Opfer sexueller Gewalt und brutaler, offenbar bandenmäßiger Kriminalität geworden. Die Behörden, die für unsere Sicherheit verantwortlich sind, haben nicht nur hilflos zugesehen, sie haben dieses große Verbrechen im Herzen unserer Stadt zunächst verharmlost oder sogar zu vertuschen versucht. Die Ängste, wechselseitigen Vorwürfe, unbeantworteten Fragen und manche reißerischen Medienberichte, die seit der Silvesternacht die Gespräche und Debatten in unserer Stadt beherrschen, drohen zu einer Spaltung in unserer Gesellschaft zu führen. Das gilt umso mehr, als wir in einer Zeit leben, in der kulturelle und ethnische Konflikte immer häufiger auch mit physischer Gewalt geführt werden. Der dschihadistische Terror, der weltweit unschuldige Menschen wahllos tötet, hat auch Deutschland ins Visier genommen. Deutsche Rechtsextremisten haben allein im vergangenen Jahr fast tausend Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt.

Einen Tag vor ihrer Wahl wurde die jetzige Oberbürgermeisterin Henriette Reker wegen ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Und erst vor wenigen Tagen mussten wir in Köln zusehen, wie Anhänger der sogenannten Pegida-Bewegung hemmungslos am Bahnhof randaliert und wie kurz darauf Unbekannte in der Innenstadt Jagd auf Menschen ausländischer Herkunft gemacht haben. Die unzähligen Helfer genauso wie die verantwortlichen Politiker, die sich in den vergangenen Monaten für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt haben, werden zu naiven Idioten erklärt, wenn nicht zu Vaterlandsverrätern. Auf der anderen Seite fühlen sich Mitbürger, die ihre Sorgen vor der Zuwanderung artikulieren, pauschal als Fremdenfeinde diskreditiert.

Um der wachsenden Polarisierung in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, ist es wichtig, an das Gemeinsame zu erinnern – und zwar auch ganz konkret mit Blick auf die Ereignisse der Silvesternacht. Denn gleich welchen Geschlechts und Alters wir sind, welcher Herkunft und Religion, welchen Beruf wir ausüben und welcher Partei wir angehören, welche sexuelle Orientierung wir haben und welche private Leidenschaft – wir alle wollen uns in Köln sicher, frei und offenen Blicks bewegen.

So haben wir vier Forderungen aufgeschrieben, von denen wir glauben, dass sie nicht nur unsere eigenen sind. Und wir haben jeweils Erläuterungen hinzugefügt, die bei manchen wahrscheinlich Widerspruch provozieren – aber das ist auch gut, solange es ein konstruktiver, im Ton nicht verletzender Widerspruch ist. Nichts tut aus unserer Sicht mehr not, als die Debatte zu versachlichen, die wir in Köln und über Köln hinaus spätestens seit der Silvesternacht zu Recht führen.

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Kein Tolerieren von sexueller Gewalt

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