28.07.2016
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Kölner Kulturpaten: „Kreativität allein genügt nicht“

Dr. Wolfgang Schneider, ehemaliger Leiter der Rechts- und Regierungsabteilung von Ford Europa.

Dr. Wolfgang Schneider, ehemaliger Leiter der Rechts- und Regierungsabteilung von Ford Europa.

Foto:

Peter Rakocy

Herr Schneider, Sie helfen Künstlern unter anderem, Business-Pläne zu schreiben und Fördergeldanträge auszufüllen. Sind kreative Menschen schwierige Klienten?

Nein, Künstler reagieren positiv auf Kritik. Das hat mich anfangs überrascht, mittlerweile habe ich verstanden: Die Überarbeitung ist ein Teil der Kunst. Bis ein Künstler sein Werk der Öffentlichkeit präsentiert, geht dem schließlich meist auch ein langer kritischer Prozess voran.

Wer besucht Ihre Künstlersprechstunden?

Die ganze Palette: Musiker, darstellende Künstler, Bildhauer, Tänzer, Schriftsteller... Einzelne sind eher selten, meist sind es Gruppen.

..und blutige Anfänger?

Es sind meist Künstler, die schon etwas erreicht haben, aber die mehr erreichen wollen. Sie stehen an einem Punkt, an dem ein wirtschaftliches Denken dazukommt. Es geht nicht mehr nur darum, sich in der Kunst auszudrücken, sondern auch darum, sich aktiv um sein Publikum zu kümmern. Sich neue Zielgruppen zu erschließen.

Sie, der aus der freien Wirtschaft kommt, helfen Ihren Klienten also vor allem, sich zu vermarkten?

Auch Künstler müssen Geld verdienen, aber meine Beratung fängt meistens grundsätzlicher an: Zu mir kam zum Beispiel eine Theatergruppe, ein Kollektiv, in dem jeder alles machte. Meiner Erfahrung nach starten Künstlergruppen oft so. Aber je erfolgreicher sie werden, desto mehr müssen sie sich arbeitsteilig organisieren. Ich habe die Gruppe gefragt: Wer hat bei euch das Sagen? Wer soll die Rolle des Managers übernehmen? Und wer übernimmt welche anderen Aufgaben? Erst wenn die Organisationsfragen geklärt sind, sprechen wir über Vermarktung.

Künstler sind innovativ und zumeist charismatisch. Sind sie nicht geborene Verkaufstalente?

Kunst und Kultur zu verkaufen hängt oftmals zusammen mit purer Bürokratie, und damit zurechtzukommen ist oft nicht leicht. Da kann ich helfen, indem ich im Gespräch die andere Perspektive einnehme. Etwa die einer Stiftung. Die muss ihren Förderantrag schließlich korrekt ausgefüllt bekommen, weil sie ihren Mitgliedern Rechenschaft darüber schuldig ist, wen sie unterstützt.

Sie haben für Ford die Zusammenarbeit mit dem Künstler HA Schult betreut, der aus einem Ford Fiesta das bekannte goldene „Flügelauto“ machte und auf dem Dach des Stadthauses platzierte. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit geben Sie an Ihre Klienten weiter?

Ich halte den Künstlern, die zu mir in die Sprechstunde kommen, immer wieder den Spiegel vor und frage: Warum sollte ein Unternehmen Ihre Kunst kaufen? Schult hat den Fiesta – der damals schon ein Kultauto war – genommen, die Kunst dazugebracht und das Produkt damit veredelt. Er hat es auf eine höhere Stufe gestellt, auf die es von allein nicht gekommen wäre. Das ist etwas, was ich in den Gesprächen mit Künstlern oft klarstellen muss: Ihre Kreativität allein genügt nicht. Die Idee muss zur Unternehmensphilosophie passen. Eine Firma fragt immer: Was ist mein Vorteil dabei?

Welche Rolle spielt Kultur für Sie persönlich?

Mich hat immer fasziniert, dass Künstler extrem zukunftsgerichtet sind. Ich bin ein Fan von Rainer Werner Fassbinder, der in seinen Filmen häufig wie ein Visionär auf Gesellschaftszustände hingewiesen hat, die erst viel später eingetreten sind. Ich bin immer viel ins Kino und ins Theater gegangen, aber ich hatte wenig persönlichen Kontakt mit Künstlern. Den habe ich erst jetzt, das ist das Schöne an meiner Arbeit.


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