26.07.2016
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Kommentar zum „Abi-Krieg“ in Köln: Das Abitur nicht verdient

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Spuren der Krawalle vor dem Humboldt-Gymnasium.

Foto:

Arton Krasniqi, KSTA

„Eisern!“, rufen sie und ziehen in die Schlacht. Schon die Gymnasiasten in Erich Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“ langen ordentlich hin, wenn es gegen die Jungs von der verfeindeten Realschule geht. Zerrissene Klamotten, blutige Lippen, Geiselnahme, Ohrfeigen-Folter und Klausurenverbrennung – Kästners Schulkrieger lassen kaum etwas aus. Daran kann man erinnern, wenn 2016 die Abiturienten aufeinander losgehen.

Es hat etwas Gemeinschaftsstiftendes, sich in der Gruppe gegen andere zu behaupten. Vermutlich gehört es für Halbstarke (wie Kästner diese Postpubertierenden genannt hätte) dazu, bei solchem Kräftemessen auch mal handgreiflich zu werden.

Eine Generation in Misskredit gebracht

Aber anders als in der Pennäler-Idylle von einst haben die Akteure heute jedes Maß verloren. Was sich in Köln abgespielt hat, ist asozial. Der rabiate Egotrip Einzelner bringt eine Generation in Misskredit, die bald zur Elite zählen will.

Diese – Verzeihung! – Jungdeppen kommen nicht selten aus privilegierten Verhältnissen, genießen eine Fülle von Annehmlichkeiten. Nach ihrer Schullaufbahn, an deren Ende ausgerechnet ein Zertifikat der (Hochschul-)Reife steht, haben sie beim Start ins Leben unbestreitbar Vorteile gegenüber anderen Gleichaltrigen.

Wenn sie das so gering schätzen und sich so eklatant danebenbenehmen, haben sie das Abitur nicht verdient. Formal wird man es ihnen nicht verweigern können. Aber die Absage offizieller Feiern, die mancher Abiturient ähnlich intensiv vorbereitet wie seine Leistungskurs-Klausuren, wäre eine so symbolische wie schmerzliche Sanktion.

Dass die Polizei inzwischen Sonderkommissionen einrichten muss, um das außer Kontrolle geratene Treiben einzudämmen, ist der Ausbund an Absurdität. Die Beamten fehlen nämlich genau dort, wo die Gewalt keine Inszenierung eines spaßigen Events ist. Spätestens nach der Silvesternacht sollte das in Köln jedem „Schulkrieger“ dämmern, der nicht komplett behämmert ist.