Köln
Nachrichten aus Köln und den Stadtteilen

Vorlesen
2 Kommentare

Kürzungen beim Offenen Ganztag: Eltern und Schüler protestieren

Erstellt
Schüler der Grundschule Balthasarstraße protestieren: Alle sollen einen Ganztagsplatz bekommen, keiner ausgeschlossen werden.  Foto: Christoph Hennes
Im nächsten Schuljahr werden zahlreiche Ganztagsplätze fehlen. Trotzdem sind die Ausgaben gedeckelt worden. Der Finanzausschuss verhandelt am Freitag über das Thema. Am Montag protestieren Eltern und Kinder gegen die Kürzungen.  Von
Drucken per Mail
Köln

Im nächsten Schuljahr werden Hunderte Familien keinen Platz für die Betreuung ihrer Grundschulkinder am Nachmittag bekommen. Die Stadtschulpflegschaft als Interessenvertretung der Kölner Eltern geht davon aus, dass sogar 1500 Kinder bei der Platzvergabe in den Offenen Ganztagsgrundschulen leer ausgehen werden. Schuldezernentin Agnes Klein hält die Schätzung der Eltern für realistisch.

Jahrelang hat die Stadt ihr Betreuungsangebot ausgebaut und immer wieder nachgelegt. Ein gutes Bildungsangebot sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind von Oberbürgermeister Jürgen Roters immer wieder zum Standortfaktor erklärt worden – auch in Zeiten des Sparens. Trotzdem sind die Ausgaben für den Ganztag im vergangenem Jahr gedeckelt worden. Zusätzliche Ausgaben sollte es vorerst nicht mehr geben. Die Ratsfraktionen werden am Freitag im Finanzausschuss erklären, ob sie diesen Weg weiter mitgehen wollen. Der Druck, wegen des Protests betroffener Eltern die Sparbremse zu lockern, ist groß.

„Zweiklassenschülerschaft“

24 000 Ganztagsplätze gibt es mittlerweile an den Kölner Grundschulen. Damit sind rund 70 Prozent der Kinder versorgt. Aus Sicht der Stadt ist das eine Erfolgsgeschichte. Die Kehrseite: Heute sind diejenigen, die keinen Platz bekommen, in der Minderheit. Viele betroffene Eltern und Kinder empfinden das als Benachteiligung und Ausgrenzung. „Kinder, die nicht in den Ganztag kommen, haben nicht nur keinen Ganztagsplatz. Sie haben Nachmittags auch kaum Spielkameraden“, sagt ein Pädagoge, der für einen Träger im Offenen Ganztag arbeitet. Und: „Die einen Ganztagsplatz bekommen, haben einen bildungsspezifischen Vorsprung, der von Schuljahr zu Schuljahr wächst.“ Der Ausschluss von Kindern führe zu einer „Zweiklassenschülerschaft“, heißt es in einem Brief der Elternvertreter der Gemeinschaftsgrundschule Balthasarstraße im Agnesviertel.

Die Lage an dieser Grundschule ist besonders brisant, weil sich die Schule in den letzten Jahren vom Offenen Ganztag zu einer richtigen Ganztagsschule entwickelt hat. Schulstoff und offene Angebote können sich über den Tag abwechseln, weil alle Kinder auch über Mittag in der Schule sind. Die Fachleute nennen das „Rhythmisierung“ – ein Ziel, das auch die städtische Schulverwaltung unterstützt. Weil die Schule zum kommenden Schuljahr mehr Schüler aufnimmt, würden nun 22 Ganztagsschulplätze fehlen. Damit würde das gesamte pädagogische Konzept der Schule auseinanderfliegen.

Drohung mit verkürzten Öffnungszeiten

„Alle Schulen müssen auf Dauer mit einer ausreichenden Anzahl von Ganztagsplätzen ausgestattet werden“, fordert die Sprecherin der Stadtschulpflegschaft, Heidi Irlenbusch. Wenn am Montag der Schulausschuss tagt, soll vor dem Rathaus demonstriert werden. Zur nichtausreichenden Platzzahl kommt nämlich ein weiteres Problem: Die Stadt will ihren Zuschuss kürzen. Zwar geht es „nur“ um fünf Prozent. Weil das Ganztagsangebot aber schon jetzt mit äußerst knappen Mitteln auskommen muss, drohen viele Träger nun mit dem Abbau von Angeboten und Verkürzung der Öffnungszeiten.

So wird das Offene Ganztagsangebot finanziert

Die freien Träger der Offenen Ganztagsschulangebote bekommen Geld von der Stadt, um das Angebot zu finanzieren. Außerdem stehen der Schule 0,2 Lehrerstellen pro Betreuungsgruppe zur Verfügung. Das entspricht 5,6 Unterrichtsstunden, die zum Beispiel für die Hausaufgabenbetreuung oder die bessere Verzahnung von Vormittags- und Nachmittagsangeboten genutzt werden können. Pro Gruppe mit 25 Kindern bekommt der Träger 38 900 Euro im Jahr. Davon müssen Mitarbeiter, Sachkosten sowie der Verwaltungsaufwand bezahlt werden. Schule und Träger können auf 0,1 Lehrerstelle pro Gruppe verzichten. Dann werden 5125 Euro mehr ausgezahlt.

Für die 24 000 Ganztagsplätze an Grundschulen werden 51,6 Millionen Euro ausgegeben. Das Land zahlt 24,8 Millionen Euro, 10,8 Millionen kommen über Elternbeiträge zusammen. Rund 16 Millionen gibt die Stadt dazu. In der aktuellen Spardebatte hat die Verwaltung vorgeschlagen, fünf Prozent dieses freiwilligen Beitrags einzusparen. Das entspricht 800 000 Euro. (fra)

Die Stadt pocht darauf, dass das nicht geschehen darf. Die Anforderungen an ein Ganztagsangebot sind vertraglich mit den Trägern geregelt – ein umfangreicher Leistungskatalog, zu deren Einhaltung die Träger verpflichtet sind: verlässliche Angebotszeiten, individuelle Förderung, Betreuung von Kindern mit Lernproblemen, Hochbegabten-Förderung, Freizeitangebote, die handwerkliche Fähigkeiten, Umweltbewusstsein oder musische Talente fördern, zwei Betreuer pro Gruppe, zwei freiwillige AGs pro Kind, die Verzahnung von Schulunterricht und Freizeitangebot, ein gutes Mittagsessen und einiges mehr. In einem Treffen mit Trägervertretern soll die Stadt deutlich gemacht haben, dass sie trotz der Zuschusskürzung nicht eine Leistungseinschränkung akzeptieren wird.

Zu Dumping-Löhnen gezwungen

Weil auch bei den Sachmitteln nicht mehr gespart werden kann, bleibt den Trägern nur, Löhne und Honorare für ihre Mitarbeiter zu kürzen. Dass freie Jugendhilfe-Träger das Nachmittagsangebot verantworten, ist bei der Erfindung des Offenen Ganztags pädagogisch begründet worden. Tatsächlich hilft das Konstrukt nun dabei, Tarifvereinbarungen zu unterlaufen, die eigentlich für diese pädagogischen Arbeiten im Auftrag des Staates vorgesehen sind. Wäre das Nachmittagsangebot in staatlicher Trägerschaft, würde das Geld, das für eine Kindergruppe bereitgestellt wird, gerade dazu reichen, die Löhne der festen pädagogischen Mitarbeiter zu bezahlen. Nichts bliebe für Arbeitsgemeinschaften, Sportangebote, Spielmaterialien, Honorarkräfte oder Küchenhilfen. „Wir sind gezwungen, Dumping-Löhne zu zahlen“, sagt ein betroffener Trägermitarbeiter. „Dass darunter die Qualität leidet, darf keinen wundern.“

Auch interessant
KVB Fahrplan
Start
Ziel
Datum
Zeit
 
Blicke in die Zukunft Kölns
Serie
Visionen für Köln

Mit der Serie „Köln 2020“ wagt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ einen Blick in die Zukunft der Stadt.

Videos
Unsere Sonderveröffentlichungen
FACEBOOK
Blog
Digitale Themen
Das Logo von Rheinklick

Mini-Coding-Schulungen, Analysen oder Veranstaltungen, hier geht es um Themen rund um die digitale (Kölner) Szene.

Weitere Serien
Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!