23.07.2016
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4 Fragen an:: „Nicht gegen die Autofahrer“

Herr Brocchi, den Tag des guten Lebens in Ehrenfeld 2013 hatten Sie maßgeblich mit angestoßen. In Sülz gehören Sie auch deshalb zum Koordinationskreis, weil Sie nun auch betroffener Anwohner sind. Macht das für Sie einen Unterschied?

Davide Brocchi: Ja, ich fühle mich stärker emotional involviert, weil es um meine eigene Nachbarschaft geht. In diesem Jahr möchten wir beweisen, dass Ehrenfeld nicht bloß ein Glücksfall war, sondern dass das Konzept auf andere Stadtteile übertragbar ist.

Es wird auch Sülzer geben, die von dem Vorhaben eher genervt sind. Welche Argumente führen Sie an?

Brocchi: Der Tag ist nicht gegen die Autofahrer, sondern für alle. In Ehrenfeld haben ihn rund 100 000 Menschen genossen. Deshalb hat die Bezirksvertretung Lindenthal im Februar unseren Antrag einstimmig beschlossen. Die Stadtverwaltung wird diese politische Entscheidung nun umsetzen müssen, dafür gibt es klare Regeln.

Ist der Tag des guten Lebens vor allem ein großes Straßenfest?

Brocchi: Das Wort Fest verwende ich nicht so gern, weil man dann unweigerlich in die Schublade „Pommes und Bier“ gerät. Es gibt deutlich mehr Möglichkeiten des Beisammenseins. In Ehrenfeld machten viele Anwohner die Erfahrung, dass man die eigene Stadt wie einen ungewöhnlich schönen Urlaubsort erleben kann.

Sülz ist ein Stadtteil mit vergleichsweise hoher Wohnqualität. Warum braucht es da überhaupt noch einen Tag des guten Lebens?

Brocchi: Die Formulierung „gutes Leben“ meint nicht nur Genuss, sondern bezieht sich vor allem auf die Frage, welche Verantwortung die Menschen für das Gemeinwesen und die Nachhaltigkeit übernehmen wollen. Sülz ist ein Stadtteil, in dem die Gentrifizierung bereits zu einer gewissen sozialen Selektion geführt hat. Das hat sich nicht unbedingt auf die Lebensqualität ausgewirkt. Es gibt zu viel Beton, zu wenig Grün, der öffentliche Raum wird privatisiert, die Freiräume immer enger.

Davide Brocchi (44), Sozialwissenschaftler, ist Gründungsmitglied des Agora-Netzwerks.