24.07.2016
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Rollitennis: Im Rollstuhl über den Tennisplatz

Regina Isecke (r.) organisierte das Rollitenniscamp in der Halle des TC Widdersdorf, bei dem junge Rollstuhlfahrer von Trainern

Regina Isecke (r.) organisierte das Rollitenniscamp in der Halle des TC Widdersdorf, bei dem junge Rollstuhlfahrer von Trainern betreut wurden.

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Esch

Widdersdorf -

Der neunjährige Alex wirft den Ball in die Luft. Mit dem Schläger, den er in der anderen Hand hält, schmettert er ihn über das Netz – von der Grundlinie des Tennisplatzes aus. Dort sitzt er in seinem Rollstuhl. Zweimal darf der Ball nun im gegnerischen Feld auftitschen. Das ist die einzige Sonderregel beim Rollstuhl-Tennis. Dann spätestens muss der 14-jährige Niklas ihn zurück schlagen. Schnell fährt er mit seinem Rollstuhl in Richtung Ball, stoppt, angelt sich ihn mit dem Schläger aus der Luft und befördert ihn auf die andere Seite des Netzes. Das sieht sehr professionell aus.

Niklas und Alex gehörten zu den fortgeschritteneren Spielern beim Rollitennis-Camp, das die Gold-Kraemer-Stiftung für Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 21 Jahren in der Tennishalle des TC Widdersdorf veranstaltete. Die Anfänger, die auf dem Nachbarplatz trainierten, hatten kürzere Strecken zu überwinden. Von der Mittellinie aus versuchten sie die Bälle, die ein Trainer ihnen zuwarf, über das Netz zu spielen.

„Kölner Projekt Rollitennis“

Alle neun Teilnehmer des Rollitenniscamps waren mit Feuereifer bei der Sache. An zwei Tagen konnten sie mit zwei Trainern jeweils vier Stunden intensiv in der Tennishalle des TC Widdersdorf trainieren.

Vor sechs Jahren hat Regina Isecke (60) das „Kölner Projekt Rollitennis“ ins Leben gerufen und seitdem regelmäßig Tenniscamps für junge Rollstuhlfahrer veranstaltet. Die Bronzemedaillengewinnerin im Rollistuhltennis bei den Paralympics in Barcelona sitzt seit einem Verkehrsunfall im Jahr 1971 im Rollstuhl. „Der Sport hilft dabei, als behinderte Person Anerkennung zu finden“, so schreibt sie auf ihrer Homepage. Diese Erfahrung möchte sie gerne an die jungen Rollstuhlfahrer weitergeben: „Ich war 20 Jahre lang Lehrerin an einer Körperbehindertenschule. Mir liegen die Kinder am Herzen. Bislang gibt es in Deutschland noch zu wenig Angebote im Rollitennis für Kinder und Jugendliche“, sagt die engagierte Frau.

Vier Rollstuhltennis-Camps im Jahr

Vor vier Jahren hat die Gold-Kraemer-Stiftung Regina Iseckes Projekt übernommen und sie eingestellt. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, geistig und körperlich behinderte sowie arme, alte und kranke Menschen zu fördern. „Die praktische Arbeit im Rollitennis-Camp passt perfekt zu unserem Stiftungsziel“, meint Michael Goldberg, Beauftragter des Stiftungsvorstandes. Vier mal im Jahr findet das Rollitennis-Camp für Jugendliche mittlerweile statt. Einmal gibt es mit dem Goldkraemer-Nachwuchs-Rollitennis-Cup sogar ein richtiges Turnier.

Aus ganz Deutschland reisen junge Menschen zu den Camps und dem Turnier an. „Das Tolle dabei ist, dass die Trainer intensiv auf die Stärken und die Schwächen der Spieler eingehen können. Da kann ich mich wirklich gut verbessern“, kommentierte Niklas das Training. Der junge Mehrheimer, der seit Geburt auf den Rollstuhl angewiesen ist, spielt seit vier Jahren Tennis und war bereits zum vierten Mal beim Camp dabei. Beim jüngsten Nachwuchs-Rollitennis-Cup belegte er in seiner Leistungsklasse den dritten Platz. Hat sich der junge Sportler weitere Ziele im Rollitennis gesteckt? „Och nö, im Rollitennis sind die Möglichkeiten doch eher beschränkt“, so Niklas. Dank Regina Isecke bleibt das aber vielleicht nicht mehr lange so: Sie verfolgt mit ihrem Engagement ein langfristiges Ziel: „Es wäre toll, wenn die jungen Rollstuhlfahrer irgendwann einmal im Tennisclub an ihrem Heimatort um die Ecke gemeinsam mit den nichtbehinderten Jugendlichen trainieren könnten.“