31.07.2016
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Wohnprojekt: Bunte Mischung unter einem großen Dach

Mit seiner Verklinkerung soll der Hof an die Bauten erinnern, die das Ortsbild Widdersdorfs seit dem Mittelalter bestimmen.

Mit seiner Verklinkerung soll der Hof an die Bauten erinnern, die das Ortsbild Widdersdorfs seit dem Mittelalter bestimmen.

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Genossenschaft

Widdersdorf -

Seit dem Mittelalter prägten große Höfe das Bild des Dorfes. Einige gibt es heute noch, wenn auch mit zeitgemäßer statt landwirtschaftlicher Nutzung. Im Frühjahr 2013 bekommt Widdersdorf sogar einen neuen Hof, an prominenter Stelle am Ortseingang links der Hauptstraße. Ein Gutshof, der sein modernes Konzept hinter traditionell verklinkerten Betonwänden versteckt.

Wasserpfützen, gestapeltes Dämmmaterial, Baugeräte – Noch weist im Innenhof des Baus, den Josef Hennebrüder „die Verwirklichung eines beruflichen Lebenstraumes“ nennt, wenig auf das Leben hin, wie es sich die künftigen Bewohner der 75 zwischen 47 und 125 Quadratmeter großen Wohnungen vorstellen. „Gut in Widdersdorf“ heißt das ungewöhnliche Wohnprojekt, das die Antwort auf gleich mehrere aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen geben will: Die Bekämpfung von Vereinsamung und Altersarmut, das Zusammenleben mehrerer Generationen unter einem Dach, die Möglichkeit für junge Familien, trotz gestiegener Immobilienpreise Eigentum zu bilden.

Gesellschaftliche Notwendigkeit

„Es gibt die gesellschaftliche Notwendigkeit, etwas zu machen“, sagt Hennebrüder, der Initiator des Projekts, das genossenschaftlich organisiert ist. Käufer von Einlagen erhalten ein lebenslanges, vererbbares Wohnrecht. „Die Bewohner haben die Freiheit des Mieters und die Sicherheit des Eigentümers“, sagt der 67-jährige Betriebswirt, der Firmen bei der Entwicklung von Wohnprojekten berät und auch am Konzept des Neubaugebiets Widdersdorf-Süd beteiligt war. Statt Miete zahlen Genossen ein Nutzungsentgelt, das deutlich sinkt, sobald die Genossenschaft die Darlehen getilgt hat. Zwei Drittel der Wohnungen sind zudem mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus gefördert.

„Hier werden wir sonntags zusammen Lindenstraße oder Tatort schauen“, sagt Jan Bretschneider, der dort steht, wo einer der Gemeinschaftsräume entstehen wird, eine Etage darüber sollen sich Appartments für die Gäste der Bewohner befinden. Der 35-jährige Qualitätsmanager zieht mit seiner Lebensgefährtin in den Gutshof, „weil wir das Mehrgenerationen-Konzept spannend fanden“. Die Mutter seiner Lebensgefährtin hat ebenfalls eine Wohnung im Haus. „Wir hatten vor, dass sie in unserer Nähe wohnt“, erklärt Bretschneider, der noch in Ehrenfeld lebt, es dort aber „zu anonym“ findet. Auch Thorsten Söders Eltern werden seine Nachbarn sein. Spontan hätten sie sich dazu entschieden, erzählt der 39-jährige Bankkaufmann, der dem Vorstand der Genossenschaft angehört. „Das gibt es hier oft“, sagt Söder. Auch er ist zufällig auf das Konzept aufmerksam geworden.

Mehr Jüngere als Ältere

Viele derer, die bald unter einem großen Dach leben werden, kennen sich durch regelmäßige Treffen bereits. „Seitdem ich dabei bin, sind drei oder vier Kinder geboren worden“, freut sich Monika Bellinghausen auf die Zukunft mitten im Trubel. Noch lebt die 71-jährige pensionierte Kunstlehrerin, die sich „schon immer für Wohngemeinschaften interessierte“, in ganz Köln danach suchte und in der Zeitung eine Anzeige des Gutshofs sah, in Hürth-Efferen. „Ich will das jetzt durchziehen“, habe sie sich gesagt. Ihre Eigentumswohnung mit der riesigen Dachterasse steht zum Verkauf.

Die jüngsten Mitglieder der Genossenschaft sind Anfang 20, überhaupt sind unter den Genossen mehr Jüngere als Ältere – ungewöhnlich für ein Mehrgenerationenprojekt. „Wir mussten sogar bremsen“, wirft Hennebrüder ein, sonst hätte die angestrebte, gleichwertige Mischung aller Altersgruppen nicht gelingen können. Und nicht nur das Alter der Bald-Widdersdorfer ist bunt gemischt. „Vom Auszubildenden bis zum Professor für Unternehmensführung“ reiche die Bandbreite der Berufe der Hof-Bewohner, die „eine eigene, kleine Dorfgemeinschaft“ sein wollen, wie Jan Bretschneider sagt. Neben den vielen Einfamilienhäusern in Widdersdorf-Süd wollen die Gutshof-Bewohner ein „Projekt gegen die Ghettoisierung des Ortes“ sein.

Josef Hennebrüder hört den künftigen Bewohnern geduldig zu, manchmal nickt er. Lange hat er an dem Projekt gefeilt, immer neue Aspekte berücksichtigt. Viel Zeit hat ihn die Planung gekostet, auch Geld. „Der Gutshof ist mein Hobby“, sagt er, der nach eigener Aussage im Laufe seines Berufslebens „1500 Familien zu Eigentum gebracht hat“. Seine Motivation habe sich schon im Studium entwickelt. „Ich zähle mich zur 68er-Generation“, sagt Hennebrüder, „wir wollten die Gesellschaft verändern.“ Ob das gelingen kann, wird sich in naher Zukunft zeigen. Seine Idee hat bereits in anderen Städten für Aufsehen gesorgt: In Aachen, Leverkusen und dem westfälischen Senden sind neue Wohngenossenschaften nach dem Widdersdorfer Vorbild geplant.