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Lkw-Ausbildungstour: Volle Konzentration beim Fahrtraining

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Fahrlehrer Markus Geilert (r.) erklärt Mark Örndrup, wie man sich beim Rechtsabbiegen richtig verhält. Foto: Stefan Worring
In Köln gab es im April vier schwere Unfälle beim Rechtsabbiegen von Lastwagen. Zwei Menschen starben. Auf einer Ausbildungstour durch den Kölner Süden zeigt Fahrlehrer Markus Geilert, wie sich das Risiko verringern lässt.  Von
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Irgendwie passt das nicht zusammen. Markus Geilert (39) weiß das sehr genau, aber trotzdem bläut er es seinen Fahrschülern immer wieder ein. Bis sie es gefressen haben. Ein Berufskraftfahrer darf niemals in Hektik verfallen. Ein Berufskraftfahrer muss den Stress immer abschütteln können. Trotz Termindruck, trotz Stau. Selbst auf die Gefahr hin, dass der Chef herumpoltert und mit der Kündigung droht. Und ein Berufskraftfahrer darf niemals den Respekt vor seinem Fahrzeug verlieren. "Das ist ein Monster. 400 PS. Knapp 19 Meter lang, vier Meter hoch und 2,50 Meter breit", pflegt Geilert zu sagen, um seinen Jungs diesen Respekt einzuflößen.

Mark Örndrup (25) will das Monster beherrschen. Wir stehen auf dem Autohof am Container-Bahnhof Köln-Eifeltor. Ein paar Fernfahrer aus Polen gönnen sich ein zweites Frühstück in der Frühlingssonne. Neben der Großtankstelle liegt das Schulungszentrum der Qualitätsgemeinschaft Berufliche Weiterbildung Region Köln, das von allen nur BWG genannt wird. Mark Örndrup ist ein BWGler. Seine Ausbildung zum Berufskraftfahrer wird ein halbes Jahr dauern, Staplerschein, Gefahrgut-Ausbildung und IHK-Zertifizierung kosten mehr als 6000 Euro. Zwei Monate Theorie, zwei Monate Praxis, zwei Monate Praktikum.

Der Fehler liegt immer beim Fahrer

Örndrup sei so etwas wie ein Musterschüler, lobt ihn sein Fahrlehrer, während der 25-Jährige auf dem Parkplatz schon mal den Lkw klarmacht. Einer der weiß, worauf es ankommt. Kein Draufgänger, keiner von denen, die glauben, schon alles zu können, bevor die Ausbildung überhaupt begonnen hat. Bloß weil sie einen Pkw-Führerschein besitzen. Bevor Örndrup das Monster startet, überrascht sein Fahrlehrer mit einer klaren Aussage. Auch nach 15 Jahren Ausbildungserfahrung lerne er immer noch dazu, doch beim toten Winkel sei die Sachlage vollkommen eindeutig. "Wenn mir ein Lkw-Fahrer erzählen will, dass er nichts dafür konnte, weil er den Fußgänger oder Radfahrer nicht gesehen hat, stimmt etwas nicht. Man kann sich da nicht herausreden. Der Fehler liegt immer beim Fahrer."

Deshalb trage er in nahezu allen Gerichtsverfahren nach Unfällen mit Toten oder Verletzten beim Rechtsabbiegen die Hauptschuld. "Der Fahrer muss wissen, was auf dem Geh- und Radweg rechts neben ihm abgeht", sagt Geilert. "Er muss vorausschauend fahren und frühzeitig erkennen: Da war ein Radfahrer, da war eine Frau mit einem Kinderwagen. Und wenn er die Frau beim Abbiegen nicht mehr sieht, muss er warten und gucken. Zur Not muss er sogar auf den Beifahrersitz rutschen. Und es darf ihn einen Kehricht interessieren, ob da einer ausflippt, ob da einer hupt oder drängelt."

Vorausschauendes Fahren in einer Großstadt wie Köln, beispielsweise auf den Ringen, bedeute, die Langsamkeit in Kauf zu nehmen. "Wer mit einem Lkw mit 40 durch die Innenstadt fährt, ist bekloppt. Ich muss das so deutlich sagen. Wie wollen sie bei diesem Tempo vor einer Kreuzung registrieren, was rechts auf dem Gehweg passiert?" Viele Verkehrssituationen seien derart komplex, "die kann man nur erfassen, wenn man langsam fährt. Womöglich parkt ein Auto in der zweiten Reihe, womöglich verläuft neben dem Gehsteig noch ein Radweg". Da bleibe dem Fahrer gar nichts anderes übrig, als sich an die Kreuzung heranzutasten. Bei den Prüfungsfahrten seien die Lastwagen höchstens mit Tempo 30 unterwegs. "Und da ist 30 schon viel."

Fahrschüler Örndrup beginnt mit den Vorbereitungen für die Ausbildungstour, die uns durch den Kölner Süden führen wird. Er stellt den Sitz ein und muss danach sämtliche Spiegel justieren. Nach einer einfachen Faustregel: vom Lastwagen und vom Himmel darf möglichst wenig zu sehen sein. "Viele machen den Fehler und glauben, sie müssten ihren Anhänger oder den Sattelauflieger gut im Blick haben. Das ist genau der falsche Ansatz. Damit vergrößern sie den toten Winkel."

Um das Einstellen der Spiegel zu erleichtern, haben die Dekra, Mercedes und MAN ein Konzept entwickelt, "das man leider auf Rasthöfen, Tank- und Parkanlagen und bei den Speditionen noch viel zu selten findet", sagt Geilert. Auf einem Parkplatz werden die Markierungen angebracht, die dem Fahrer als Einstellhilfe dienen. Mit Linien für den Weitwinkel-, den Hauptaußen-, den Weitwinkel- und den Frontspiegel. Und Hilfslinien, die dem Fahrer das Ausrichten seines Lkw erleichtern. "Ich halte das für sehr sinnvoll. Jemand, der 20 Jahre Lastwagen fährt, lässt sich ungern etwas sagen. Da ist diese Schablone durchaus hilfreich. Denn die korrekte Spiegel- und Sitzeinstellung ist beim toten Winkel das A und O."

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Falls der Lastwagen mit diesen Hilfsmitteln auch tatsächlich ausgerüstet ist. Zwar sind seit 1. April 2000 bei allen neuen Nutzfahrzeugen über 3,5 Tonnen spezielle Nahbereichs- und Weitwinkelspiegel vorgeschrieben, seit Januar 2007 müssen schwere Laster über 7,5 Tonnen zusätzlich über einen Frontspiegel verfügen, doch Geilert schätzt, dass immer noch 40 Prozent aller in Deutschland zugelassenen Lkw über diese Hilfsmittel nicht verfügen. Von den vielen ausländischen Spediteuren, die auf deutschen Straßen unterwegs sind, ganz zu schweigen. "Wenn die Spiegel fehlen, wird das bei der Hauptuntersuchung zwar als Mangel eingetragen, der hat aber keine Konsequenzen." Der Bestandsschutz für ältere Lastwagen sei falsch, findet Geilert. Zumal die Kosten für die Nachrüstung überschaubar seien. "Ich sage den Fahrschülern immer, wenn ihr die Spiegelgruppe auf der rechten Seite kaputt fahrt, kostet das bis zu 600 Euro." 600 Euro, die Leben retten können.

Mark Örndrup startet den MAN. Unsere Tour durch den Kölner Süden wird alle Schikanen enthalten, die auf einen Berufskraftfahrer täglich zukommen. Er ist noch nicht ganz von der Straße Am Eifeltor auf den Militärring eingebogen, da geht der Stress schon los. Eine halbe Stunde vorher hat es an dieser Kreuzung einen schweren Unfall beim Linksabbiegen gegeben. Hinter uns hupt ein Autofahrer, weil wir nur Tempo 45 fahren. Örndrup bleibt gelassen. Das war nicht immer so. "Wenn wir am ersten Tag mit den Fahrschülern unterwegs sind, reagieren die noch völlig anders. »Hinter mir ist eine Schlange. Die armen Leute.« Ich sage dann nur: Das darf dich nicht interessieren. Du darfst dich nicht unter Druck setzen lassen."

Gefährliche Regelungen im Kreisverkehr

Ein Kreisverkehr am Kölnberg verlangt Mark Örndrup alles ab. Die Schaltung des MAN besteht aus zwei Gruppen. Er muss splitten, um von der großen in die kleine Gruppe zu kommen. Er muss den Rad- und den Gehweg beobachten. Er darf sich nicht darauf verlassen, dass die Radfahrer wie vorgeschrieben die Vorfahrt achten. Die Regelungen im Kreisverkehr seien besonders gefährlich, weiß sein Fahrlehrer. "Jeder Verkehrsteilnehmer geht davon aus, dass er im Kreisverkehr Vorfahrt hat. Das stimmt so aber nicht. Bei den meisten Kreisverkehren gibt es eigene Verkehrszeichen für Radfahrer. Die müssten anhalten, wissen das aber nicht. Oder ignorieren das einfach. Das kann beim Rechtsabbiegen lebensgefährlich werden." Mal Vorfahrt, mal keine Vorfahrt. Während unserer Tour passieren wir etliche Kreisel. "Ich habe bis heute nicht verstanden, warum das an der einen Stelle so und an der nächsten anders geregelt ist." Und wieder bläut Geilert seinem Schüler ein: "Die einzige Möglichkeit zu erkennen, wo ich bin, sind meine Spiegel. Die einzige Möglichkeit zu erkennen, wer dort ist, sind meine Spiegel." Er habe viel Respekt vor seinem Lkw, räumt Örndrup ein. "Das ist eine ganz andere Dimension. Man muss sich an der Mittellinie orientieren, weil die Straße viel schmaler ist als bei einem Pkw."

Markus Geilert hat im Laufe der Jahre festgestellt, dass die ersten Praxistage auf einem Lastwagen einen Menschen komplett verändern. "Es ist mir schon häufig passiert, dass nach vier Wochen ein Schüler zu mir kommt und sagt, seinen Freunden sei aufgefallen, dass er völlig anders mit seinem Auto fahre." Das sei ein wichtiger Schritt. "Wenn sich das Fahrverhalten so verändert und man spürt, da denkt einer darüber nach, was er gerade tut."

Dennoch werden sich die Unfälle beim Rechtsabbiegen nie ganz ausschließen lassen - bei 500 000 Berufskraftfahrern in Deutschland, bei 55 000 mittelständischen Betrieben mit fünf bis 15 Arbeitnehmern und bis zu zehn Lastwagen auf dem Hof. Bis September 2014 müssen alle Lkw-Fahrer einen Auffrischungskurs durchlaufen haben. Das schreibt das Berufskraftfahrer-Qualifikationsgesetz vor. Danach ist die Weiterbildung bei den Industrie- und Handelskammern alle fünf Jahre verbindlich vorgeschrieben.

Fahrschüler Örndrup hat sich vorgenommen, später im Job jede Möglichkeit zur Weiterbildung zu nutzen. Ob das angesichts des enormen Arbeitsdrucks, der auf ihn zukommen wird, realistisch ist? "Ein Berufskraftfahrer braucht mindestens fünf Jahre, ehe er sich als erfahren bezeichnen kann", sagt Fahrlehrer Geilert. Das könne aber auch wieder gefährlich sein. "Wenn alles automatisch läuft, lässt die Konzentration nach. Vor allem auf Strecken, die man schon tausendmal gefahren ist."

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