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Menschenrechtsverletzungen: „Das ganze Land ist ein Gefängnis”

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Inquaesh Menghestu mit einem Bild ihrer Schwester Aster Yohannes, die sie 2003 das letzte Mal gesehen hat. Foto: Grönert
Inquaesh Menghestu hat seit fast zehn Jahren nicht mehr von ihrer kleinen Schwester gehört. Aster ist eine der vielen vergessenen Gefangenen in Eritrea, um die sich jetzt die Kölner Amnesty-International-Gruppe kümmert.  Von
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An der Küchenwand hängt ein altes Schwarz-Weiß-Bild der Schwester. Darunter ein Flugblatt der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die an „die vergessenen Gefangenen“ erinnern will. Das Bild zeigt Aster Yohannes aus Eritrea. Die lebenslustige, schöne Frau ist seit Dezember 2003 verschwunden. „Ich wünsche mir, dass die Welt mehr nach Eritrea schaut“, sagt Inquaesh Menghestu. „Es wird immer schlimmer. Das ganze Land ist ein Gefängnis.“ Seit der Verhaftung ihrer Schwester am Flughafen von Asmara, wo die Kinder von Aster Yohannes mit Blumen auf sie gewartet hatten, hat Inquaesh Menghestu nichts mehr von ihrer jüngsten Schwester gehört. Die Familie wisse, dass sie irgendwo inhaftiert sei und noch lebe – mehr nicht. Würde man in dem afrikanischen Land nach der Verschwundenen fragen, müsste man unmittelbar mit Repressalien rechnen.

Rund 5000 Kilometer liegen zwischen den Schwestern. Die eine arbeitet als Erzieherin in einem evangelischen Kindergarten, hat die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen und lebt in Merheim. Die andere sitzt ohne Prozess und Anklage in einem Gefängnis eines diktatorisch regierten Einparteienstaats am Roten Meer. 2006 war die weite Distanz für einen kurzen Moment vergessen, als Inquaesh Menghestu völlig überraschend bei einem Gottesdienst in Kalk erfuhr, dass sich die rechtsrheinische Kölner Amnesty-Gruppe des Schicksals ihrer Schwester angenommen hatte. Während Mitglieder der Menschenrechtsorganisation in der Kirche vom Schicksal Aster Yohannes’ berichteten, saß Inquaesh nichtsahnend in der Kirchenbank. „Da kamen alle Gefühle hoch“, erinnert sie sich. „Ich musste weinen, aber ich habe mich auch gefreut, dass ich in Köln Menschen treffe, die sich um meine Schwester kümmern.“ Nach dem Gottesdienst kam man in Kontakt.

Die Kölner Amnesty-Gruppe schreibt seit Jahren Briefe, verschickt Unterschriftenlisten an den Despoten Issaias Afeworki in Eritrea. „Wir hoffen, so ein bisschen Druck erzeugen zu können“, sagt Hadwig Fonfara von Amnesty. In zahlreichen Kölner Kirchen organisieren sie Informationsveranstaltungen und gestalten Gottesdienste. „Wir sind überzeugt davon, dass Aster irgendwie spürt, dass sie nicht vergessen ist.“ Ihre Mitstreiterin Christa aus der Wieschen ergänzt: „Sonst könnte das ein Mensch nicht aushalten.“

„Der Diktator will, dass die Inhaftierten vergessen werden“, ist sich Inquaesh Menghestu sicher. Solange in ihrer alten Heimat Menschenrechte mit Füßen getreten werden, dürfe man nicht zusehen. „Aster ist nicht die Einzige. Man muss was machen.“
Die Behörden machen keine Angaben darüber, warum die Frau festgenommen wurde. Ihr Ehemann war Minister in Eritrea. Er wurde wie zahlreiche weitere ehemalige Regierungsmitglieder verschleppt. Aster Yohannes war zeitweise in den USA, wo sie studierte. Bevor sie zu ihrer Familie zurückkehren wollte, hatte sie sich von der Botschaft in Amerika versichern lassen, dass ihr keine Gefahr drohe. In diese Zeit fiel das letzte Telefonat der Schwestern. „Sie war leider zu gutgläubig“, sagt ihre Schwester.

Inquaesh Menghestu war bereits Ende 1979 als 26-Jährige aus Eritrea geflohen. Damals herrschte Bürgerkrieg in Äthiopien, zu dem Eritrea gehörte. Hunger und Terror beherrschten das Land. Inquaesh hatte sich politisch engagiert, „aber ich wollte nicht kämpfen“. Über Italien kam sie nach Köln, wo sie politisches Asyl erhielt. Ihre Familie ist auf der Welt verstreut. „Man hält zusammen. Immer wieder wird gemeinsam Geld gesammelt, um anderen bei der Flucht zu helfen.“ So gelang es, drei Kinder der Schwester über Äthiopien in die USA zu holen, wo sie nun studieren. Asters ältester Sohn ist in Eritrea bei seiner Großmutter geblieben, um sie zu pflegen. Die Kölner Kindergärtnerin träumt genau wie alle anderen Familienmitglieder von einem „Wiedersehen, das ein Wahnsinnsfest werden wird“. Wann das sein wird, weiß keiner. „Ich denke jeden Tag an Aster, meist, wenn ich in mein warmes Bett gehe. Dann frage ich mich, wie sie das, was ihr angetan wird, seit Jahren durchsteht.“
www.amnesty.de

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