30.07.2016
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Interkultour: Integration für alle Generationen

„Viele Migranten engagieren sich ehrenamtlich, benennen es aber nicht so.“ Doris Kayser

„Viele Migranten engagieren sich ehrenamtlich, benennen es aber nicht so.“ Doris Kayser

Foto:

Christ

Mülheim -

Pokale über Pokale. Und nun auch eine Urkunde. Das kleine Café des Vereins für traditionelle asiatische Kampfkünste (Tak) blitzt vor polierten Trophäen. Es ist die zweite Station eines Rundgangs durch das Veedel, der sich „Ausflug in die interkulturelle Zivilgesellschaft“ nennt. Auf einem Bildschirm können die im Halbrund stehenden Gäste verfolgen, was im Keller vor sich geht: Jugendliche trainieren auf Matten.

Es sind junge Menschen aus 22 Nationen, die in den Vereinsräumen an der Arnsberger Straße Taekwondo, Boxen oder Kickboxen üben. Auch solche, die sich Vereinsbeiträge eigentlich nicht leisten können. Um ihnen den Sport zu ermöglichen, hat der Verein ein Café eröffnet, dessen Einnahmen die Kosten decken sollen. Für viele Jugendliche bedeutet der Verein mehr als Sport. „Kampfkunst ist, sich selbst zu beherrschen“, so Trainer Ramazan Saglam. Anti-Aggression sei das Ziel, ergänzt der Vorsitzende Oktay Akin: „Gib Gewalt keine Chance.“

Kulturen-Tour durch Mülheim

Der Verein ist eine von fünf Stationen an diesem Abend. Die Arbeitsgruppe Bürgerengagement und Migration im Kölner Netzwerk Bürgerengagement hat zur Tour durch Mülheim geladen. Die Ziele: Bürgerschaftlich ambitionierte Projekte, die von und für Migranten ehrenamtlich betrieben werden. Die Auswahl ist groß, der Bekanntheitsgrad der Initiativen oft nicht: „Viele Migranten engagieren sich ehrenamtlich, benennen es aber nicht so“, sagt Doris Kayser, die für die Stadt in der Arbeitsgruppe aktiv ist. Sie hingen ihr Engagement oft nicht an die große Glocke. Um ihre Arbeit trotzdem bekannter zu machen, lädt die Arbeitsgruppe zu „Interkultouren“ ein. In Mülheim findet der Rundgang zum ersten Mal statt: Etwa 20 Teilnehmer wandeln auf den Spuren vorbildlicher Integrationsprojekte in Mülheim und Buchheim. Deren Verantwortlichen werden Urkunden für ihr bürgerschaftliches Engagement überreicht.

Der erste Stopp ist das Buchheimer Dialog-Gymnasium. Vor allem türkischstämmige Kinder besuchen die Privatschule, die von manchen kritisch beobachtet wird. Vorgeworfen wird ihr unter anderem die Nähe zur umstrittenen Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen. Mülheims Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs (SPD) vertritt die Ansicht, die Schule baue „Parallelstrukturen“ auf, das Gymnasium kapsele sich ab. „Es ist nicht erkennbar, dass die dort integrative Arbeit leisten“, so Fuchs. Das Gymnasium, das derzeit erweitert wird, polarisiert. Trotzdem gibt es eine Urkunde für bürgerschaftliches Engagement. Osman Esen vom Türkisch-Deutschen Akademischen Bund als Träger der Schule berichtet vom „Boys and Girls Adventure Club“, bei dem Oberstufenschüler Jüngere unterstützen und mit ihnen Ausflüge unternehmen. Ansonsten machen er und einige Lehrer Werbung in eigener Sache, zum Abschied werden Tüten mit Marketing-Artikeln an die Gäste verteilt.

Angebote für alle Generationen

Kayser will sich zur Auswahl dieser Station nicht näher äußern. Nur so viel sagt sie: Die Wahl sei im Arbeitskreis per Mehrheitsentscheidung gefällt worden. Die ehrenamtliche Arbeit in der Schule sei aber zugegebenermaßen „nicht unbedingt“ nach außen gerichtet. Öznur Naz, ebenfalls Sprecherin des Arbeitskreises, sagt, dem Gremium sei bekannt, dass es Kritik an der Schule gibt. Es liege aber nichts Handfestes gegen sie vor. Das Gymnasium sei offiziell anerkannt und fördere das Ehrenamt unter Jugendlichen.

Anschließend geht es zum Verein Magnet. In seinen Räumen an der Frankfurter Straße helfen deutsche und russischstämmige Ehrenamtliche, Neuankömmlingen aus den Gebieten der ehemaligen UdSSR beim Start in Deutschland. „Sie sollen sich nicht so verloren fühlen“, sagt Sergej Malt, als Projektleiter für die Jugendarbeit zuständig. Es gibt Angebote für alle Generationen – Tanz, Theater und Kochkurse.

Kulturelle und religiöse Verständigung

Auch beim Förderverein des Vereins Zentrum der kulturellen Begegnungen wird seit 2005 wichtige Arbeit geleistet: Die kulturelle und religiöse Verständigung unter Bürgern islamischen Glaubens hat sich der Verein auf die Fahne geschrieben.

Endstation der dreistündigen Wanderung ist die Genovevastraße 94. Dort ist der Interkulturelle Soziale Service (ISS) zu Hause. Ehrenamtliche und Honorarkräfte beraten und unterstützen hier Migranten, psychisch Kranke und Behinderte in 25 Sprachen, zum Beispiel mit Sprach- und Integrationskursen. Auch dafür gibt eine Urkunde.