26.08.2016
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Sozialbetriebe Köln: Ruhestand im Multikulti-Pflegeheim

Glückliche Momente: Bewohner Hikmet Senpinar mit Betreuerin Fatma Dik-Thiel.

Glückliche Momente: Bewohner Hikmet Senpinar mit Betreuerin Fatma Dik-Thiel.

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Christ

Mülheim -

Ohne Karnevalspartys geht es nicht, aber auch nicht ohne islamisches Zuckerfest. Im langen Gang des Wohnbereichs 2 hängt eine Landkarte der Türkei, gleich daneben ein Bild vom Kölner Dom. Ein paar Schritte weiter, hinter der Tür mit der Nummer 216, befinden sich orientalische Ornamente an den Wänden, zwei Teppiche liegen auf dem Boden - es ist der Gebetsraum. Im multikulturellen Pflegeheim an der Tiefentalstraße 68 liegen Morgen- und Abendland nah beieinander.

Seit fünf Jahren ist das städtische Senioren- und Behindertenzentrum Mülheim darauf spezialisiert, auch Menschen mit türkischen Wurzeln einen Lebensabend zu bereiten, der ihrer Kultur entspricht. Auf die Bedürfnisse der Türkischstämmigen wird in der Einrichtung der Sozial-Betriebe Köln (SBK) ebenso eingegangen wie auf die Wünsche der deutschen Bewohner. "Kultursensible Pflege" nennt sich das Konzept im Fachjargon. Zwar stellen sich immer mehr Kölner Pflegeheime auf Migranten ein, den städtischen Stellen ist aber keines bekannt, das derart konsequent handelt wie das Mülheimer.

Für den Umgang mit Migranten geschult

Heimleiter Eberhard Wagner glaubt, dass solche Angebote wichtiger werden: "Die erste Gastarbeitergeneration ist jetzt um die 70, dann steht die Frage an, wie sie pflegerisch versorgt wird." Vor zehn Jahren noch seien die meisten Türken davon ausgegangen, im Alter zurück in die Türkei zu gehen, "dass es kein Altern hier gibt". Die Realität sehe aber anders aus - die meisten bleiben doch in Deutschland. Laut SBK-Geschäftsführer Otto Ludorff werden türkische Migranten tendenziell früher pflegebedürftig als Einheimische: "Denn sie kommen früher in den Arbeitsprozess und müssen härter arbeiten."

62 Senioren leben derzeit auf den beiden Pflegestationen des Hauses an der Tiefentalstraße, 21 davon sind türkischstämmig. Im Durchschnitt sind sie 65 Jahre alt. Sie können türkische Zeitungen lesen, türkisches Fernsehen empfangen und mittags türkisches Essen ordern. Auch viele Pflege- und Betreuungskräfte sind türkischsprachig. Das gesamte Personal ist für den Umgang mit den Migranten geschult.

Angehörigen die Angst nehmen

Obwohl gerade in Mülheim viele Türken leben, hält sich die Nachfrage nach den Pflegeplätzen noch in Grenzen. Eine Warteliste gibt es nicht. "Innerhalb der türkischen Community herrscht der Gedanke vor, dass Angehörige nicht abgegeben werden", sagte CDU-Landtagsabgeordnete Serap Güler jetzt bei einem Rundgang durch das Seniorenzentrum. Viele befürchteten auch, dass im Pflegeheim sprachliche und religiöse Aspekte nicht berücksichtigt werden: "Da gibt es eine gewisse Hemmschwelle", so Güler. Sozialarbeiterin Gaye Yilmaz bestätigt dies: "Die größte Herausforderung ist, den Angehörigen diese Angst zu nehmen."

Das Miteinander im Multikulti-Pflegeheim funktioniert. Türkische und deutsche Feste werden gemeinsam gefeiert und das türkische Essen kommt auch bei vielen Deutschen gut an. Im Gemeinschaftsraum steht die Kaffeemaschine neben dem Samowar für türkischen Tee. Daneben sitzt Hikmet Senpinar, der einst aus Istanbul nach Deutschland kam und 40 Jahre lang bei Ford arbeitete. Nur holprig spricht der 67-Jährige Deutsch, aber die Trauer um seine verstorbene Frau ist unmissverständlich. Manchmal kommen ihm die Tränen. Doch es gibt auch glückliche Momente. Zum Beispiel, wenn Fatma Dik-Thiel vorbeischaut. Die Honorarkraft kümmert sich um die Freizeitgestaltung im Haus. Als sie sich zu Senpinar setzt, stimmen beide ein türkisches Volkslied an. Und plötzlich strahlt Senpinar über das ganze Gesicht.


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