27.09.2016
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Unternehmensberatung: Mülheim soll attraktiver werden

Die Berater Sümer Uysal, Max Metzemacher und Aswin Parkunantharan (v.r.) auf der Keupstraße.

Die Berater Sümer Uysal, Max Metzemacher und Aswin Parkunantharan (v.r.) auf der Keupstraße.

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Tobias Christ

Mülheim -

Sümer Uysal hält den Laptop, Ilvas Altinbas das Rasiermesser. Dazwischen wartet ein Kunde mit viel Schaum im Gesicht darauf, seine Bartstoppeln zu verlieren. Außentermin auf der Keupstraße. Mit seinem Kollegen Aswin Parkunantharan und Praktikant Max Metzemacher ist Unternehmensberater Uysal unterwegs, um die wirtschaftliche Struktur der türkischen Geschäftsstraße zu vermessen. Von Laden zu Laden wandert das Trio des „Büro Wirtschaft für Mülheim“ und tippt Informationen über Verkaufsfläche, Angebot, Mieter, Vermieter und Leerstände in den Computer.

Auch Sorgen und Nöte werden notiert: Auf der Keupstraße bereiten den Einzelhändlern einige bulgarische Zuwanderer Kummer. Von einem Arbeiterstrich und Prostitution ist die Rede, viele Kunden mieden deshalb das Viertel. „Es ist nicht leicht, hier Geschäfte zu machen“, sagt Imbissbudenbetreiber Haci Akarcörten. Friseur Altinbas würde die Keupstraße am liebsten in eine Fußgängerzone mit angeschlossenen Parkhäusern verwandeln. Zu wenige Parkplätze gebe es aktuell: „Die Kundschaft zahlt oft auch für das Knöllchen.“ Der 35-jährige Geschäftsmann aus Anatolien spricht besser türkisch als deutsch. Kein Problem: Sümer Uysal, Sohn türkischer Einwanderer, beherrscht die Sprache perfekt. Das 15-köpfige Team, das seit Anfang April das Büro für Wirtschaft betreibt, ist für das multikulturelle Mülheim gerüstet: Die Berater können sich bei Bedarf auch auf russisch, italienisch, englisch und französisch verständlich machen.

Ausgewoges Branchenprofil statt nur Dönerbuden

Leiter des Büros mit Sitz am Wiener Platz 4 ist Unternehmensberater Michael Rosenbaum. In den Büros im zweiten Stock eines grauen Geschäftshauses spricht der Betriebswirtschaftler – gut vernetzt und voller Tatendrang – über das große Ziel des Projekts: „Die Wirtschaft in Mülheim stärken in all ihren Facetten.“ Bis November 2014 haben Rosenbaum und sein Team dafür Zeit, nur bis dahin fließt Geld des Programms Mülheim 2020, aus dessen Töpfen das Wirtschaftsbüro mit insgesamt 1,8 Millionen Euro finanziert wird. Viel Zeit bleibt nicht für den wichtigen Baustein des EU-Förderprojekts, das die von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Stadtteile Mülheim, Buchheim und Buchforst nicht nur städtebaulich, sondern auch ökonomisch stützen soll. Der späte Start des Büros erntete entsprechend viel Kritik.

„Wir können Vieles nur anschieben“, sagt Rosenbaum, Inhaber der Unternehmensberatung Rosenbaum Nagy: „Aber wenn wir es geschafft haben, bis November 2014 drei bis vier Projekte auf den Weg zu bringen, haben wir auch Erfolg.“ Handlungsbedarf haben die Unternehmensberater in ihren ersten 100 Tagen in Mülheim reichlich ausgemacht. Die Buchheimer Straße leidet unter Leerständen, die Frankfurter Straße unter den vielen Wettbüros und Spielhallen. „Wir müssen an die Hausbesitzer ran“, sagt Teammitglied Carsten Effert.

In Zusammenarbeit mit ihnen will das Büro die „Richtung drehen“, die richtigen Nachmieter finden, wenn Mietverträge auslaufen. Möglichst solche, die dem Stadtteil fehlen und ihn langfristig voranbringen: „Wir wollen ein ausgewogenes Branchenprofil haben und nicht die 35. Dönerbude“, sagt Rosenbaum. Auch um die Lücken im Branchenmix zu finden, ziehen seine Leute derzeit durch die wichtigsten Geschäftsstraßen.

Die Marke Mülheim muss noch entwickelt werden

Das Miteinander stärken ist die andere Mammutaufgabe. Carsten Effert hat festgestellt, „dass hier die Gebiete sehr aufgeteilt sind“. Die in Mülheim sehr unterschiedlichen Milieus schotten sich zu sehr ab. Die Schanzenstraße etwa mit ihren trendigen Unternehmen der Fernseh- und Eventbranche sei mit dem Rest des Stadtteils kaum verknüpft: „Die Leute fahren morgens rein und abends raus.“ Die Quartiere müssten sich stärker öffnen, mehr miteinander kommunizieren. Mülheim solle seine Stärken besser herausarbeiten. Das gelte auch für die Keupstraße mit ihrer überwiegend türkischen Klientel. Es müsse für Kölner normal werden, dort essen zu gehen, so Effert. „Eigentlich ist die Keupstraße ein richtiger Schatz.

Sie könnte ein Touristenmagnet sein, sie führt aber ein Nischendasein“, sagt der 36-Jährige. Ein bisschen Rückenwind täte den Geschäftsleuten auf diesem Weg offenbar gut. Die IG Keupstraße liege brach, heißt es im Büro Wirtschaft. Dasselbe gelte für die IG Frankfurter Straße und andere Zusammenschlüsse von Gewerbetreibenden. Auch hier will das Büro für neuen Schwung sorgen.

Noch fehle Mülheim ein einheitliches Profil, so die Experten vom Wiener Platz. „Wir müssen mit den Akteuren eine Marke Mülheim entwickeln“, sagt Rosenbaum. Eine PR-Agentur arbeite gerade an einem Marketingkonzept. Den Kern der Marke Mülheim sieht der 47-Jährige in einer Mischung aus „Kreativwirtschaft und Multikulti“. Beides sei prägend für das wirtschaftliche Image des Stadtteils. „Wie schaffen wir es, Mülheim so multikulturell aufzuladen, wie es Little Italy und Chinatown in New York schon sind?“ Das sei die große Frage. Es scheint, als ob die Unternehmensberater genug zu tun haben in den kommenden 18 Monaten. Für Rosenbaum werden sie auf jeden Fall „hochspannend“.