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Nach Wohnungsbrand : „Hauptsache, sie leben“

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Im zerstörten Heim: Familie Bößmann. Foto: Arton Krasniqi
Vor rund zwei Wochen brannte ihre Wohnung in der Südstadt komplett aus - nur ein Dutzend Müllsäcke mit Kleidung, Spielsachen und Erinnerungen sind der Familie Bößmann geblieben. Seitdem hat die Familie viel Hilfsbereitschaft erfahren.  Von
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Die Weihnachtsgeschenke lagen schon bereit, die Fenster waren geschmückt, und an den Lampen hingen Sterne. Dann kam das Unglück über Familie Bößmann und den vorweihnachtlichen Frieden in der Wohnung am Severinswall. Doch die Bößmanns haben nicht nur großes Unglück erlebt in den vergangenen Tagen. Sondern auch Zuneigung und Hilfsbereitschaft.

Es war der 11. Dezember, Patricia Bößmann besuchte gerade ihre kranke Mutter in Bocklemünd. Die Mutter trauert um ihren Mann, Patricia Bößmanns Vater, der erst vor kurzem gestorben ist. „Zu Hause in unserer Wohnung im Severinswall war nur meine Tochter Silvana mit ihrer Tochter Lordana und den Hunden“, erinnert sich Patricia Bößmann an jenen Tag, der das Leben der Familie verändern sollte.

Es war gegen 22.45 Uhr, als Silvana bei ihrer Mutter anrief. „Mama, der Trockner ist in die Luft gegangen“, schrie sie ins Telefon: „Die Küche brennt, die ganze Wohnung!“ Ein Schock für Patricia Bößmann, dennoch behielt die 39-Jährige die Nerven. „Wo ist die Kleine?“, fragte sie ihre Tochter. „Schnapp sie dir und renn raus!“ Sie legte auf, alarmierte die Feuerwehr, dann bestellte sie ein Taxi, lief dem Wagen auf der Straße entgegen. „Machen Sie schnell, ich bezahle jeden Strafzettel“, sagte sie zum Fahrer.

Als sie in der Südstadt ankam, standen die Löschfahrzeuge bis zur Rheinuferstraße. Patricia Bößmann rannte zu ihrer Wohnung, rief nach ihrer Tochter, konnte sie aber nirgends sehen. Die Einsatzkräfte ließen sie nicht in die Wohnung. Sie versicherten ihr aber, dass niemand mehr in der Wohnung gewesen sei – auch nicht die beiden geliebten Französischen Bulldoggen. „Und dann habe ich mein Kind gesehen.“ Tochter Silvana stand zwischen den Schaulustigen, die dreijährige Lordana an der Hand, die Hunde neben sich. „Da wusste ich: Alles ist gut. Hauptsache, sie leben.“

Dafür hatte Patricia Bößmann gebetet, den ganzen Weg von Bocklemünd in die Südstadt. Die Kinder leben, aber das Feuer hat das Zuhause der Familie zerstört. Wohnzimmer, Bad und ein Schlafzimmer brannten komplett aus. Was verschont blieb, machte das Löschwasser zu Matsch. Es war ein technischer Defekt, der den Wäschetrockner in Flammen aufgehen ließ. „Ich wollte zuerst Wasser draufschütten, als es so gequalmt hat“, erzählt Silvana. „Ich wollte nicht einfach abhauen.“ Erst als ihre Mutter gesagt habe, sie solle laufen, habe sie begriffen, wie gefährlich die Situation war.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Nun erlebt die Familie eine Welle der Hilfsbereitschaft. Patricia Bößmann wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. „Ich habe eine Handvoll Freunde, auf die ich mich verlassen kann, das ist viel wert.“ Eine Freundin hat eine Rundmail verschickt, in der sie um Spenden für die Familie bittet. Dringend benötigte Haushaltsgegenstände kamen dabei zusammen, gebrauchte Kleidung für Kinder und Enkel, Geld für die ersten Neuanschaffungen.

Mit dem gemeinsamen Leben aber ist es zunächst vorbei: „Meine Familie ist jetzt überall in der Stadt verteilt“, so Patricia Bößmann. Der älteste Sohn (23) hat eine eigene Wohnung, zwei weitere Söhne und zwei Töchter konnten zunächst bei Freunden und Verwandten unterkommen – Hilfe in der Not.

Auch die Stadtverwaltung wollte bei der Unterbringung helfen. „Man hatte uns eine Obdachlosen-Unterkunft angeboten – aber das kann ich nicht.“ Zurück in die vertraute Umgebung, das ist nun das wichtigste Ziel. Patricia Bößmann will so schnell wie möglich wieder in ihre Wohnung. „Wir hatten es gerade so schön, haben uns auf Weihnachten gefreut.“ Den finanziellen Schaden kann noch niemand beziffern. „Wenn ich mich damit beschäftige, werde ich wahnsinnig – ich habe keine Versicherung.“ Der überwiegende Teil ihres Besitzes landete ein paar Tage nach dem Brand bei der Müllabfuhr: Möbel, Einrichtungsgegenstände, all das, was sich im Laufe der Jahre ansammelt im Leben einer Familie, reduziert auf 14 Kubikmeter Schutt. Vielleicht übernimmt die Gebäudeversicherung des Vermieters einen Teil des Schadens.

Müllsäcke voller Erinnerungen

Zwei Wochen nach dem Feuer steht Patricia Bößmann in dem Raum, der mal ihre Küche war. Die Wände sind rußgeschwärzt, es riecht nach kaltem Rauch und Essigreiniger. Seit dem Tag des Brandes ist sie jeden Tag hier gewesen. Hat mit Hilfe ihrer Kinder die verkohlten Möbel rausgeschleppt, die Wände abgeschrubbt und zusammengesucht, was vielleicht noch zu gebrauchen ist. Gerade mal ein Dutzend blaue Müllsäcke mit Kleidung, Spielsachen und Erinnerungen sind ihr geblieben. „Wenn wir ehrlich wären, müssten wir zugeben, dass das meiste doch kaputt ist“, sagt sie. „Aber ich lasse den Kindern die Dinge, die sie behalten wollen.“

Rußpartikel kleben auf Patricia Bößmanns Händen, in ihrem Gesicht. Der Essigreiniger schafft nicht alles, der Ruß ist überall. „Ich putze wieder und wieder, aber es nimmt kein Ende.“ Es ist der Versuch, etwas zu retten, die Wohnung wieder schön zu machen – nicht loszulassen, was ihr gehörte. Der Vermieter hat ihr geraten, den Schlüssel im Schloss umzudrehen und zu warten, bis sich jemand um die Renovierung kümmert. Doch das kann Patricia Bößmann nicht. „Das ist unsere Wohnung, ich habe 16 Jahre lang hier gelebt.“ Zuletzt wohnten noch vier ihrer fünf Kinder mit ihr zusammen, dazu die Enkelin.

Chantal, die 13-jährige Tochter, geht auf ein Gymnasium um die Ecke, sie schämt sich, mit geliehenen und geschenkten Sachen rumlaufen zu müssen. „Zum Glück sind gerade Ferien.“ Und Fernando (15) ist traurig, weil seine Spielekonsole verbrannt ist. Die Mutter lächelt und sagt: „Hauptsache, ihr lebt – alles andere wird man sehen.“

Wo sie nun Weihnachten feiern, spiele keine entscheidende Rolle. Am liebsten natürlich in der eigenen Wohnung, aber das wird nicht gehen. Eins aber stehe fest: „Wo auch immer wir feiern – wir feiern auf jeden Fall alle zusammen.“

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