26.07.2016
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Heizkraftwerk „Niehl III“: Eine Stromleitung quer durch Niehl

Eine Bürgerinitiative will das Kabel verhindern. Mitstreiter brachten gleich ein „Totenkreuz“ mit.

Eine Bürgerinitiative will das Kabel verhindern. Mitstreiter brachten gleich ein „Totenkreuz“ mit.

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Schöneck

Niehl -

In Alt-Niehl herrscht Hochspannung – zunächst nur im übertragenen Sinne. Denn um das im Hafen geplante Heizkraftwerk „Niehl III“ ans überregionale Netz anschließen zu können, plant die Rhein-Energie, entlang des Niehler Damms eine unterirdische Stromleitung mit einer Spannung von 380 000 Volt zu verlegen. Sie soll den künftigen Meiler mit dem Umspannwerk in Merkenich verbinden (wir berichteten). Gegen diese Pläne hat sich im Veedel in den vergangenen Tagen die Bürgerinitiative „Niehl aktiv“ gebildet. Die Anwohner befürchten unter anderem Gesundheitsgefahren wegen der vermuteten Auswirkungen durch „Elektro-Smog“, Vegetationsschäden und eine Wertminderung ihrer Häuser.

Auf der von Bündnis 90/Grüne beantragten Aktuellen Stunde erläuterten Vertreter der Rhein-Energie der Bezirksvertretung Nippes die Planungsdetails. Hintergrund des Vorhabens ist der Ende 2012 beschlossene Bau des Heizkraftwerks. Neben einem Großteil des in Köln benötigten Stromes wird es auch Fernwärme produzieren, um damit Wohnungen zu beheizen. „Das Projekt ist notwendig für die Energiewende, um Lücken in der Stromerzeugung aufzufangen“, so Ulrich Wiesmann, Leiter der Abteilung „Zentraler Leitungsbau“.

Magnetfeld entsteht

Erst habe der kommunale Versorger geplant, das Kabel entlang der unbewohnten Industriestraße zu verlegen – doch das sei wegen baulicher Hindernisse unmöglich, so Wiesmann. „Wir haben gleich vier kritische Punkte auf dieser Strecke“, erläuterte er. Unterhalb der Geestemünder Straße befänden sich etwa größere Versorgungsleitungen und Regen-Rückhaltebecken. „Wir müssten mit der Leitung unter diesen ganzen Bauwerken her, um wieder auf die Industriestraße zu gelangen.“ Deshalb bleibe nur der Niehler Damm.

Die Höchstspannungsleitung soll in etwa zwei Metern Tiefe verlaufen. Während eine Kabel-Isolierung das durch den Stromfluss erzeugte elektrische Feld komplett eliminiere, lasse sich nicht verhindern, dass ein Magnetfeld entsteht. „Doch die Feldstärke sinkt rasch. Während es in einem Meter Höhe direkt über der Leitung noch zehn Mikrotesla (µT) – die physikalische Einheit für magnetische Flussdichte – sind, kommt man in 8,5 Metern Entfernung nur noch auf ein µT“, so Wiesmann. Zum Vergleich: 100 µT sei die gesetzliche Grenze für eine Dauerbelastung; dieser Stärke seien schon U-Bahn-Insassen ausgesetzt. „Es ist uns daran gelegen, eine ungefährliche Leitung zu verlegen – und die Beeinträchtigungen nach allen Regeln der Kunst so gering wie möglich zu halten“, beteuerte er.

Noch keine Langzeiterfahrung

„Es braut sich in Niehl etwas zusammen; mit Magnetfeld-Vergleichswerten kann man die Ängste der Bürger nicht beseitigen“, kritisierte dagegen Werner Knappmeier vom Niehler Bürger- und Heimatverein. Er bezweifelte zudem, dass die Streckenführung entlang der Industriestraße tatsächlich nicht möglich sei – man könne doch kritische Stellen etwa mit einer höher gelegenen überirdischen Leitung überbrücken. „Wir fliegen zum Mond – und es soll unmöglich sein, solche Problemstellen zu meistern? Da kommen mir Zweifel“, meinte er.

Die Bezirksvertreter versuchten, die Auswirkungen des Magnetfeldes zu bestimmen – und Alternativen zu ergründen. „Kann man die Leitung nicht unter dem Rhein verlegen?“ so die Grüne Regina Bechberger. Das sei technisch problematisch, erläuterte Wiesmann. „Der Übergang von Wasser zu Land ist ein Problem; wir hätten aufgrund des schwankenden Pegels keine kontrollierbare Trasse.“ SPD-Fraktionschef Horst Baumann zeigte sich skeptisch, ob die Magnet-Belastung wirklich harmlos sei – zumal es noch keine Langzeiterfahrungen gebe. „Die Bürger haben Angst, dass sie am Ende auf einer gesundheitsschädlichen Leitung hocken.“ Gerhard Wiesmüller vom Gesundheitsamt betonte daraufhin, dass es keine gesicherten Erkenntnisse über den Einfluss von Magnetfeldern auf Krankheiten gebe. „Unser Standpunkt ist: Aus Vorsichtsgründen so wenig Exposition wie möglich.“

Niehler als Versuchskaninchen?

„Je mehr gesagt wird, desto ratloser bin ich“, fasste Winfried Steinbach (SPD) die Stimmung zusammen. „Genaues weiß man eben nicht – aber ich kann verstehen, dass die Niehler sich nun wie Versuchskaninchen fühlen.“ Letztlich beschloss das Stadtteilparlament einstimmig einen Auftrag an die Rhein-Energie. Sie soll darlegen, warum es technisch unmöglich sei, die Hindernisse entlang der Industriestraße zu überwinden – und die Verwaltung soll diese Darstellung überprüfen.