31.07.2016
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Nonne und autistischer Junge: Ziemlich beste Freunde

Im Chorgestühl sitzt Maurice während der Sonntagsvesper immer vorne links, neben Schwester Agnes.

Im Chorgestühl sitzt Maurice während der Sonntagsvesper immer vorne links, neben Schwester Agnes.

Foto:

Michael Bause

Köln -

Der zehnjährige Maurice und die Benediktiner-Schwester Agnes treffen sich regelmäßig im Kloster. Sie malen, sie spielen fangen, sie füttern die Schweine. Die Nonne wird klein. Der autistische Junge wird groß. Sie zeigt ihm ihre geschlossene Welt. Er schlüpft aus seiner heraus. In der Sonntagsvesper sitzt er neben ihr im Chorgestühl. Er, der sonst keine Freunde hat, sagt: „Schwester Agnes ist meine Freundin.“ Sie, die sich lange eine Familie gewünscht hat, sagt: „Maurice ist etwas Besonderes in meinem Leben.“ Freundschaft, zeigt die Geschichte, kennt keine Bedingungen.

Maurice ist ein Einzelner. Er liebt seine Eltern und seine Schwester Mona, konnte aber ihre Nähe lange nicht ertragen. Im Kindergarten hatte er keine Freunde, auch in der Schule bleibt er meist allein. Aber er hat eine Freundin, von der kaum jemand weiß. Sie heißt Schwester Agnes und lebt im Kloster in Raderberg. Freundschaft, schrieb der Philosoph Montaigne, zeichne sich durch Hingabe aus, sie müsse frei sein von Eigennutz. Maurice weiß gar nicht, was Eigennutz ist. Sich im Spiel hinzugeben, ist für ihn so selbstverständlich wie für Schwester Agnes die Hingabe zu Gott.

Marion Forouzis Gesicht hellt sich auf, als sie von Schwester Agnes erzählt. Sie sitzt an einem schläfrigen Nachmittag im Esszimmer des Mietshauses im Kölner Süden, an den Wänden Familienfotos, ein Katzenposter, Engel-Bilder, ein Aquarell mit dunkelroten Rosen. Mona kommt an den Tisch und sagt, dass sie auch gern in die Zeitung kommen würde. Oft geht es um Maurice, wenn Papa und Mama reden. Im Moment streiten sie vor Gericht um einen Integrationshelfer für die Schule, den das Sozialamt gestrichen hat. Maurice hat das fragile X-Syndrom mit autistischen Zügen. Er kann sich nicht gut auf andere konzentrieren. Er ist schnell erregt und frustriert. Auf kleinste Veränderungen seiner Umgebung reagiert er empfindlich. Ein fremdes Geräusch, ein fremder Geruch können panische Angst auslösen. Aus der Schule läuft er oft weg.

Maurice sieht oft sieht er versunken aus; oder er hibbelt. Oder er sitzt ganz normal da, wie jetzt. „Wir müssen uns oft beschimpfen lassen“, sagt Marion Forouzi. „Weil man nicht gleich sieht, dass Maurice eine Behinderung hat. Wenn er dann plötzlich losschreit, gucken die Leute böse. Einmal hat eine Frau im Bus gefaucht, ich solle meinen Sohn richtig erziehen.“

Maurice streichelt seine Siamkatze Tobi. Tiere beruhigen ihn, sagt sie. „Bifi?“, fragt er. „Willst du eine Bifi?“, fragt sie. „Ja“, sagt er. „Er liebt Bifis“, sagt sie. Als sie von Schwester Agnes redet und die Geschichte vom Friedhof beginnt, schaut er auf. „Kommt Schwester Agnes?“ „Nein, jetzt nicht. Wir fahren bald hin.“ „Ich will zu Schwester Agnes.“

Marion Forouzis Mutter ist an Karfreitag 1987 gestorben. Mona und Maurice besuchten vor sechs Jahren mit Mama und Papa an Allerheiligen das Grab der Oma, die Benediktinerinnen segneten am Südfriedhof die Gräber ihrer Schwestern. „Maurice sah Schwester Agnes, lief auf sie zu und zog ihr am Rock. Wir wollten ihn abhalten, aber sie sagte: Lassen sie ihn ruhig. Er guckte ihr in die Augen und ließ den Blick nicht von ihr. Das war unglaublich.“ Maurice habe seinerzeit nicht mal Mama und Papa in die Augen geguckt. Er konnte nicht sprechen, eine Logopädin sagte, er werde es nie lernen. „Wir hatten nicht gedacht, dass Maurice so eine Nähe aufbauen kann“, sagt Vater Aki, als er von der Arbeit nach Hause kommt. „Es war wie Magie.“

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, warum Schwester Agnes sich für ein Leben im Kloster entschied

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