25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Offene Ateliers: Kunst auf der rechten Rheinseite
19. September 2012
http://www.ksta.de/5023002
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Offene Ateliers: Kunst auf der rechten Rheinseite

Christina Huch

Christina Huch, 230, Schriftobjekte

www.christina-huch.de

Foto:

Grönert

Köln -

Wer im rechtsrheinischen Köln an diesem Wochenende eines der vielen „Offenen Ateliers“ besuchen will, hat die Qual der Wahl. Denn auf der kulturell vielfach unterschätzten „Schäl Sick“ hat sich eine Künstlerdichte entwickelt, die das Vorurteil entkräftet, Kunst entstehe vor allem im Zentrum der Stadt. Tatsächlich ist die Peripherie des rechtsrheinischen Kölns kreative Wachstumszone. Und gewachsen sind dort vor allem die großen Atelierhäuser in ehemaligen industriellen Produktionshallen und Lagergebäuden. Die zentrale Achse bildet fraglos die Deutz-Mülheimer Straße mit Kölns größtem Künstler-Komplex. In 80 Ateliers arbeiten im Kunstwerk über 100 Künstler. Von ihnen geben an den Tagen der Offenen Ateliers gleich 34 Maler, Zeichner, Bildhauer-, Objekt-, Foto- und Multimedia-Künstler Einblicke in ihre Arbeitsräume und zeigen unterschiedliche künstlerische Ansätze. Spielarten der realistischen Malerei wie bei Alin Klass, Kerstin Herrmann oder Sergej Sologub. Ob Mensch oder Landschaft: Diese Künstler zeigen, dass der aufmerksame Blick auf die feinen Nuancen unserer Wirklichkeit der Schlüssel zu einem empfindsamen Erleben ist. Experimenteller geht Etienne Szabo mit dem Menschenbild um, indem er unterschiedlichste Medien, abstrakt-expressive und figürliche Darstellungen kombiniert. Und was es wiederum heißt, grob und entschlossen die Unbeholfenheit und Fehler des Menschen bildnerisch zum Ausdruck zu bringen, lässt sich von Gisbert Flöck erfahren. So wie er sich in seinen Performances nicht scheut, auch einmal mit der Axt zuzuschlagen und die Kunst der Zerstörung zu zelebrieren, wird in seinem Atelier die sinnlich-materiale Grundlage allen Lebens spürbar.

„Ein kleines Experiment“

Das ist auch der Ausgangspunkt des studierten Biologen Wolfgang Bous, der handfeste Holzstücke durch geschickte Collagierungen und malerische Interventionen grundsätzlich poetisiert. Weitere Varianten der künstlerischen Poetisierung unserer Objektwelt präsentieren Christina Huch mit Schriftobjekten aus Papier und Buchbinder Stefan Hofmann. „Ein kleines Experiment“ hat sich Videokünstlerin Gudrun Barenbrock ausgedacht und entwickelt zum Miterleben mit Musikerkollegen in lockerer Folge Video- und Soundarbeiten. Das Kunstwerk lebt als Arbeitsort auch von der Atmosphäre des alten Industriegebäudes einer ehemaligen Gummifädenfabrik.

Besonderer Charme kennzeichnet auch die Ateliers, die in der ehemaligen Lindgens-Farbenfabrik entstanden sind. Hier fand Maler Mike Felten in diesem Jahr ein neues Domizil zur Produktion seiner unnachahmlich wilden großformatigen Bilder. Er will dem Publikum direkte Einblicke in die Entstehung seiner Werke geben.

Verblüffend leicht-wirkende Skulpturen

Kunst zum Anfassen bietet auch im nicht weit entfernt Deutz-Mülheimer Hafen am Auenweg Bildhauerin Christine Santema. Der Stahl-Schrott der Industriegesellschaft ist das Material, aus dem sie ihre verblüffend leicht wirkenden Skulpturen zusammenschweißt. Gleichzeitig hat sie sich den Gastkünstler Franz-Josef Kochs in ihr Atelier geholt, um mit ihm zusammen künstlerisch das Thema „Haus und Hausbesetzung“ zu bearbeiten. Den Atelierbesuch mit einer Erkundung des Hafengebietes zu verbinden bietet sich an, wenn man sich zur Halle Zehn aufmacht, um sich die Werke von Hossam Axlam, Jens Kleinen, Przemek Nowack, Grit Piolka, Margret Quiring und Anna Westphal anzuschauen. Eine spezielle Attraktion haben sich auch Ursula Molitor und Vladimir Kuzmin ausgedacht, ansässig in der Art-Factory in Dünnwald. Sie bieten die Möglichkeit eines Fotoshootings mit Besuchern, Künstlern und ihren Licht-Kunstwerken. Insgesamt bieten 18 Künstler in der ehemaligen Brotfabrik Einblicke in solide künstlerische Ansätze. Auch dieser Künstler-Ort ist gerade wegen seiner Verbindung aus Kunstbetrachtung und anschließender Spaziermöglichkeit die Reise bis ans Ende der Stadt wert. Kurz vor Leverkusen liegt das Atelierhaus Flittard. In ehemaligen Klassenräumen stellen Hans Christian Duvier, Axel Höptner, Peter Remagen, Andrea Temming und Hans Wäckerlin unterschiedliche Wege in das Universum der Malerei vor. Darüber hinaus sind Bilder von Hobby-Künstlern zu sehen, die in Kunstkursen ihre Liebe zur Malerei entfalteten.

Unterschiedliche Herangehensweisen an Kunst sind garantiert

Während die Künstler im Vorort Flittard im Verborgenen werkeln ist die Kunst im ebenso unscheinbaren Stadtteil Poll zum unübersehbaren Faktor geworden. Riesig ist das Atelierhaus „Quartier am Hafen“ in einer ehemaligen Lagerhalle am Poller Kirchweg. In über der Hälfte der 80 Ateliers werden die Pforten offen stehen. Seit rund einem Jahr arbeiten die meisten Künstler jetzt in den klar und großzügig renovierten Räumen. Wie hat der neue Arbeitsort ihr Kunstschaffen beflügelt oder sogar verändert? Solche Fragen bieten interessanten Gesprächsstoff für Besucher. Und da im Quartier Künstler aller Generationen vertreten sind, sind unterschiedliche Herangehensweisen an die Kunst garantiert.

Eine Woche später, am 29. September von 14 bis 18 Uhr, öffnen einige der Künstler sogar für einen zusätzlichen Tag ihre Ateliers. An diesem Tag wird es um 16 Uhr im Veranstaltungsraum des Quartiers am Hafen eine Diskussion mit Gastkünstlern aus Liverpool über die Bedeutung von Atelierhäusern in Köln und Liverpool geben.