27.09.2016
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Frauen am Kölner Hauptbahnhof belästigt: Übergriffe gingen von einer Gruppe von 1000 Männern aus

Polizeipräsident Wolfgang Albers.

Polizeipräsident Wolfgang Albers.

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Krasniqi

Köln -

Sie waren betrunken, äußerst aggressiv und haben in Gruppen Frauen umringt, beraubt, begrapscht und teilweise massiv sexuell belästigt. Vier Tage nach Silvester bekommen die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Neujahrsnacht ein noch bedrohlicheres Ausmaß: Mehr als 1000 Männer gehörten zu der Gruppe, aus der heraus die Taten begangen wurden.

Diese Zahl nannte die Polizei am Montag. Inzwischen sind 60 Anzeigen eingegangen, es gibt 80 Geschädigte – viele von ihnen wurden beraubt, etwa 15 Frauen sexuell belästigt. Auch eine Zivilbeamtin ist unter den Opfern.

Die Zahl dürfte sich in den kommenden Tagen erhöhen. „Wir erwarten noch mehr Anzeigen und bitten alle Geschädigten, sich zu melden“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität. Sie und neun weitere Polizeibeamte sind in der Ermittlungsgruppe „Neujahr“ mit der Aufklärung der Taten beschäftigt.

Täter überrumpeln Polizei und Opfer

Polizeipräsident Wolfgang Albers spricht von „Straftaten einer neuen Dimension“. „Es ist ein völlig unerträglicher Zustand, dass solche Taten mitten in der Stadt begangen werden“, sagt Albers. Nach Angaben von Polizeibeamten, Zeugen und Opfern sind die meisten der Täter junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren aus Nordafrika oder dem arabischen Raum.

Michael Temme, Leiter der Direktion Gefahrenabwehr, sagt: „Das Vorgehen der Täter hat uns völlig überrascht. Das hat alles getoppt, was wir bisher in Silvesternächten erlebt haben. Weder in Köln noch in anderen Städten hat es einen solchen Modus Operandi bisher gegeben.“

Zwei Männer festgenommen

Es soll sich bei den Tätern nach bisherigen Erkenntnissen nicht um die jungen Nordafrikaner handeln, die am Weltjugendtagsweg und rund um das Museum Ludwig mit Drogen dealen. Vielmehr sollen sie aus dem Umfeld der Trickdiebe stammen, die als „Antänzer“ auf Kölns Amüsiermeilen Feiernde bestehlen.

Zwei der fünf Männer, die am Sonntag festgenommen wurden, sind mittlerweile in Haft. Nachweisen kann ihnen die Polizei aber bisher nur Taschendiebstähle.

Am Silvesterabend gegen 21 Uhr versammelten sich zunächst 400 bis 500 der Männer auf der Domplatte. „Sie waren völlig enthemmt, warfen Feuerwerk in die Menge“, sagt Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizei St. Augustin. Die Gruppe wuchs auf mehr als 1000 an. Gegen 0.15 Uhr sperrte die Polizei den Bahnhofsvorplatz und die Treppen. Erst nach und nach gab es in der Nacht erste Hinweise, dass kleinere Gruppen Frauen angegriffen hätten.

Chaos am Bahngleis

Eine Overatherin und ihre Freundin wurden in der Umgebung des Doms gleich mehrfach von vier bis sechs jungen Männern umkreist. „Die haben versucht, uns anzumachen, wir fühlten uns bedroht“, sagt sie. Die Frauen konnten sich befreien, doch später habe am S-Bahn-Gleis im Bahnhof noch einmal das „totale Chaos“ geherrscht.

Viele der jungen Männer seien dort betrunken sehr aggressiv geworden, es sei zu Schlägereien gekommen. „Ich hatte das Gefühl, die Polizei und die Sicherheitsleute der Bahn waren nicht nur überfordert, sondern hatten auch Angst, die Lage könnte eskalieren“, sagt die Augenzeugin.

Dass es in der Nacht keine Festnahmen gab, hat nach Angaben der Polizei vor allem damit zu tun, dass die Taten sich innerhalb einer riesigen Menschenmenge abgespielt hätten. Etliche Männer wurden überprüft, konnten sich teilweise nur mit Duldungsbescheinigungen ausweisen und wurden zur Feststellung der Identitäten mit auf die Wache genommen. Einige Täter sollen sich blitzschnell andere Jacken angezogen oder in der Menge weggeduckt haben, Opfer erkannten Täter im Getümmel nicht wieder, die Polizei erfuhr erst von den Taten, weil Opfer sich auf der Wache meldeten.

„Völlig neue Dimension der Gewalt“

Arnold Plickert, NRW-Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sagt: „Das ist eine völlig neue Dimension der Gewalt.“ Man müsse die Taten lückenlos aufklären. „Wenn Frauen sexuell belästigt werden, ist das ein massiver Eingriff in ihre Grundrechte. Das ist nicht hinnehmbar. Deshalb darf bei der Aufklärung der Übergriffe nichts verschwiegen werden, auch wenn das zu Ergebnissen führen sollte, die politisch unangenehm sind“, fordert Plickert.

Zugleich warnte der GdP-Vorsitzende aber davor, die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge als potenzielle Straftäter zu diffamieren. Innenminister Ralf Jäger (SPD) sagt: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“

Vorbereitungen für Karneval

Die Kölner Behörde werde nun „konsequent“ aufklären. „Sie wird außerdem neue Konzepte für die Karnevalszeit erarbeiten, um solchen Vorfällen vorzubeugen. Das sind wir den Frauen schuldig und zugleich den nordafrikanischen Flüchtlingen, die friedlich bei uns leben wollen“, betont der Minister. Mehr Zivilbeamte und Einsatzkräfte, Fahrzeuge mit Videomasten, die es ermöglichen, eine Menge von oben zu filmen, vielleicht auch Videoüberwachung auf dem Bahnhofsvorplatz – das alles könnten nach Angaben von Michael Temme Konsequenzen für die Karnevalstage Anfang Februar sein.

„Ziel muss es sein, frühzeitig größere Ansammlungen von Tätern, wie wir sie hier erlebt haben, zu verhindern.“ Das dürfte an einem Tag wie Weiberfastnacht eine enorme Herausforderung sein. „Es kann natürlich nicht darauf rauslaufen, dass jede größere Gruppe von der Polizei begleitet wird – dann würden wir das verlieren, was Köln ausmacht.“