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Porträit: In die ewige Enthaltsamkeit

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In der Kirche St. Hermann Josef in Dünnwald hat Tim Fechtner vor kurzem sein Gelübde abgelegt.  Foto: Andreas Flach
Bruder Tim empfangt seine Gäste in T-Shirt und Turnschuhen. Seine Mönchskutte hängt eigentlich im Kleiderschrank und wird nur zu besonderen Anlässen herausgeholt - wie vor ein paar Wochen, als er das ewige Ordensgelübde ablegte.  Von
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Der Mönch empfängt in T-Shirt und Turnschuhen. Bruder Tim schüttelt das Handgelenk, bis die silberne Armbanduhr nicht mehr schlabbert, und bittet lächelnd ins Haus der Ordensgemeinschaft. Die drei Patres der Amigonianer und Bruder Tim wohnen im früheren katholischen Pfarrhaus, einem schlichten Gebäude neben der Kirche. Jeder hat ein kleines Zimmer, sie teilen sich eine Küche und ein Wohnzimmer mit einem alten Fernseher. Im Mönchshaus sieht es aus wie in einer WG.

Bruder Tims Zimmer ist kaum zehn Quadratmeter groß, auf der Ablage über dem Bett liegt „Der Herr der Ringe“ neben der Bibel. Zwei Kreuze und ein tönerner Hirte lagern auch auf der Ablage. Im Kleiderschrank hängt Bruder Tims kastanienbraune Mönchskutte, auf dem Schrank wartet seine Kletterausrüstung auf den nächsten Einsatz. Die Kutte trage er fast nie, weder bei der morgendlichen Messe (Laudes) um 7.30 Uhr noch beim Abendgebet (Complet) um 22 Uhr. „Die tragen wir nur, wenn es sehr feierlich zugeht.“

Mönch in T-Shirt: Seine Kutte trägt Bruder Tim fast nie.  Foto: Michael Bause

Am Samstag vor zwei Wochen hatte er die Kutte mal an. Da hat Tim Fechtner in der Kirche St. Hermann Josef in Dünnwald das ewige Ordensgelübde (Profess) abgelegt. Der 31-Jährige hat sich verpflichtet, der Ordensgemeinschaft der Amigonianer bis an sein Lebensende treu zu bleiben – samt Gebot zu Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit. Bruder Tim ist der mit Abstand jüngste Mönch der Ordensgemeinschaft in Europa. „Und es werden wohl auch nicht mehr so viele Jüngere kommen.“

Er sitzt in einem Vorzimmer zur kleinen Kapelle vor einem Regal mit religiösen Büchern und lächelt. Er lächelt fast immer, wirkt nicht entrückt dabei, sondern heiter. Mathe und Informatik waren seine besten Fächer in der Schule, „Rationalität und Glaube habe ich nie als Widerspruch empfunden“, sagt er. Wissenschaftler seien Suchende, Gläubige auch, „man versteht nicht immer alles, das Geschenk des Lebens ist zu groß, um es begreifen zu können, aber mit Gottvertrauen geht es einfacher, finde ich“.

Was das für ihn sei, Glaube, Gottvertrauen? Eine Pause tritt ein, der 31-Jährige schließt kurz die Augen. „Ich habe schon als Messdiener gefühlt, dass Glaube mehr bedeutet als Beten“, sagt er dann. Dass es nicht wörtlich zu nehmen sei, dass Gott den Menschen geschaffen habe, und auch die Geschichte vom Paradies nicht. „Mich haben auch schon Menschen gefragt, ob ich Mönch geworden bin, um in den Himmel zu kommen.“ Und? „Natürlich nicht.“ Was Glaube aber genau für ihn ist, fällt ihm schwer, in Worte zu gießen. „Vertrauen und Geborgenheit“ treffe es wohl am ehesten.

Er geht in die Kapelle, die aussieht wie ein Wohnzimmer mit Stuhlkreis und Tabernakel an der Wand. Es kann jetzt ums Eingemachte gehen – ewige Armut, ewige Keuschheit, ewiger Gehorsam. „Ich definiere das für mich anders“, sagt Bruder Tim. „Ich würde sagen: Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit, Verzicht auf absolute Selbstbestimmung, die ja sowieso schwierig ist.“ Arm seien Pater Ralf, Pater Gisbert, Pater Johannes und er schon insofern nicht, als es jeden Tag genug zu essen gebe, er ein Fahrrad habe und Geld fürs Schwimmbad. Über den Verzicht auf eine Partnerschaft habe er sich selten große Gedanken gemacht.

„Das ist eigentlich kein Thema.“ Freundin? „Nie gehabt, nie vermisst.“ Nun sei Keuschheit etwas anderes als Ehelosigkeit. Ob er sich also als sexuellen Menschen wahrnehme? Etwas ausweichende Antwort: „Es ist schon so, dass wir uns verpflichten, keine sexuellen Beziehungen einzugehen.“
Die Eltern waren natürlich platt. Sie hatten ihren Sohn zwar mit in die Messe genommen und christlich erzogen, Tim war Messdiener geworden und hatte sich für die Kirche interessiert. „Aber als ich ihnen mit 18 oder 19 erzählt habe, dass ich mich einer Ordensgemeinschaft anschließen will, haben sie schon nachgefragt, ob das denn das Richtige sei.“

400 Amigonianer

Die Amigonianer sind eine römisch-katholische Ordensgemeinschaft, die 1889 vom spanischen Kapuzinerpater Luis Amigó gegründet wurde. Der Orden hilft benachteiligten Jugendlichen.

In Deutschland ließen sich die Amigonianer 1962 nieder. Die erste Niederlassung war in Köln-Immendorf, die inzwischen nach Dünnwald übergesiedelt ist. Auch in Gelsenkirchen leben Amigonianer-Mönche. Weltweit hat der Orden rund 400 Mitglieder.

Das Ordensgelübde von Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam wird nach sieben Jahren für immer abgelegt. (uk)

Er musste sich ja nicht direkt entscheiden. Als Aspirant hat er sich den Ordensbetrieb ein Jahr in Gelsenkirchen angeschaut – dort haben die Amigonianer ihre zweite deutsche Niederlassung. Es folgten Einkehr und vertiefte Einführung in die Regeln der Ordensgemeinschaft als Novize – jetzt durfte Tim Fechtner das Mönchsgewand tragen. Wie schon als Aspirant legte er ein Gelübde auf Zeit ab. Das tat er auch in der Zeit des Juniorrats, das dem ewigen Gelübde vorausgeht.

Der gebürtige Leverkusener verbrachte zwei Jahre in Valencia und arbeitete dort in einer Ordensgemeinschaft, die ein Jugendgefängnis leitet. Die Amigonianer haben sich der Hilfe für benachteiligte Jugendliche verschrieben. Das ist ihre Mission – sie missionieren niemanden zu ihrem Glauben. In Köln arbeitet Bruder Tim halbtags im Offenen Ganztag einer Grundschule in Weidenpesch. „Der Gedanke der Gemeinschaft war wichtig für mich. Zurückgezogen auf dem Berg leben wie die Benediktiner oder schweigend wie die Karthäuser, das wäre nichts für mich gewesen.“

Bevor er das ewige Gelübde ablegte, hätten ihn übrigens keine Zweifel geplagt. Die seien früher mal aufgetaucht. „Da ist zwischendurch schon mal der Gedanke aufgetaucht, ich will auch machen was ich will“, sagt er, lächelt, und fügt hinzu: „Aber das mache ich ja jetzt.“

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