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Porträt: Angekommen nach 22 Jahren

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Zu Akhanlis Fluchtgepäck zählte eine Laute. Der 55-Jährige ist gelernter Instrumentenbauer. Foto: Michael Bause
Der türkische Schriftsteller Doğan Akhanli lebt seit 22 Jahren in Köln. Zuhause fühlt er sich aber erst, seit er im Herbst für drei Monate in seiner Heimat war, ohne vom türkischen Staat daran gehindert zu werden.  Von
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Doğan Akhanli, der Kölner Schriftsteller, der vor zwei Jahren willkürlich inhaftiert wurde, als er in der Türkei seinen todkranken Vater besuchen wollte, sitzt auf einem Holzhocker vor Bücherwänden und sagt: „Ich bin nach fast 22 Jahren endlich ganz angekommen.“

Die Äpfel schmecken ihm wieder, die Kartoffeln und das Börek, der Kaffee und der Wein, er fühlt sich jetzt heimisch in Köln. „Wenn man sich nicht zu Hause fühlt, sind die Sinne ja oft betäubt“, sagt er; Menschen, die ihre Heimat einmal verlassen mussten, wüssten um diese Betäubung.

Mit Laute und Decke nach Deutschland

Akhanli trinkt Kaffee und raucht. Die gewaltige Bücherwand lässt diesen leise sprechenden, einladend guckenden Mann noch kleiner erscheinen. An einem Regal lehnt eine Laute („Ud“), die der gelernte Instrumentenbauer selbst gemacht hat, der Schreibstuhl ist bedeckt mit einer Steppdecke seiner Mutter.

Laute und Decke nahm Akhanli mit, als er 1991 mit seiner Familie nach Deutschland floh. Die tiefe Beunruhigung, die er so lange nicht loswurde, nennt der 55-Jährige „Natter im Herzen“.

Mit 18 war Doğan Akhanli als Student in Istanbul erstmals inhaftiert und gefoltert worden, fünf Monate verbrachte er im Militärgefängnis. Warum? „Weil ich eine linke Zeitung gekauft hatte.“ Erst nach der Erfahrung der willkürlichen Folter hatte er sich einer Untergrundbewegung angeschlossen.

Er war in einem Küstenort untergetaucht und hatte sein Geld als Fischer verdient. Nach seiner zweiten, zweieinhalbjährigen Haft- und Foltererfahrung gab Akhanli seinen politischen Kampf auf.

In Deutschland wurde er 1991 als politischer Flüchtling anerkannt, er wohnte zunächst in einem Asylbewerberheim bei Bergisch Gladbach, seit elf Jahren hat er einen deutschen Pass. Deutscher oder Türke, Christ oder Muslim, darüber lächelt er. Nationalität und Religion waren ihm bei seiner Heimatsuche nie wichtig.

Grundlose Inhaftierung

„Ich habe mich in Köln gut aufgenommen gefühlt“, sagt Akhanli, und sich über die Chance gefreut, hier einen „neuen Anfang“ machen zu dürfen. Wenn er aber an Heimat dachte, erinnerte sich Doğan Akhanli an die dunkelroten Winteräpfel seines Bergdorfs an der Grenze zu Georgien, an die Maulbeerbäume und den würzig duftenden Wacholder, das Heulen der Wölfe und die Tatzenabdrücke der Bären.

Daran änderte auch die „überwältigende, glücklich machende Solidarität vom Kölner Oberbürgermeister bis zum Obdachlosen“ nichts, die der Schriftsteller erfuhr, als er im August 2010 erneut inhaftiert wurde.

Akhanli wollte seinen Vater am Sterbebett besuchen und fand sich zum zweiten Mal grundlos im Gefängnis wieder. Der Vorwurf, er habe an einem Überfall mitgewirkt, bei dem ein Mensch ums Leben gekommen war, erwies sich als aus der Luft gegriffen.

Der Vater starb, als der Sohn im Gefängnis war. Der Sohn ging nach der Freilassung an sein Grab und trauerte.

Geschichte von Heimatsuche

Doch erst, seit er im vergangenen Sommer unbehelligt vom türkischen Staat erneut in sein Heimatdorf reiste, drei Monate blieb, die Äpfel aß, die Bären sah, die morgens bis zum Haus kamen, den Wacholder roch, von den Bewohnern als verlorener Sohn empfangen wurde und aus freien Stücken zurückkehrte, kann Akhanli sagen: „Ich bin ganz angekommen. Weil ich jetzt weiß, dass ich völlig freiwillig in Köln lebe.“

Sabiha, die Heldin in Akhanlis Theaterstück „Annes Schweigen“, das ab 17. Januar dreimal im Theater am Bauturm aufgeführt wird, kennt dieses Heimatgefühl nicht. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, hat sich aber nie ganz als Deutsche akzeptiert gefühlt.

Als Heranwachsende wendet sie sich den türkischen Nationalisten zu, die den Völkermord an den Armeniern von 1915 aggressiv wegreden. Ihre Mutter schweigt. Sabiha, so hieß eine Adoptivtochter des türkischen Staatsgründers Atatürk.

Sabiha Gökcen war Pilotin, die erste türkische, die erste Kampfpilotin der Welt – und Armenierin. Anne heißt auf Türkisch Mutter. Mit Hilfe von Anne und Sabiha erzählt Akhanli eine Geschichte von Heimatsuche, Fremdheit und Gewalt, Liebe, Leugnen und Schweigen.

Parallelen zwischen Holocaust und Genozid

Rassismus, Antisemitismus, Gewalt allgemein und die Völkermorde in Europa im Besonderen sind Akhanlis große Themen. Warum schweigen Opfer, warum schweigen Täter? Wie lässt sich das Schweigen brechen? Diese Fragen treiben ihn um.

Akhanli führt Muslime und Christen durchs Kölner El-De-Haus, für seine Romane erforscht er Parallelen zwischen dem Holocaust an den Juden und dem Genozid an den Armeniern.

Lebensläufe, die sich berühren, identisches Verhalten; auch in „Annas Schweigen“ geht es darum. Er sagt: „Der Genozid an den Armeniern gehört auch zur deutschen Kultur. In Deutschland an die Opfer der Armenier zu erinnern heißt an den Holocaust zu erinnern.“ Das Wilhelminische Kaiserreich war mit dem Osmanischen Reich alliiert, als es 1915/16 zum Genozid an den Armeniern kam.

Es gebe viele unbekannte Parallelen in der Geschichte der beiden Länder, und es gebe einen bekannten Unterschied: Die Deutschen hätten ihren Völkermord aufgearbeitet, die Türken ihren nicht.

Akhanli weiß, dass er damit in einer Wunde bohrt, die nationalistisch denkende Türken verbergen – und leugnen. Er nimmt – ähnlich wie Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk – in Kauf, dass seine Bücher aufgrund seiner Kritik in vielen türkischen Buchhandlungen nicht zu finden sind. Und viele wütend auf ihn sind.

Erster Text in Deutsch

Zwar sind zwei von Akhanlis Romanen in der Türkei mit Kritikerpreisen bedacht worden – trotzdem werden sie wenig verkauft. Er lebt nicht vom Schreiben, sondern von Vorträgen, Lesungen, Führungen und der Unterstützung des Vereins „Recherche International“, für den er arbeitet.

„Annes Schweigen“ hat Akhanli auf Deutsch geschrieben. Es ist sein erster literarischer Text in deutscher Sprache. „Das war eine wunderbare Erfahrung. Ich habe den Rhythmus gefühlt, die Sätze kamen einfach“, sagt der Mann, der im Deutschen gern die Artikel verschluckt.

Entscheidend sei es für ihn nicht, in welcher Sprache er schreibe, Deutsch, Türkisch, egal: „Es geht um die Botschaft.“ Und die lautet eben auch: Deutsch, Türkisch, Christlich, Muslimisch, egal. Man müsse kapieren, dass es nicht weiterhilft, „sich mit seiner Nationalität oder Religion abzugrenzen“, und wie absurd es ist, sich deswegen zu hassen. Hass kann in Gewalt münden, in Angst und Schweigen über die eigene Vergangenheit.

Doğan Akhanli hat selbst jahrelang über seine Natter im Herzen, aber auch über seine Foltererfahrung und seine Wut geschwiegen. Er hatte Angst, dass seine Manuskripte und Bewerbungen abgelehnt werden, „eine ständige Ablehnungsangst in allen Bereichen“.

Zum Schreiben berufen

Deutschland wurde sein Heim, „wie ein neues Heim für Kinder, die von ihren Eltern zuvor schlecht behandelt worden waren“, schreibt er in einem Essay – aber nicht sein Zuhause.

Jetzt, da er weiß, dass er freiwillig hier lebt, sagt er: „Ich kann alles sagen und schreiben. Ich muss mich nicht mehr beweisen. Ich habe nur noch so eine nette Angst, die Kölner zu enttäuschen, wenn ich wie jetzt ein Stück schreibe.“

Gerettet, sagt er, habe ihn das Schreiben. In der Nacht des 28. Dezember 1995 beschloss er aus dem Bauch heraus Schriftsteller zu werden. Akhanli arbeitete da für eine Menschenrechtsorganisation als „Sachbearbeiter“, er hatte sich einen Computer gekauft, statt das Geld in einen Führerschein zu investieren.

„Ich hatte noch nie einen literarischen Satz geschrieben, wusste aber, dass ich schreiben musste“, sagt er. Er glaubte an den Satz von Gabriel García Márquez, wonach Talent zum Schreiben zwar erforderlich, entscheidend aber Wille und Geduld seien.

Lieber ruhig als ängstlich

Seine Angst habe ihm nie als Antriebsfeder gedient. „Die Unruhe hat mir höchstens geholfen, viel zu arbeiten“, sagt er. „Die besten Erzähler wie Thomas Mann oder Orhan Pamuk sind ruhige Menschen. Es scheint mir also besser, ruhig zu sein als ängstlich.“

Eigentlich erstaunlich, dass sein in der Türkei prämiertes Buch über einen Kölner, der den Auftrag erhält, über den Brandanschlag von Solingen zu schreiben und bei der Recherche in unerforschte Tiefen europäischer Geschichte gerät, nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Nach seiner Inhaftierung wollte ein Verlag den Text übersetzen lassen, überlegte es sich aber anders. „Das war eine große Chance“, sagt Akhanli, „aber ich habe auch nur begrenzt Zeit investiert, mich darum zu kümmern. Ich schreibe lieber.“

Seit er sich von politischen Bewegungen distanziert hat und schreibt, sei er ein anderer Mensch geworden, sagt er. Sein Blick ist nicht mehr flackernd und zornig, sondern mild.

„Früher hatte ich viele Antworten und wenig Fragen, heute habe ich wenige Antworten und viele Fragen.“ Den Zweifel schätzt er heute sehr. Wenn viel Macht und demonstrative Gewissheit im Spiel sind, in der Politik, Wirtschaft oder Religion, hält er sich fern und schreibt.

Schweigen wird Doğan Akhanli nicht mehr. Er ist ja angekommen.

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