26.07.2016
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Integration: Kurdische Geschichten und Rezepte

Zu Weihnachten gibt es bei Drakshan Ahmad "Kulice", ein traditionelles kurdisches Gebäck.

Zu Weihnachten gibt es bei Drakshan Ahmad "Kulice", ein traditionelles kurdisches Gebäck.

Foto:

Roland Schriefer

Finkenberg -

Bei der Begrüßung muss sie sich erst einmal entschuldigen. Drakshan Ahmad hatte nur mit dem Besuch einer Frau gerechnet und deshalb auf ihr Kopftuch verzichtet. Doch nun ist der Fotograf dabei. Deshalb hat sie ihr Haar schnell mit einem Tuch bedeckt. Sie muss sich nur noch kurz zurückziehen, um sich korrekt zu kleiden.

Die 50-jährige Irakerin ist streng gläubige Sunnitin. Das war nicht immer so. "Früher, in der Heimat, habe ich kein Tuch getragen." Zwar habe sie immer schon an Gott geglaubt, aber mit den religiösen Praktiken gehadert. Kopftuch trägt sie erst seit ein paar Jahren. "Meine älteste Tochter hat vor mir angefangen. Dabei müsste es doch eigentlich anders herum sein: Ich bin das Vorbild für die Kinder." Aber in der Religion könne man nichts erzwingen. Jeder müsse für sich entscheiden, was und ob er glauben wolle. Auch ihr Mann habe sich anders entschieden. Er sei nicht religiös, sagt Drakshan Ahmad. Er lege ihr aber auch keine Steine in den Weg.

Vor 16 Jahren aus dem Irak geflohen

Vor 16 Jahren sind Drakshan und Muhamad Khalid Ahmad mit ihren drei Kindern aus dem Nordirak geflohen. Die Familie ist kurdischer Abstammung, und das Familienoberhaupt hat für sein Volk gegen Saddam Hussein gekämpft. Deshalb sei er seines Lebens nicht mehr sicher gewesen und habe sich ständig verstecken müssen, sagt Drakshan Ahmad. Weil er trotzdem stets in Gefahr war, geschnappt zu werden, entschloss sich die Familie, das Land zu verlassen. "Wir haben alles zurückgelassen, unser Haus, unser Auto. Einfach alles." Drakshan Ahmads Stimme schwankt ein wenig, doch sie fasst sich wieder. "Im Irak ging es uns sehr gut. Es war mein Traumhaus, in dem wir gewohnt haben." Dann schweift ihr Blick durch die Wohnung und bleibt an der offenen Decke hängen. Der Bereich ist so feucht, dass sich die Tapete abgelöst hat und der Putz heruntergefallen ist. Die Decke im fensterlosen Badezimmer ist unterdessen voller Schimmel. "So schlecht habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewohnt." In die Stimme mischt sich Verzweiflung. "Das ist so ungesund." Mittlerweile beginnt die Wohnsituation, sie depressiv zu machen. Sie hofft, dass sie bald in eine andere Bleibe ziehen kann. Die Verhandlungen laufen.

Zwei Länder in einer Wohnung

Auch ohne die feuchte Wohnung ist Drakshan Ahmad gesundheitlich angeschlagen. Sie hat nur noch eine Niere und Probleme mit der Schulter. Mittlerweile macht ihr zudem ihre Lunge zu schaffen. Auch ihr Mann ist krank und hat schon zwei Herzoperationen hinter sich. Aber aufgeben will sie nicht. "Wir kämpfen um unser Leben. Auch für unsere Tochter." Lana ist 13 Jahre alt und in Deutschland geboren. Sie besucht die Lise-Meitner-Gesamtschule. Das Abitur hat sie fest im Blick. In einer Ecke des Wohnzimmers steht eine mit einem Dirndl bekleidete Porzellanpuppe. Lana hat sie als kleines Kind geschenkt bekommen. Ihre Mutter hat sie vor ein paar Jahren in die Wohnungsdekoration integriert. "Ich möchte aus beiden Ländern etwas in meiner Wohnung haben: aus meiner Heimat und aus Deutschland", begründet Drakshan Ahmad. Gerne würde sie sich noch mehr integrieren und auch Freundschaften mit Deutschen pflegen. "Aber es ist schwierig", sagt sie. "Wir werden so oft ausgeschlossen. Auch wegen des Kopftuches. Aber wir sind doch auch nur Menschen." Und dann fließen doch die Tränen.


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