28.08.2016
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Prozess: Tötung auf Verlangen: Sohn erhält keine Strafe

„Lass mich niemals so liegen", soll sein Vater Ralf P. gebeten haben. (Symbolbild)

„Lass mich niemals so liegen", soll sein Vater Ralf P. gebeten haben. (Symbolbild)

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dpa

Köln -

Das Versprechen gab Ralf P. seinem Vater schon vor Jahren. „Eines musst du mir schwören“, sagte er zu seinem Sohn: „Lass mich niemals so liegen.“ Da standen die beiden am Bett eines Verwandten, der im Wachkoma lag. Am 28. Juni 2014 löste Ralf P. sein Versprechen ein. Er tötete seinen Vater, der mittlerweile an einer seltenen Erkrankung des Gehirns litt.

Vor einem Schöffengericht musste sich der 45-jährige Heizungsmonteur am Freitag wegen Tötung auf Verlangen verantworten. Er ist angespannt, als er an der Seite seines Anwalts Frank Hatlé den Saal betritt. Seine Familie und sein bester Freund nehmen in der ersten Reihe Platz. Auf die Frage des Staatsanwalts, wie es ihm gehe, antwortet Ralf P.: „Ich weiß jetzt, was die Hölle ist.“ Er denke jeden Tag an seinen Vater.

Schon während der Ermittlungen war schnell klar, dass der 74-jährige Anton P. (Namen geändert) sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als sterben zu dürfen. Das bestätigten Verwandte, aber auch unabhängige Zeugen. So kamen die Staatsanwaltschaft wie auch das Schöffengericht zu dem Schluss, dass die Folgen der Tat für den Angeklagten so schwer wiegen, „dass es falsch wäre eine Strafe zu verhängen“. So steht es in Paragraf 60 des Strafgesetzbuchs.

Nach weniger als einer halben Stunde Verhandlung verkündete der Vorsitzende Richter: „Von einer Strafe wird abgesehen. Niemand hier im Saal kann sich über Ihre Entscheidung moralisch erheben.“ Die Bewertung des ethisch-moralisch schwierigen Falls sei „ein juristisches Minenfeld“. Doch Ralf P. sei es, der mit seiner Tat leben müsse. „Was Sie getan haben, müssen Sie für den Rest Ihres Lebens mit sich herumtragen. Das ist Strafe genug“, sagte der Richter. Rechtsanwalt Hatlé hatte vorher in seinem Plädoyer gesagt: „Ralf P. hat aus Verantwortung und Liebe gehandelt, aus Respekt vor seinem Vater.“

„Jung, lass mich nicht so sterben“

Ralf P. lebte mit seinen Eltern in einem Mehrgenerationenhaus. 2013 erkrankte das Familienoberhaupt. Ralf P., seine 17 Jahre alte Tochter, seine Mutter, seine Frau und deren Schwester pflegten den 74-Jährigen. Doch sie mussten dabei zusehen, wie er immer schwächer wurde. Anton P. litt vor allem darunter, dass sich seine Persönlichkeit veränderte. Irgendwann bat er seinen Sohn, ihm eine Waffe zu besorgen. Auch den Hausarzt sprach der Kranke darauf an. Das erzählte der Mediziner später den Ermittlern. Immer wieder sagt Anton P. zu seinem Sohn: „Jung, lass mich nicht so sterben.“

Am Abend des 28. Juni 2014 ging Ralf P. mit Freunden in die Kneipe. Zeugen sagten später, dass der 45-Jährige 15 bis 20 Kölsch getrunken habe. Gegen 22.15 Uhr ging nach Hause. Der Vater habe ihn angefleht: „Jung, erlös mich.“ Ralf P. hielt ihm Mund und Nase zu, küsste ihn dabei auf die Stirn – so schilderte er es vor Gericht. Dann nahm Ralf P. ein Messer und stach zu. Um 22.48 Uhr rief er seinen besten Freund an und sagte: „Ich habe meinen Vater erlöst. Du musst vorbeikommen.“

Nach der Verhandlung umarmte P. seine Frau im Gerichtssaal. Er musste ihr nach der Tat versprechen, dass er sich professionelle Hilfe holt, wenn er nicht damit zurechtkomme. „Ich war zweimal kurz davor“, sagte er dem Richter. Doch er versuche alles, um allein zurückzufinden in ein normales Leben. „Mein Vater hätte nicht gewollt, dass ich daran zerbreche.“