28.07.2016
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Prozess um Ausschreitungen in Köln: Hogesa-Randalierer „Die Zunge“ kleinlaut vor Gericht

Die "Zunge" bei den Hogesa-Ausschreitungen in Köln

Die "Zunge" bei den Hogesa-Ausschreitungen in Köln

Foto:

Reuters

Köln -

Die Bilder passen nur schlecht zusammen: hier der angetrunkene Mann, der mit herausgestreckter Zunge feixend vor einem umgeworfenen Polizeitransporter posiert; das Foto ging nach der eskalierten Hooligan-Demonstration im Oktober vorigen Jahres um die Welt. Und dort derselbe Mann auf der Anklagebank, schüchtern, kleinlaut, wortkarg. Das Reden überlässt der 29-Jährige vor Gericht weitgehend seiner Anwältin.

Der Staplerfahrer aus Berlin ist einer von drei Angeklagten, denen am Mittwoch wegen der Hogesa-Randale („Hooligans gegen Salafisten“) der Prozess gemacht wird – nicht wegen der Geste vor dem Polizeibus, die ist nicht strafbar. Sondern weil der Berliner am selben Nachmittag im Hauptbahnhof zwei Flaschen auf Polizisten schleuderte, wodurch ein Beamter leicht verletzt wurde. Weil er dabei war, als Randalierer eine gläserne Eingangstür mit Aschenbechern und Absperrgittern zertrümmerten. Und weil er Polizisten den Mittelfinger gezeigt hat. Der Richter verurteilte den 29-Jährigen wegen besonders schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung zu 13 Monaten Haft auf Bewährung. Zuvor hatte sich der Arbeiter bei dem Polizisten, der als Zeuge geladen war, entschuldigt.

So sehr Richter Rolf Krebber und Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn sich allerdings bemühen, das Motiv zu ergründen – sie scheitern. „Warum fährt man aus Berlin nach Köln, um gegen Salafisten zu demonstrieren und geht auf die Polizei los?“, fragt Krebber. Ihr Mandant – nicht vorbestraft, kein Hooligan, kein Nazi, aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammend – habe auch keine plausible Erklärung dafür, sagt die Anwältin. „Was hat Sie nur geritten?“, versucht es Krebber erneut. Der Angeklagte zuckt mit den Schultern, antwortet: „Gute Frage“, und starrt vor sich ins Leere. Willuhn erinnert ihn daran, dass Polizisten trotz Helm und Schutzausrüstung Menschen seien „und nicht irgendwelche Klonkrieger“. Er könne nicht verstehen, was junge Menschen dazu bewege, sich an solchen Gewaltexzessen zu beteiligen. Der 29-Jährige schweigt. Nur so viel sagt er: Der Rummel um das Foto mit der Zunge habe ihm zugesetzt. Auch sein Arbeitgeber habe das Bild in den Medien gesehen und ihn darauf angesprochen.

Beschuldigte finden keine Erklärung

Es ist eine Eigenart, die sich wie ein roter Faden durch alle sieben bisherigen Hogesa-Prozesse zieht: Fast alle Beschuldigten räumen die Vorwürfe ein, manche vielleicht auch aus taktischen Gründen, weil ihre Taten zweifelsfrei auf Polizeivideos zu erkennen sind. Aber niemand konnte oder wollte bislang erklären, was ihn angetrieben hat. Der Polizist, der durch den Flaschenwurf des 29-Jährigen verletzt wurde, sagt vor Gericht: „Ich hatte den Eindruck, an diesem Tag wollte uns einfach jeder mal was auf die Nüsse geben.“

Darunter auch ein 36-jähriger Arbeitsloser aus Oberhausen, der eine Stunde vor dem Berliner auf der Anklagebank saß. Er hatte eine Bierflasche in eine Gruppe Polizisten geworfen und den Beamten, der ihn dabei gefilmt hatte, beleidigt. Verletzt wurde niemand. Auch der 36-Jährige räumte die Vorwürfe ein, entschuldigte sich bei dem Polizisten und sagte zur Begründung, er sei in der Situation „einfach explodiert“. Die Konsequenz: 1500 Euro Geldstrafe.

Hogesa-Prozess: "Zunge" zeigt Reue
Köln, 29.04.15: Die "Zunge" ist wohl der bekannteste Teilnehmer der Hogesa-Demo im Oktober 2014 in Köln. Mit herausgestreckter Zunge hatte er vor einem umgeworfenen Polizeiauto posiert. Jetzt musste er sich vor dem Kölner Amtsgericht unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruchs verantworten.

Weniger einvernehmlich endete die dritte Hogesa-Verhandlung an diesem Tag. Einem 53-jährigen Arbeitslosen aus Hamburg warf die Staatsanwaltschaft vor, auf der Rednerbühne am Breslauer Platz den Hitlergruß gezeigt zu haben. Das bestritt der mehrfach vorbestrafte Mann aber vehement. Er mache zwar keinen Hehl aus seiner Nazi- und NPD-Vergangenheit, aber damit habe er seit Jahren abgeschlossen. Er sei jetzt für Europa. Er habe nicht den Hitlergruß gezeigt, sondern mit gebeugtem Arm in die Menge gewunken, so wie er auch seine Kumpels im Fitnessstudio begrüße.

Gebeugt oder ausgestreckt? Staatsanwaltschaft und Richter waren sich am Ende einig: Auf dem Video sei eindeutig der Hitlergruß zu erkennen. Das Urteil: 1200 Euro Geldstrafe.