26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof: So haben Reporter aus dem Ausland Köln nach der Silvesternacht erlebt
15. January 2016
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Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof: So haben Reporter aus dem Ausland Köln nach der Silvesternacht erlebt

Blumen auf der Treppe am Kölner Hauptbahnhof.

Blumen auf der Treppe am Kölner Hauptbahnhof.

Foto:

Krasniqi

Liberal, aber auch schmutzig

„Bei meinem Aufenthalt in Köln habe ich zwei Gefühle rund um den Hauptbahnhof besonders wahrgenommen: Trauer und Erschütterung. Ich war vor zwei Monaten in Paris nach dem Attentat. Das war von der Dimension natürlich viel größer, aber die Atmosphäre war ähnlich.

Ich war überrascht von den Blumen auf der Domtreppe, den Parolen gegen Sexismus daneben. Ich hatte mit mehr Angst gerechnet. Köln scheint mir eine sehr liberale Stadt mit liberalen Menschen zu sein, in der viel möglich ist. Allerdings gibt es auch viele Obdachlose, und es ist schmutzig. Die Stadt war verwahrloster, als ich sie mir vorgestellt habe – ich habe Deutschland bislang mit Attributen wie „nett“ und „rein“ assoziiert.

Ich bin sicher, dass Köln noch einige Jahre mit der Silvesternacht verbunden werden wird. Das Ereignis wird nicht schnell vergessen werden im Ausland. Leider. “ - Jeroen de Preter, De Morgen, Belgien

Köln in der Weltpresse
Köln, 07.01.15: Köln im Fokus der Weltöffentlichkeit. Wenn ein zentraler Platz in einer Millionenstadt über Stunden zum offenbar rechtsfreien Raum wird, ist das Interesse groß. Ebenso wie der Schaden. Den neusten Zahlen und Berichten zufolge haben bereits Touristen ihre Reise in die Domstadt storniert.

Unerwartet friedlich

„Viele Kölner kamen mir sehr liberal vor. Alle haben die Stadt verteidigt, niemand wollte der Polizei die Schuld geben, keiner hatte Ressentiments. Die Stimmung war unerwartet friedlich. Schön fand ich, dass die Flüchtlinge von sich aus sehr aktiv geworden sind und Demonstrationen gegen Sexismus organisiert haben.

Am meisten bewegt hat mich, wie Frauen, die mir zuvor erklärt hatten, sie seien jetzt ängstlicher, kurz darauf mit diesen Demonstranten ins Gespräch gekommen sind. Das war ein Dialog, von dem ich denke, dass er allen Kölnern helfen könnte, gemeinsam das Trauma zu überwinden.“ - Johannes Tralla, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Estland

Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Wie Journalisten aus Paris, Stockholm und New York Köln erlebt haben.

Am liebsten vergessen

„Ich hatte eine traumatisierte Stadt erwartet. Die habe ich nicht vorgefunden. Viele Kölner wollten ihre Stadt verteidigen, rassistische Äußerungen gab es kaum. Ängste wurden sehr vorsichtig ausgedrückt, sehr freundlich.

Köln scheint eine freie und offene Stadt zu sein, aber vielleicht auch eine, die über alle Maßen politisch korrekt sein will. Einige wollten die Ereignisse herunterspielen. Ich hatte den Eindruck, dass manche am liebsten vergessen wollten, was passiert ist. Das macht mir als Frau Sorge, weil es immer die Tendenz gibt, sexuelle Gewalt zu marginalisieren.

Die Opfer werden das Erlebte nicht vergessen. Und ich wundere mich, dass die Oberbürgermeisterin ihre Bürger nicht mit einer großen Rede adressiert.“ - Annick Cojean, Le Monde, Paris

Viel Polizei

„Ich habe überdurchschnittlich viel Polizei wahrgenommen und Kontrollen von Ausländern. Ich war erstaunt, vielleicht auch aufgrund der intensiven medialen Berichterstattung weltweit, dass die Kölner normal einkaufen gegangen sind. Die Geschäfte in der Innenstadt waren auch abends voll.

Dass Köln in Schweden jetzt ein negatives Image hat, glaube ich nicht. In unserem Land, das europaweit die meisten Flüchtlinge pro Kopf aufnimmt, gibt es vor allem die Angst: Diesmal war es Köln, beim nächsten Mal könnte es bei uns sein.“ - Rolf Fredriksson, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Stockholm

Von der Welt beobachtet

Ich war noch am 27. Dezember mit meiner Tochter in Köln, wir hatten einen wundervollen Tag im Dom, haben Kölsch getrunken. Umso eigenartiger war es für mich, dass nur vier Tage später die Übergriffe stattfanden.

Ich kenne Köln aber und weiß, dass die Stadt keine andere werden wird. Im Ausland wird die Silvesternacht nicht so schnell vergessen werden. Deutschland hat mit der Aufnahme der vielen Flüchtlinge ein riesiges soziales Experiment gestartet, und das wird von der Welt beobachtet. - Alison Smale, New York Times

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