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Restaurierungszentrum: Papier-Retter kommen aus ganz Europa

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Mit Spezialwerkzeugen und Japanpapier rückt Restauratorin Anna Wypych den beschädigten Archivalien zu Leibe. Foto: Peter Rakoczy
Die Wiederherstellung beschädigter Archivalien erfordert den Einsatz internationaler Fachkräfte. Und auch aus diesem Grund findet es Restauratorin Anna Wypych besonders interessant, für den Wiederaufbau des Kölner Archivs tätig zu sein.  Von
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Anna Wypych hat viel Routine in ihrem Beruf, aber es kann vorkommen, dass sie, wie sie sagt, „traurig wird, wenn ich so etwas auf dem Tisch habe“. Mit „so etwas“ meint sie eins der unzähligen Dokumente, die an der Einsturzstelle des Historischen Archivs geborgen wurden und nach und nach an ihrem Arbeitsplatz auftauchen, ob mittelalterliche Handschriften, Pergamenturkunden oder Akten aus neuerer Zeit. „Es ist traurig“, sagt sie, „wenn ein Buch 600 Jahre ohne Schäden aufbewahrt worden ist, alle Kriege überstanden hat und dann verschmutzt, gequetscht und angerissen vor mir liegt.“

Die 31-Jährige hat allerlei Instrumente auf ihrem Tisch, mit denen sie die Schäden beheben kann, von Pinseln über Pinzetten und Schwämmchen bis zur Bürste. Fehlende Stellen schließt sie mit feinem, faserigem Japanpapier. Sind Seiten zerknittert oder geknickt, befeuchtet und glättet sie sie. Gerade hat Anna Wypych einen recht gut erhaltenen, handgeschriebenen Band vor sich liegen, auf dessen Rücken „Actus et Processus“ steht. An Nachschub ist kein Mangel. Es heißt, dass die Wiederherstellung der Dokumente, die aus dem Schutt des eingestürzten Archivs gezogen und aus dem Grundwasser gerettet wurden, 30 bis 50 Jahre dauern wird.

Vor der Digitalisierung wird jedes Stück vorsichtig untersucht.
Vor der Digitalisierung wird jedes Stück vorsichtig untersucht.
Foto: Peter Rakoczy

Anna Wypych ist eine der 20 Restauratoren, die zurzeit im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) des Historischen Archivs in Porz-Lind arbeiten, unterstützt von 33 Helfern. Außerdem werden Unterlagen in einer Außenstelle im sächsischen Wermsdorf aufbereitet, von drei Restauratoren und 15 Hilfskräften.

Für den Wiederaufbau des Kölner Archivs tätig zu sein schien ihr interessant, auch wegen des internationalen Aspekts, sagt Anna Wypych: „Hier arbeiten Restauratoren aus aller Welt zusammen.“ Sie bewarb sich, nachdem sie bei einer Tagung der NRW-Papierrestauratoren einen Vortrag von Nadine Thiel, der Chefrestauratorin des Stadtarchivs, gehört hatte.

Seit Oktober 2011 gehört die Polin, die mit Mann und Kind in Marienburg wohnt, zum Team. In Dzialdowo (früher Soldau) in Polen geboren, studierte sie in Thorn Konservierung und Restaurierung von Papier und Leder und machte Praktika in Argentinien und der Slowakei. Nach dem Studium arbeitete sie, die ausgezeichnet Deutsch spricht, als Stipendiatin im NRW-Landesarchiv in Münster, daraufhin an der Nationalgalerie in Edinburgh. Wie ihre Landsmännin Julia Misczcuk kann sie in Köln arbeiten, weil der Förderverein „Freunde des Historischen Archivs“ die Stellen für Spezialisten der Einzelrestaurierung finanziert.

Pro Monat 50 Meter an Dokumenten

Dagegen ist Marion Verborg, die gleichfalls aus dem Ausland kommt, eher mit dem beschäftigt, was Chefrestauratorin Thiel „Mengenbewältigung“ nennt. Schließlich gilt es, 30 laufende Regalkilometer Archivalien, von denen zehn Prozent im Wasser gelegen haben, zu sichten und wieder in einen guten Zustand zu bringen. Pro Monat schaffen es die Mitarbeiter im RDZ, etwa 50 Meter an Dokumenten einer Trockenreinigung zu unterziehen; in der sächsischen Außenstelle sind es zehn bis 15 Meter. Bisher sind rund 500 Meter Archivgut abgearbeitet. Marion Verborg ist heute dabei, Laufzettel auszufüllen: Vor jeder Bearbeitung ist es nötig, den Schaden zu ermitteln und die passende Maßnahme festzulegen.

Dies ist auch Teil des Beweissicherungsverfahrens, das für die juristische Aufarbeitung des Einsturzes unerlässlich ist. Stück für Stück nimmt Marion Verborg verschmutzte und beschädigte Archivalien aus einem der Pappkartons, die sich allenthalben stapeln. Zu ihrer Aufgabe, die Abläufe in der Werkstatt zu organisieren, gehört auch, die Dienstpläne zu schreiben. Dass es um „Mengenbewältigung“ geht, ist ihr klar: „Hier hat man nicht drei Monate für ein Objekt, sondern in der gleichen Zeit mit Hunderten zu tun.“

Die 28-Jährige, die ebenfalls hervorragend Deutsch beherrscht, stammt aus Lyon, hat an der Sorbonne in Paris Konservierung und Restaurierung von Kulturgut studiert und Praktika in Berlin und Wien absolviert. Auch in Málaga hat sie Station gemacht. Ein Jahr verbrachte sie als Stipendiatin in Philadelphia, wo sie an einem Restaurierungszentrum arbeitete; danach kam sie an die Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Erst seit November ist sie in Köln. Angesichts der zu bewältigenden Masse, die abschreckend wirken kann, sagt sie: „Es gibt tatsächlich viel zu tun“; doch sie sehe es weniger als Problem denn als „Herausforderung“.

Klumpig zusammengepresste Blattbündel

Gewohnheit und gelegentlich auch Langeweile gebe es in jedem Beruf, sagt dazu Pavlos Koemtzidis (40), der seit acht Monaten mitarbeitet und wie alle Restauratoren einen Zwei-Jahres-Vertrag hat. Schnell war er unterrichtet, nachdem am 3. März 2009 das Kölner Archiv eingestürzt war: „Das ist eine Nachricht, die in unserer Branche natürlich einschlägt.“ Zu dem Zeitpunkt ahnte er nicht, dass er beruflich damit zu tun haben würde. Vom Stellenangebot hat er auf der Homepage der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Archiv-, Bibliotheks- und Grafikrestauratoren erfahren.

In Deutschland geboren und aufgewachsen, machte er mit 19 in Tübingen das griechische Abitur. An der Fachhochschule in Athen studierte er Restaurierung mit dem Schwerpunkt Papier und Bücher. Nach dem Diplomexamen 1998 arbeitete er in der Nationalgalerie und ab 2001 in der Restaurierungswerkstatt eines privaten Instituts; nebenher betätigte er sich als freischaffender Restaurator.

Die große Krise Griechenlands erwischte auch ihn: „Die Situation wurde 2011 schwieriger, und ich hatte ja Familie in Deutschland.“ Also kehrte er zurück, allerdings nicht ins Schwaben-, sondern ins Rheinland. Im RDZ ist er dafür zuständig, die Helfer anzulernen und einzuweisen. Und mit der Trockenreinigung ist er ebenso befasst wie mit der Begutachtung der Stücke vor der Digitalisierung. Er klärt, ob vor der Freigabe Risse geschlossen werden müssen oder ein Stück wegen seiner Schadhaftigkeit gar unter die Kategorie „komplett gesperrt“ fällt.

Überdies kümmert sich Pavlos Koemtzidis um die Gefriertrocknungsanlage. Darin werden die nass gewordenen Archivalien schonend aufgetaut; dabei wird der Luftdruck vermindert, so dass die in Eiskristallen gebundenen Wassermoleküle sofort in den gasförmigen Zustand übergehen. Was im Moment auf den Flächen in der trommelförmigen Maschine liegt, vermittelt einen Eindruck davon, welch ungeheure, langwierige Aufgabe die Restauratoren noch vor sich haben: Es sind klumpig zusammengepresste, deformierte Blattbündel. Laien können es kaum glauben, doch auch viele dieser Papiere lassen sich retten.

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