27.07.2016
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Schriftsteller: Wallraff unterstützt Akhanli

Dogan Akhanli

Dogan Akhanli in seiner Kölner Wohnung.

Foto:

michael bause

Köln/Istanbul -

Dogan Akhanli sitzt mit Freunden in seiner Ehrenfelder Wohnung, als das Istanbuler Gericht am Mittwoch verkündet, man werde den Prozess gegen ihn verschieben, einen internationalen Haftbefehl erlassen und sich am 4. Oktober erneut im Gerichtssaal treffen. Akhanli lacht, als er telefonisch über die Entscheidung des Gerichts informiert wird.

"Sie wissen ja, wo ich wohne", sagt er. "Mich international suchen zu lassen, ist also genauso absurd wie die Tatsache, mir wieder den Prozess zu machen."

Ein Freund Akhanlis trägt ein T-Shirt mit Akhanlis Konterfei und den Lettern "Wir sind K.A.F.K.A." - der Kölner Schriftsteller fühlt sich längst an das Buch "Der Prozess" von Franz Kafka erinnert. Dort wird der Protagonist eines Tages festgenommen und vor Gericht gestellt. Warum er angeklagt wird, erfährt er bis zu seiner Hinrichtung nicht.

Vom Vorwurf des Raubüberfalls freigesprochen

Dogan Akhanli war 2010 bei der Einreise in die Türkei verhaftet worden. Er wollte damals seinen kranken Vater besuchen. Vom Vorwurf, 1989 an einem Raubüberfall samt Mord beteiligt gewesen zu sein, sprach das Gericht ihn frei. Zunächst hatte es Menschen gegeben, die Akhanli am Tatort gesehen haben wollten; sie sollen unter Folter zu ihren Aussagen gezwungen worden sein. Alle Zeugen hatten Akhanli indes vor Gericht entlastet.

Noch im Januar 2013 hatte die türkische Botschaft Akhanli nach Berlin eingeladen - dort diskutierte er mit türkischstämmigen Künstlern darüber, wie sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland verbessern lassen.

"Ein paar Wochen später wurde dann bekannt, dass man mich erneut anklagt", sagt Akhanli. "Ich fühle mich gerade wie ein Fußball, den man in jede Richtung treten kann. Die Leute, die das tun, glauben, dass das in Ordnung sei, weil es bloß ein Ball ist." Er versuche, den Haftbefehl nicht persönlich zu nehmen. "Ich bin dankbar über die Solidarität der Kölner. Ich fühle mich hier nicht im Exil, es ist ein Geschenk, hier sein zu dürfen."

Wallraff unterstützt Akhanli

Die Solidarität zeigt sich auch darin, dass eine Delegation um den Publizisten Günter Wallraff und Berivan Aymaz von den Kölner Grünen nach Istanbul reiste, um den Prozess zu beobachten. Das Gericht tagte nur eine Stunde. Es gab keine neuen Beweise oder Zeugen, keinen Grund also, das Verfahren wiederaufzunehmen. "Die Türkei bekennt sich offen zum Unrechts- und Polizeistaat", sagte Wallraff nach dem Prozess. Für diese These spreche auch, dass die damals Mitangeklagten sich nicht erneut verantworten müssen: "Weil das keine bekannten Persönlichkeiten wie Akhanli sind, die öffentlich die Islamisierung der Türkei oder die Leugnung des Genozids an den Armeniern ansprechen".

Wallraff fordert Außenminister Westerwelle auf, öffentlich für Akhanli einzutreten. Auf Anfrage sagte das Auswärtige Amt dieser Zeitung, man werde sich "auch künftig für Herrn Akhanli einsetzen". Das Auswärtige Amt habe gegenüber der Türkei immer wieder "auf die Besonderheit des Falles hingewiesen und auch auf die große Besorgnis, die der Fall in Deutschland hervorruft".

Wallraff befürchtet, dass Akhanli im Oktober zu lebenslanger Haft verurteilt werden könnte; ähnlich wie die Menschenrechtlerin Pinar Selek . "Es geht der Türkei darum, ihre Kritiker mundtot zu machen", sagt Wallraff. "Um jeden Preis." Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir kritisierte, Akhanli werde "durch eine offensichtlich politisch motivierte türkische Justiz schikaniert".


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