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Schwarzarbeit: Nicht verwenden

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Arbeit gesucht: Tagelöhner auf der Venloer Straße. Foto: Arton Krasniqi, KSTA
„Arbeiterstrich“ nennen manche den Abschnitt der Venloer Straße, auf dem vor allem Bulgaren auf Jobs warten. Mit Schwarzarbeit halten sich die ungelernten Tagelöhner über Wasser. Nicht nur deshalb sind sie aber vielen ein Dorn im Auge.  Von 
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Seit sechs Stunden steht Dimitri (Name geändert) mit seiner roten Sporttasche schon vor dem Zeitungskasten an der Venloer Straße. Es ist jetzt zwölf Uhr. Sechs Stunden, in denen der kleine, stämmige Mann sich kaum bewegt hat. Ein paar Zigaretten hat er geraucht, einen Becher Kaffee getrunken, sich mit seinen bulgarischen Landsleuten unterhalten. Und immer wieder Ausschau gehalten nach Handwerkern, die Arbeit für ihn haben. Aber bisher ist niemand gekommen.

Fast täglich treibt Dimitri sich an der Ecke Venloer Straße/Hansemannstraße herum, hundert Meter vom Ehrenfeldgürtel entfernt. Arbeiterstrich nennen einige diese Ecke, Tagelöhnermarkt sagen andere. An manchen Tagen warten zwei oder drei bulgarische Männer vor der Bäckerei, an anderen zehn oder zwanzig. Die ersten kommen um sechs Uhr, die letzten gehen am frühen Abend. Sie sind ungelernte Hilfskräfte, arbeiten schwarz. Sie fliesen Terrassen, streichen Wände, reißen Häuser ab oder legen Laminat. Zu Tagessätzen von selten mehr als 50 Euro.

Aus Leidensgenossen werden Konkurrenten

Ihre Auftraggeber sind Baufirmen oder selbstständige Handwerker. Im Schritttempo fahren die Unternehmer durch das Gewusel der Venloer Straße an den Arbeitern vorbei, mustern sie. „Einmal hupen heißt, sie brauchen einen Arbeiter, zweimal hupen heißt zwei Arbeiter“, erzählt ein Geschäftsinhaber, der das Geschehen vor seinem Schaufenster täglich beobachtet.

Die Bulgaren beugen sich durch die geöffnete Seitenscheibe ins Auto und verhandeln den Preis. Aus Mitstreitern und Leidensgenossen werden plötzlich Konkurrenten. „Einer sagt, er streicht das Bad für 60 Euro, der nächste bietet 50 an, und am Ende fährt einer für 30 Euro mit auf die Baustelle“, beschreibt Aleko (Name geändert).

Aleko ist so etwas wie ein Mentor für die ungelernten Tagelöhner von der Venloer Straße. Er lebt seit 25 Jahren in Köln, hat sich früher selbst mit Schwarzarbeit über Wasser gehalten und jobbt heute legal in der Gastronomie. Anders als seine Landsleute spricht Aleko fließend Deutsch. Er hilft ihnen bei Behördengängen oder vermittelt bei Problemen mit der Polizei. Und davon gibt es reichlich.

Vielen sind die Bulgaren ein Dorn im Auge

Denn vielen Anwohnern und Geschäftsleuten auf der Venloer Straße sind die Bulgaren ein Dorn im Auge. „Mir persönlich haben sie nie etwas getan“, sagt Vincente di Nardo, der einen Geschenkeartikelladen betreibt. „Aber sie stehen in großen Gruppen auf der Straße, das ist ein schlechtes Bild. Ältere Leute trauen sich nicht vorbei.“ In der Eisdiele von Mehmet Sever an der Sömmeringstraße haben die Bulgaren Hausverbot. „Viele sind laut und unverschämt“, sagt Sever. „Ich möchte nicht, dass sie Kontakt zu meinen Kunden haben.“

Tagelöhner warten auf Arbeit.
Tagelöhner warten auf Arbeit.
Foto: Arton Krasniqi, KSTA

Ein diesiger Morgen Mitte voriger Woche. Vor der Bäckerei stehen acht bulgarische Männer, auf einem Mäuerchen sitzen fünf Frauen mit Plastiktüten voller Kleidung, eine Frau hat einen Kinderwagen dabei. Sie warten auf einen Kleintransporter, der sie für hundert Euro nach Bulgarien bringt. Aus der Metzgerei gegenüber treten Kunden mit Brötchentüten und Kaffeebechern. Ein Mann kommt aus einem Haus und vertreibt die Frauen: „Haut ab“, brüllt er, „ihr wisst genau, dass ihr hier nicht sitzen sollt.“

Wortlos nehmen die Frauen ihre Tüten und ziehen um auf die andere Straßenseite. Fünf Minuten später werden sie auch dort vertrieben. Jetzt stehen sie auf der Venloer Straße, mitten auf der Fahrbahn, ein Auto hupt, die Frau mit dem Kinderwagen schaut sich um und zieht die Schultern hoch. „Sehen Sie“, sagt Aleko, „sie wissen gar nicht, wo sie hin sollen. Man will sie nicht, sie werden gejagt.“ Eine Anwohnerin habe kürzlich Schuhcreme auf das Mäuerchen geschmiert, damit sie sich nicht hinsetzen, erzählt Verkäufer di Nardo.

Kein Kriminalitätsschwerpunkt

Ordnungsamt, Polizei und Zoll kennen den Tagelöhnermarkt an der Venloer Straße. „Wir wissen, dass die Situation manche Leute beunruhigt“, sagt Ordnungsamtschef Robert Kilp. Es sei ein schwieriges Thema, man nehme es sehr ernst, sei auch regelmäßig vor Ort. Aber das bloße Herumstehen im öffentlichen Raum sei nicht verboten. Die Polizei schlichtet zwar so manche Ruhestörung, ein Kriminalitätsschwerpunkt sei die Straßenecke aber nicht, betont ein Polizeisprecher.

Der Zoll stößt bei Schwarzarbeiterkontrollen auf Baustellen immer wieder auch auf Bulgaren vom „Arbeiterstrich“, berichtet Behördensprecher Jens Ahland. Aber die Beamten hätten keine Befugnis, die wartenden Männer auf der Venloer Straße einfach anzusprechen und zu kontrollieren. Sie zu observieren und bis zu den Baustellen zu verfolgen, falle nicht unter den Prüfauftrag der Finanzkontrolle Schwarzarbeit.

Mit den Tagelöhnern selbst ins Gespräch zu kommen, ist schwierig. „Polizei“, „Ordnungsamt“ und „keine Probleme“ sind oft die einzigen deutschen Wörter, die sie kennen. Aleko könnte übersetzen, aber sie möchten trotzdem nicht sprechen. Auch Dimitri, der Mann mit der roten Sporttasche, schüttelt freundlich den Kopf und winkt ab. „Sie haben Angst“, sagt Aleko.

Immer noch besser als in Bulgarien

200 bis 300 Bulgaren wohnen in Ehrenfeld, schätzt er, die meisten in den Seitenstraßen entlang der Venloer. Viele teilen sich zu fünft oder sechst ein Ein-Zimmer-Appartement, andere schlafen auf Bänken im Park neben dem Bezirksrathaus oder auf dem Spielplatz an der Philippstraße. Manche schlagen die Nächte auch in einem 24-Stunden-Kiosk tot. Das meiste Geld, das sie hier verdienen, schicken sie in die Heimat. „Von hundert Euro kann eine Frau mit zwei Kindern da einen Monat sehr gut leben“, schildert Aleko. Einige Männer haben ihre Familie mitgebracht nach Deutschland, manche Frauen gehen hier putzen. In Beratungsgesprächen mit Mitarbeitern der Caritas beklagen sich polnische Reinigungsfrauen zunehmend, dass sie gekündigt würden, weil die Bulgarinnen die gleichen Jobs zum halben Preis machen, berichtet Susanne Rabe-Rahman vom Caritasverband Köln.

Bulgaren brauchen keine Aufenthaltsgenehmigung

Als EU-Bürger brauchen bulgarische Staatsbürger in Deutschland keine Aufenthaltsgenehmigung. Sie haben Anspruch auf Kindergeld. Wer hier einmal sozialversicherungspflichtig beschäftigt war und erwerbslos wird, kann auch Arbeitslosengeld oder Hartz IV beantragen. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist ungelernten bulgarischen Arbeitern allerdings erschwert. Für eine Festanstellung brauchen sie ein Stellenangebot und den Nachweis, dass kein Deutscher oder sonstiger EU-Bürger für den Job zur Verfügung steht. Saisonarbeiter, Selbstständige und Akademiker benötigen dagegen keine Arbeitserlaubnis.

Ab 2014 ist allen bulgarischen Staatsangehörigen der volle Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt – ohne Einschränkungen. Rechtlich umstritten ist noch, ob sie mit der Einreise auch automatisch Ansprüche auf Sozialleistungen wie Hartz IV haben. (ts)

Aleko sagt: „Und trotzdem: Für sie ist es hier immer noch besser als in Bulgarien.“ Die meisten Männer von der Venloer Straße stammen aus der Region um die 80 000-Einwohner-Stadt Pasardschik. Sie gehören dort zur diskriminierten Minderheit Türkisch sprechender Roma. Die Not ist groß, 90 Prozent der Einwohner arbeitslos. Die Menschen leben von Kindergeld und geringen Sozialleistungen. „Sie haben resigniert. Wer gehen kann, nutzt die Chance“, sagt Claudia Hämmerling von der Malteser Migranten Medizin in München. Dort sind die Tagelöhnermärkte noch weiter verbreitet als in Köln.

Zurück auf der Venloer Straße. Kurz nach zwölf Uhr gibt Dimitri auf. Verabschiedet sich von den anderen Männern und tritt den Heimweg an. Am nächsten Morgen steht er wieder vor der Bäckerei, pünktlich um sechs.

AUTOR
Tim Stinauer
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