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Silvesternacht: In der Nacht zu Gast bei Fremden

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Foto: stefan worring
Planlos in Köln - und dann auch noch an Silvester. Doch siehe da: Wer sich einem solchen Selbstversuch hingibt und einfach durch die Stadt fährt, findet rasch Kontakt - im Wohnmobil wie im Nobelhotel.  Von
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Sich treiben lassen, diesen Vorsatz fasst man eher im Urlaub oder beim Spaziergang am Strand, aber kaum in der Silvesternacht. Dabei könnte man den letzten Abend des Jahres doch mal wie ein Monopoly-Spiel betrachten, bei dem man auch nicht weiß, wohin es einen verschlägt: ob an den Opernplatz oder zum Südbahnhof. Und ob das Geld am Ende für ein Hotel oder nur fürs Kölsch reicht.

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Ich beschließe, meine Fortbewegung nicht dem Würfel, sondern dem Fahrrad zu überlassen. Vier Stunden sind es bis Mitternacht, die Straßen kaum befahren und die Bürgersteige selbst im studentenreichen Kwartier Latäng nahezu menschenleer. Im Feynsinn tafelt eine geschlossene Gesellschaft an weiß gedeckten Tischen. Vereinzelt sausen bunte Lichtpunkte wie saisonal verirrte Glühwürmchen über die Häuserdächer.

Völkerwanderung in Richtung Rheinufer

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Tina und Marino Boric genießen ihr Festmahl im Wohnmobil mit der spektakulären Aussicht auf die Kranhäuser, Altstadt und Dom.
Tina und Marino Boric genießen ihr Festmahl im Wohnmobil mit der spektakulären Aussicht auf die Kranhäuser, Altstadt und Dom.
Foto: stefan worring

Im Theater im Hof würde mich Jonas Kuchinsky, der nette Beleuchter, noch in die 23-Uhr-Vorstellung von „Dinner for one“ einschleusen. Ein Glas Sekt bekäme ich, wenn ich wollte, sofort. Ich fahre weiter zu den Ringen. Von Partymeile ist dort vorerst nichts zu spüren. Die Ehrenstraße wirkt geradezu ausgestorben. Erst jenseits der Hohe Straße beginnt allmählich die Völkerwanderung in Richtung Rheinufer.

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Mit Kaminholz, Verpflegung  und allerbester Stimmung auf den Poller Wiesen (v.l.): Willi und Gaby Nover, Claudia,  Heike und Frank Klingenberg sowie Luis Quesada  mit Sohn Adrian.
Mit Kaminholz, Verpflegung und allerbester Stimmung auf den Poller Wiesen (v.l.): Willi und Gaby Nover, Claudia, Heike und Frank Klingenberg sowie Luis Quesada mit Sohn Adrian.
Foto: Stefan Worring

Auf den Treppenstufen unterhalb der Philharmonie sitzen Martin Luelsdorf und vier weitere junge Leute, darunter zwei Gäste aus der Schweiz. Die kleine Gruppe hat sich erst im Dom den Segen geben lassen, ist dann bei Päffgen und Früh eingekehrt und will nach einer Rast zur Hohenzollernbrücke, die Liebesschlösser anschauen.

Dort gibt es bereits zweieinhalb Stunden vor Mitternacht ein veritables Feuerwerk; allerdings hervorgerufen durch die Blitze der Handykameras und nicht durch Raketen. Ein verliebtes Pärchen aus Litauen sucht eine freie Stelle im Brückenzaun, um sich auf ewig in Köln verankern zu können.

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Um diese Zeit haben Willi Nover nebst Ehefrau Gaby sowie vier weitere Freunde ihr Festmahl längt beendet. Auf dem Tisch neben ihrem Wohnmobil lassen sich im Schein einer Taschenlampe die Reste von Gambas, Hühner- und Entenbrust erkennen. Letztere sei noch warm, ich solle bitte zugreifen, meint ein Mann mit Lederhut, der sich als Frank Klinkenberg vorstellt und als Konditor in Grevenbroich angeblich die besten Nougatringe der Welt herstellt, sofern er nicht – wie jetzt – auf den Poller Wiesen steht.

„Wem nutzt das schlechte Leben?“ lautet Willi Novers Devise. Im nächsten Satz behauptet der Mann mit der Pudelmütze, das Lied „Drink doch ene met“ sei am Rheinufer erfunden worden „und zwar genau zwischen den zwei Bäumen“, wie er lachend ergänzt, derweil Gaby davoneilt, um mir ein Glas Wein zu holen.

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Ich trete näher an den Eisenkorb, in dem Holzscheite glühen und beschließe, das neue Jahr genau hier mit Blick auf Kranhäuser, Altstadt und Dom zu empfangen. Der seit einem Tag 13-jährige Adrian verweist auf seinen 18-Euro-Böller-Vorrat, ich bin also auch knallermäßig auf der richtigen Seite. Meine neuen Silvester-Gefährten sind bester Stimmung. Sie haben am Mittag mit ihren Wohnmobilen nahe der Drehbrücke angelegt, danach ein Schläfchen gehalten und um 18.45 Uhr, kurz vorm Tischdecken, die erste Flasche entkorkt.

Direkt neben ihrem Fahrzeug steht das von Tina und Marino Boric. Der ehemalige Berufspilot und seine Frau leben im Kreis Borken und haben „dieses Plätzchen hier vor fünf Jahren entdeckt“. Seitdem ist das Poller Rheinufer ihre Zwischenstation auf dem Weg nach Calais, wo sie an jedem Neujahrstag „selbst gemachte Pommes am Strand“ verzehren.
Zuvor darf ich mich im Fahrzeuginneren aufwärmen und bekomme verschiedene Sorten Schafs- und Ziegenkäse angeboten, eine köstlicher als die andere. Es gäbe auch noch Wildlachs und Makrele, sagt Tina und raunt dem Gatten zu, eine Flasche Roten zu öffnen. Während Marino über die Vorzüge Kölns philosophiert, erhöht sich die Knallerfrequenz am Ufer, und plötzlich ist es so weit: Jahreswechsel.

Spätzünder auf der Severinsbrücke

Ich warte das Feuerwerk ab. Doch auf der Severinsbrücke stehen noch etliche Spätzünder, die mir im Vorbeiradeln buchstäblich Feuer unterm Hintern machen. Ich umfahre Müll- und Scherbenhaufen und beschließe das Jahr stilvoll zu starten: Im Wasserturm. Im Foyer pralle ich auf Karl-Heinz Hatzig und seine Frau Beate, die das Silvesterfeuerwerk von der elften Etage des Hotels aus erlebt haben – genauso wie Franz-Josef Knieps, der Ehrenpräsident der Handwerkskammer zu Köln.

Alle schwärmen von der einzigartigen Aussicht, und ehe ich mich versehe, hat mich das Ehepaar aus Eschweiler in die Bar entführt. Protest zwecklos. Wenig später reicht Hatzig mir ein Glas Rioja und stößt mit mir aufs neue Jahr an. Dabei habe ich immer noch nicht gewürfelt. Den Wasserturm gibt es nämlich gar nicht beim Monopoly. Nur das Wasserwerk.

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