26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Vorfall am Kölner Hauptbahnhof: 24-Jährige berichtet von erneutem Fall von sexueller Belästigung
07. January 2016
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Vorfall am Kölner Hauptbahnhof: 24-Jährige berichtet von erneutem Fall von sexueller Belästigung

Die Polizei zeigt Präsenz am Kölner Hauptbahnhof.

Die Polizei zeigt Präsenz am Kölner Hauptbahnhof.

Foto:

AFP

Köln -

Anja Bach (24, Name geändert) fährt täglich mit der U-Bahn zu ihrem Arbeitsplatz im Kunibertsviertel im Schatten des Hauptbahnhofs. Am Mittwoch wurde sie auf dem Heimweg von einer Gruppe junger Männer vor dem Eingang zur U-Bahn-Station Breslauer Platz bedrängt. Mitten im Berufsverkehr, an einem der belebtesten Bahnhöfe in Deutschland.

„Ich bin um 17.20 Uhr von der Marzellenstraße Richtung U-Bahn-Station Breslauer Platz gegangen. Erst waren noch einige Passanten um mich herum. Es war dunkel, hat geregnet. Dann ging alles relativ schnell. Eine Gruppe von jungen Männern kam auf mich zu. Insgesamt waren es vier. Sie haben sich in einer fremden Sprache unterhalten. Zwischen dem Parkplatz und der Straße haben noch mehr gestanden.

Alle vier haben Blickkontakt zu mir aufgenommen, einer hat sich direkt vor mich gestellt, gegrinst. Breitbeinig, mit Händen in der Tasche, hat er mich auf Englisch angesprochen. »How are you?« Und hat solche Kussgeräusche von sich gegeben. Ich wusste wirklich nicht mehr, was ich machen sollte. Zwei andere standen hinter mir, einer etwas seitlich versetzt. Ich wusste nicht mehr wohin. Ich meine, er wollte gerade die Hand nach mir ausstrecken, als ein anderer ihn plötzlich zur Seite gezogen, ihn angesprochen hat, so dass der Weg für mich frei wurde. Wahrscheinlich kamen hinter mir Leute. Ich bin schnell über die Rolltreppe in die U-Bahn-Station gelaufen. Ich war völlig neben der Spur, meine Beine haben gezittert, ich habe kaum Luft bekommen, war vollkommen panisch.

Den Vorfall heruntergespielt

Ich habe meinen Vater angerufen, weil ich nicht wusste, was ich machen soll. Er hat mir geraten, sofort den Notruf der Polizei zu wählen. Das habe ich getan. Da ging auch sofort jemand ran. Ich musste fast zehn Minuten am Telefon schildern, was passiert ist. Ich habe das erst gar nicht richtig auf die Kette bekommen, habe immer wieder geweint. Der Beamte am Telefon hat mich gefragt, in welcher Sprache die sich unterhalten hätten. Ich habe nur gesagt, dass ich das nicht weiß. Dass der eine nur auf Englisch »How are you?« gesagt hat. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch“, hat der Beamte gesagt. „Die haben Sie also nur gefragt, wie es Ihnen geht. Ihnen ist also nichts passiert.“ Der hat den Vorfall total runtergespielt. Er hat mich dann gefragt, wo ich mich befinde und gesagt. „Bleiben Sie dort. Die Kollegen sind auf dem Weg zu Ihnen.“

Das beruhigte und ich habe mich relativ sicher gefühlt. Ich wollte die U-Bahn-Station nicht verlassen, habe mit meinem Vater telefoniert. Als nach einer halben Stunde immer noch keine Polizei kam, hat mein Vater dort noch einmal angerufen und seinem Ärger Luft gemacht. Irgendwann kamen zwei junge Polizisten, denen ich die Geschichte noch einmal erzählen musste. Da könnten sie nichts machen, mir sei schließlich nichts passiert und nichts gestohlen worden. Ich habe sie gefragt, warum das so lange gedauert hat, bis jemand kommt. Ich hätte schließlich den Notruf gewählt. Sie seien zu einer Schlägerei gerufen worden. Bei mir habe schließlich keinerlei Gefahr bestanden.

Immer noch unter Schock

Sie haben mich dann noch gefragt, ob ich verletzt bin, mir einen schönen Abend gewünscht, »kommen Sie gut nach Hause«, und sind dann gegangen. Sie haben keine Anzeige aufgenommen, ich musste nichts zu Protokoll geben oder etwas unterschreiben. Ich habe da immer noch geheult und gezittert. Ich stand immer noch unter Schock. Aber da hat sich keiner drum gekümmert. Ich hätte erwartet, dass ich am Telefon ernster genommen werde, wenn ich den Notruf wähle und dass schneller jemand bei mir ist. Ich hätte auch erwartet, dass man mich fragt, ob man mich zur Wache begleitet, bis ich dort von jemandem abgeholt werde. Oder ob es überhaupt jemanden gibt, der mich vielleicht nach Hause begleiten könnte. Die waren völlig anteilnahmslos.“

Aufgezeichnet von Peter Berger.