26.09.2016
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Sozialpädagogin zu Übergriffen im Kölner Hauptbahnhof: „So etwas habe ich noch nie erlebt“

Polizisten nehmen am Kölner Hauptbahnhof einen mutmaßlichen Gepäckdieb fest.

Polizisten nehmen am Kölner Hauptbahnhof einen mutmaßlichen Gepäckdieb fest.

Foto:

Arton Krasniqi

Frau Kopetzky, sind die Geschehnisse vom Hauptbahnhof ein Ausnahmefall oder nur die Spitze eines Eisberges?

Ich beschäftige mich beruflich schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv mit dem Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen und so etwas habe ich noch nie erlebt. Das war derart massiv, sowohl von der Anzahl der Beteiligten (Täter und Opfer) als auch von der Art des Vorgehens. So etwas kenne ich bisher nur aus der Berichterstattung über Überfälle in Indien oder einzelnen afrikanischen Ländern. Bei uns hier also ein Ausnahmefall.

Welche Folgen hat erlebte, sexualisierte Gewalt im Leben von Frauen?

Solche Übergriffe können für die Betroffenen sehr traumatisch sein. Im schlimmsten Fall kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung manifestieren, die sich in Alpträumen, Panikattacken, Flashbacks, Angstzuständen, Ohnmachtsgefühlen und Schlafstörungen äußert.

Aber auch körperliche Symptome wie Migräne, Konzentrationsstörungen, Magenschmerzen, Zittern oder Lähmungserscheinungen können die Folge sein. Die Folgen reichen bis hin zu Arbeitsunfähigkeit, Verlust des Arbeitsplatzes, sozialem Rückzug und Suizidgedanken.

Jede Frau reagiert aber anders, je nach Vorerfahrungen und Stabilität der Lebenssituation, sozialem Umfeld und Erfahrung im Umgang mit Krisen in der Vergangenheit. Manche finden schnell wieder in den Alltag zurück, anderen zieht die Tat den Boden unter den Füßen weg.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Wie Frauen das Erlebte überwinden können und welche Stellen in Köln als besonders gefährlich empfunden werden.

Wie können Frauen das Erlebte überwinden?

Hilfreich ist es, wenn man Menschen hat, mit denen man darüber reden kann. Dabei geht es nicht darum, das Ereignis an sich immer wieder zu erzählen, sondern mehr darum, über die Ängste, Symptome, Folgen sprechen zu können und sich damit verstanden und angenommen zu fühlen. Wenn man sich nicht dazu zwingt, den Alltag um jeden Preis aufrecht zu erhalten, sondern die Möglichkeit hat, sich die Zeit zu nehmen, um zu heilen.

Sich Gutes zu tun, das persönliche Sicherheitsgefühl wieder aufzubauen, positive und stützende Erfahrungen zu machen. Und wenn man sich selbst ernst und wichtig genug nimmt, um – wenn nötig – auch Hilfe von außen wie Beratungsstellen, Therapie und die Trauma-Ambulanz der LVR-Klinik in Merheim in Anspruch zu nehmen.

Dass es sich um eine Gruppe Nordafrikaner handelte, ist natürlich Wasser auf die Mühlen von Rechtsgesinnten. Sind Täter eher Zugereiste als Einheimische?

Nein. Übergriffe durch Fremdtäter (also solche, die die Betroffene vorher nicht kennt) im öffentlichen Raum sind zahlenmäßig auch viel geringer als die im sozialen Nahfeld.

Die meisten Sexualstraftaten passieren innerhalb der Familie, im Freundeskreis, im Arbeitsumfeld, im Freizeitbereich – also dort, wo Täter und Opfer sich kennen und teils schon lange Beziehungen haben. Das sind mehr als zwei Drittel aller Taten.

Und es betrifft alle sozialen Schichten, alle Altersgruppen. Übrigens auch unabhängig vom Aussehen oder von der Art der Kleidung des Opfers. Da sind die Zahlen ganz eindeutig.

Wie und wo Köln sicherer werden soll

Welche weiteren Angsträume gibt es im Stadtgebiet?

Sie sind genauso unterschiedlich wie die Frauen selbst. In einer Umfrage vor vielen Jahren nannten viele Frauen jedoch U-Bahn-Stationen wie die Slabystraße, Neusser Str./Gürtel oder den Bahnsteig der Linie 5 am Appellhofplatz. Also Orte, an denen es oft recht einsam und schlecht beleuchtet ist.

Was fordern Sie für mehr Sicherheit von Frauen in Köln?

Es ist erschreckend, wie überfordert offensichtlich auch die Polizei in dieser Situation war. Eine Aufstockung der personellen Kapazitäten bei Polizei/Bahnpolizei wäre nötig. Zudem muss eine gute Strategie entwickelt werden, wie in Zukunft mit solchen Tätergruppen umgegangen werden soll.

Die Polizei muss ausgerüstet und geschult sein, um schnell und effektiv mit solch bedrohlichen Situationen umgehen zu können. Es darf in Köln keine Toleranz für Gewalt gegen Frauen geben.

Was können Passanten tun, die Zeugen werden?

Hinsehen und sich einmischen, wenn es möglich ist. Gewalt geht uns alle an, das ist keine Privatsache. Wenn man selbst nicht eingreifen kann, kann man sich vielleicht mit anderen zusammenschließen und als Gruppe vorgehen. Oder die Polizei rufen, Fotos von der Situation und den Tätern machen, um Beweismaterial zu sichern.

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