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Sparkasse Köln-Bonn: Die vergessene Kunstsammlung

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Die Sparkasse Köln-Bonn hat eine vergessene Kunstsammlung. 
Die Sparkasse Köln-Bonn besitzt 2700 Kunstwerke von 650 regionalen Künstlern, darunter auch von Stars wie Gerhard Richter, Sigmar Polke und Rosemarie Trockel. Doch das Geldinstitut will lieber nicht darüber sprechen.  Von
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Das Tor zum Garten Eden hat schon bessere Tage gesehen: Die Gitter sind rostig, die weißen Steine des Rahmens verwittert. Auch am halb im Erdreich vergrabenen Paradiesapfel ist die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Über das glatt polierte Metall zieht sich ein langer Kratzer, der vielleicht von einem Rasenmäher stammt - vielleicht aber auch von der schlechten Laune eines Angestellten.

Der Garten Eden, von dem hier die Rede ist, befindet sich in Müngersdorf auf der Rückseite des Hubertushofes an der Aachener Straße. In diesem Gebäude hat der Kabelnetzbetreiber Unitymedia seinen Firmensitz, bis 2006 diente es der Sparkasse Köln-Bonn als Servicecenter. Die Sparkasse ließ den Paradiesgarten als Teil der hauseigenen Kunstsammlung anlegen: eine sanft geschwungene, von Carsten Höller entworfene Parkanlage mit Bäumen, in der das Tor des Bildhauers Hubert Kiecol steht und in dem Rosemarie Trockel ihren überlebensgroßen Paradiesapfel ins Grün versenken ließ. Beide Künstler leben in Köln, beide würden mit ihren Werken jede Museumssammlung zieren: Trockel steht derzeit an dritter Stelle einer weltweiten Kunstrangliste, Kiecol erhielt 2000 den bedeutenden Wolfgang-Hahn-Preis für moderne Kunst.

Gustav Adolf Schröder vor Nays Ölgemälde "Vulkanchor". (Archivbild) 

Im Garten des Hubertushofes scheint man allerdings nicht zu wissen, welcher Schatz hier vor den Blicken der Spaziergänger verborgen liegt. Beschäftigte des Mieters Unitymedia reagierten mit Erstaunen, als sie durch eine Anfrage des "Kölner Stadt-Anzeiger" davon erfuhren. Die Sparkasse selber zeigt wenig Interesse, die Anlage bekanntzumachen - Pressefotos sind nicht gestattet.

Seit den Turbulenzen um die Sparkasse Köln-Bonn scheint nicht nur der Garten Eden in Vergessenheit geraten, sondern die gesamte Kunstsammlung des Geldhauses. Aufgebaut wurde sie im Auftrag des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Gustav Adolf Schröder von der Kunstberaterin Renate Köll in Zusammenarbeit mit den Kölner Galerien. Der von 1991 bis 2010 entstandene Fundus diente gleich drei Zwecken: Er sollte helfen, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter zu verschönern, die regionale Kunstwelt unterstützen und auf diesem mäzenatischen Umweg Kontakte zu wohlhabenden Kunstsammlern und Kunstfreunden etablieren.

In die Sammlung wurden vor allem Werke von Künstlern aufgenommen, die in Köln und Umgebung leben oder über einen längeren Zeitraum von Kölner Galerien vertreten wurden. Der Besitz umfasst etwa 2700 Werke von 650 Künstlern. Diese bieten einen einmaligen Überblick über sechs Jahrzehnte Kölner Kunstproduktion; von der Klassischen Moderne über die Mülheimer Freiheit bis zur Konzeptkunst fehlt keine Kunstrichtung der Region. Alle bedeutenden rheinischen Gegenwartskünstler sind vertreten, darunter Stars wie Gerhard Richter (mit Nebenwerken), Sigmar Polke und Rosemarie Trockel.

Kunstsammlung

Die Sparkasse war nicht bereit, Bildmaterial zur Verfügung zu stellen oder die Arbeiten im Garten des Hubertushofes fotografieren zu lassen.

Der kulturelle Wert der Sammlung liegt ohnehin weniger in ihren Spitzenwerken als in der Geschlossenheit, mit der sie den Kunst- und Kunsthandelsstandort Köln in beispielhaften Arbeiten lebendig werden lässt. Allein bei der Lektüre der alphabetischen Namensliste geht einem von Michael Buthe über Bap-Chef Wolfgang Niedecken bis Wolf Vostell der ungeheure Reichtum der rheinischen Kunstlandschaft auf; gerade auch, weil die Zusammenstellung der Werke das Auf und Ab in der Kunstwelt nicht unterschlägt. Unter den Künstlern befinden sich zahlreiche, die ihre besten Jahre schon wieder hinter sich haben oder noch darauf warten, entdeckt zu werden. Auch das weniger Erfolgreiche gehört zum Bild der Kunststadt Köln.

Wie bei Unternehmenssammlungen üblich sind die Werke über die zahlreichen Büros und Filialen verstreut; Mitarbeiter konnten wie in einer Artothek auswählen, welche Bilder sie sich über den Schreibtisch hängen wollten. Die Bedeutung der Sparkassen-Sammlung wird also nicht wie in einem Museum unmittelbar sichtbar, sondern erschließt sich vor allem in der professionellen, allerdings nicht veröffentlichten Dokumentation oder an einzelnen Orten, etwa dem Garten Eden in Müngersdorf. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob der leicht verwahrloste Zustand des Gartens symbolhaft für die gesamte Sammlung steht.

Hubert Kiecol ist über den Zustand seines Tores jedenfalls nicht erfreut: "So war das nicht gemeint", sagt er dem "Kölner Stadt-Anzeiger", die Spuren der Witterung sollten von seinem Paradiestor eigentlich fern gehalten werden. Zwar gebe es keine schriftliche Abmachung zwischen ihm und der Sparkasse.

Auf Auktion verzichtet

Aber generell gelte, dass Kunstwerke unter freiem Himmel gepflegt werden müssen. Kunstberaterin Köll bedauert es "sehr, dass diese einzigartige Sammlung Kölner Gegenwartskunst von Seiten der Sparkasse heute nie eine Erwähnung findet, geschweige denn kompetent betreut wird". Ganz so wie das von Rost befallene Tor zum Garten Eden hat auch die Sparkasse Köln-Bonn schon bessere Tage erlebt. Zwar schreibt das Geldinstitut nach einer Zeit schwerer Verluste mittlerweile wieder Gewinne, doch die goldenen Jahre scheinen vorüber. Auf Geheiß der EU-Kommission musste sich die Sparkasse von etlichen Beteiligungen trennen, darunter sind der Film- und TV-Studiobetreiber MMC und der Golfplatz Gut Lärchenhof in Pulheim.

Unabhängig von der Weisung aus Brüssel hat Sparkassenchef Artur Grzesiek drei Juwelen der Kunstsammlung verkaufen lassen - jeweils für eine sechsstellige Summe. Werke von Polke und Trockel haben 2010 bei Auktionen Gebote über dem Schätzwert hervorgerufen, der Erlös hat den Ankaufspreis der Sparkasse weit überschritten. Im Falle des Bildes "Vulkanchor" von Ernst Wilhelm Nay nahm der Eigentümerwechsel einen anderen Weg. Die Sparkasse verzichtete auf eine Auktion und verkaufte das Öl-Gemälde für gut 220.000 Euro an einen Kölner Unternehmer. Diesmal erzielte das Geldinstitut keinen Gewinn. Denn der nach eigenen Angaben auf Grundlage zweier externer Gutachten vereinbarte Verkaufspreis entsprach ziemlich genau der Summe, die die Sparkasse ihrerseits für das Bild gezahlt hatte.

Das Geschäft wirft Fragen auf

Den Verzicht auf eine Versteigerung begründet Sparkassensprecher Norbert Minwegen damit, dass die Gutachter dieses Verfahren im Fall Nays nicht empfohlen haben. Offenbar hätten die Werke des Künstlers zum damaligen Zeitpunkt eine Niedrigpreisphase gehabt. Die Sparkasse habe sich an den Gutachtern orientiert. Deren Expertisen zufolge habe man einen angemessenen Preis erzielt.

Das Geschäft wirft dennoch Fragen auf. Hätte eine Auktion des Nay-Gemäldes, ein offener Wettbewerb von Bietern, der Sparkasse möglicherweise einen höheren Erlös gebracht?

In der Kunstszene stößt der Vorgang jedenfalls auf Befremden. "Mich hat damals gewundert, dass die Stadtsparkasse den Weg eines Privatverkaufs eingeschlagen hat", sagt Aurel Scheibler, Galerist und Vorstand der Ernst Wilhelm Nay Stiftung in Köln. "Über eine Galerie, die mit Arbeiten von Nay handelt, hätte man zu diesem Zeitpunkt mehr bekommen können." Den heutigen Wert des "Vulkanchor" würde der Nay-Experte "bei 350.000 bis 400.000 Euro veranschlagen".

Wie hoch der Gesamtwert der Sparkassen-Sammlung ist, lässt sich nur schwerlich beziffern; es dürften einige Millionen Euro sein. Der Überblick, den sie über das Kölner Kunstgeschehen der zurückliegenden sechs Jahrzehnte gibt, ist ohnehin unbezahlbar.

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