Die Momentaufnahme ist beschaulich. Auf den fünf Stühlchen lernen die Kinder mit dem Löffel zu essen. Bald könnten hier sechs oder sieben Kinder sitzen und auf fachmännische Anleitung warten. „Dann würde es schwierig“, sagt Christiane Küpper-Esser. Die Leiterin der städtischen Kindertagesstätte in Ehrenfeld vermutet, dass es bald eng werden könnte – weiß es aber nicht genau. Ab August hat jedes Kind unter drei Jahren einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Was dies für Kinder, Erzieher und Eltern bedeutet, kann jedoch heute noch keiner sagen. Ein gutes halbes Jahr vor dem Stichtag wird vor allem sorgenreich spekuliert.
Fehlende Kita-Plätze
Allein der Bedarf scheint längst nicht überall geklärt, fragt man das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Laut statistischem Bundesamt fehlten am 1. März 2012 noch 220 000 Plätze, nach Angaben der Bundesländer fehlten im Frühjahr 2012 hingegen 160 000 Plätze. Der Städte- und Gemeindebund gehe aktuell von 150 000 fehlenden Plätzen aus. „Welche Zahl zutrifft können wir nicht beurteilen, da wir hier auf die Angaben der Länder angewiesen sind“, so Katja Angeli, Pressesprecherin im BMFSFJ .
Stadt Köln
Die Stadt Köln versucht etappenweise eine Versorgungsquote von 40 Prozent zu erreichen: Zum Stichtag soll sie bei 38 Prozent liegen (11 100 Plätze für Kinder unter drei Jahren). Im Oktober 2012 fehlten noch 1790 Plätze. 441 Kinder sollen in Kindertagesstätten und 1349 bei Tagesmüttern untergebracht werden. Agnes Klein, Dezernentin für Bildung, Jugend und Sport in Köln geht davon aus, dass die Stadt die Vorgabe erfüllt. Aber ob das wirklich reicht „das weiß im Grunde niemand“, schiebt sie hinterher.
Ehrenfeld besonders knapp
Ehrenfeld gehört zu den Stadtteilen, in denen das knappe Angebot die Eltern längst in Bedrängnis bringt. In besagter Kita allerdings gibt es wenig zu bemängeln, die Betreuung reicht in der Regel aus. „Es läuft gut“, sagt Küpper-Esser. „Doch wir haben auch alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Mehr geht nicht.“ Ob es mehr werden soll, ist ihr noch nicht mitgeteilt worden. „Es wird derzeit geprüft“, ist alles, was sie sagen kann.
Der Bedarf an Plätzen für Kinder über drei Jahre steigt ebenfalls. Erstens wurden 2011 mehr Kinder geboren als in den beiden Jahren zuvor. Zweitens wird in NRW das Einschulungsalter seit 2011 nicht mehr vorgezogen. Das bedeutet: Kinder, die nach alter Rechnung hätten eingeschult werden können, bleiben im Kindergarten. Die Stadt will auch darum noch bis Endes des laufenden Kita-Jahres zusätzlich rund 1000 Kita-Plätze für Kinder über drei Jahre schaffen.
Angst um die Qualität
Nun sind auch jene Eltern beunruhigt, die schon Plätze für ihre Kinder gefunden haben. Familie Klapper aus Köln weiß ihre beiden Töchter in der Ehrenfelder Kita bislang gut untergebracht. „Wir haben natürlich auch keine Ahnung, was passiert, aber uns wurde geraten, sich gegen mögliche Verschlechterungen zu wehren“, erzählt Andreas Klapper. Deshalb unterschrieb die Familie bei einer Elternratssitzung einen Protestbrief. Nicht der einzige, der bei der Stadt eingegangen ist. „Es geht im Moment nur darum, so viele Plätze wie möglich zu schaffen. Um Qualität geht es dabei nicht“, kritisiert Küpper-Esser. „Wenn die Gruppen vergrößert werden sollen, geht das nur mit mehr Erziehern. Aber woher sollen die kommen?“
Personeller Engpass ist sicher
Viele Erzieherinnen bedauerten es jetzt schon, nicht genügend Zeit für Vor- und Nachbereitung zu haben. Und mit den aktuellen Arbeitsbedingungen sei der Nachwuchs kaum zu motivieren. Einige Eltern befürchten, der neue Rechtsanspruch könnte zulasten der über Dreijährigen durchgesetzt werden. Die Kölner Dezernentin weiß, dass die Stadt auf einen personellen Engpass zusteuert. Deshalb schreibe Köln die offenen Stellen weiträumig aus, etwa im Ruhrgebiet, und setze auf Köln als lebenswerte Stadt, um Erzieher herzulocken. Die Stadt als Arbeitgeber sichert den Erziehern überdies unbefristete Verträge zu.
Maximal zwei Kinder mehr
Klein schließt aus, dass die Betreuung der über Dreijährigen unter der Umstrukturierung leidet. Werde eine neue Kita gebaut, dann nur einschließlich neuer Kapazitäten für ältere Kinder. Die Gruppen der Drei- bis Sechsjährigen würden maximal um zwei Kinder vergrößert, die Gruppenstärke bei den Kleinsten bleibe unangetastet. Letztere wird vom Kinderbildungsgesetz vorgegeben. Das stand jedoch schon häufig in der Kritik: Sind Erzieher krank, herrscht schnell Notstand. Klein gibt den Qualitätsverfechtern recht: „Wir können nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.“ Sie verweist auf bisherige Anstrengungen: Das Angebot für unter Dreijährige sei innerhalb von sieben Jahren versechsfacht worden. Eine Flut an Klagen erwartet sie nicht. Es sei schließlich nicht einfach, juristische Schritte einzuleiten (siehe Kasten). „In erster Linie reagieren wir aber, indem wir das Angebot vergrößern.“ Der Rat der Stadt Köln habe die Zielquote von 40 Prozent vor einigen Jahren beschlossen und ist sicher, diese auch zu erreichen. Damit würde Köln in NRW weit oben rangieren. „Das ist aber das Maximum. Zu mehr sind wir finanziell, personell und baulich nicht in der Lage.“
Und bis dahin? Die Kita-Leiterin in Ehrenfeld hat keinen Notfallplan, kann nur abwarten und auf Erfahrungen zurückgreifen. Als 1996 jedes dreijährige Kind Anspruch auf einen Platz bekam, wurde es „vorübergehend eng“. Heute spreche niemand mehr davon.
In einem ausgemusterten Frachtschiff könnte Kölns erste schwimmende Kita entstehen. Nach den Plänen von „Baubox Architekten“ sollen die Gruppen- und Personalräume in Baukörpern im Bug und im Heck des Schiffs untergebracht werden.
Foto: Baubox Architekten

