28.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Kommentar zur Olympischen Bewegung: Warnsignale an das IOC

Sotschi 2014 sind für Thomas Bach die ersten Olympischen Winterspiele als IOC-Chef.

Sotschi 2014 sind für Thomas Bach die ersten Olympischen Winterspiele als IOC-Chef.

Foto:

dpa

Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht zu den Olympischen Spielen nach Sotschi reisen. Ähnlich wie Frankreichs Präsident Francois Hollande und die EU-Justizkommissarin Viviane Reading hat das deutsche Staatsoberhaupt bereits frühzeitig erklärt, die Spiele vor dem heimischen Fernseher zu verfolgen. Seitdem wird fleißig über Gaucks Beweggründe spekuliert, zu denen er öffentlich bislang schweigt. Die einen vermuten einen Boykott gegen die vom Bundespräsidenten häufig angeprangerten Menschenrechtsverletzungen in Russland oder gar gegen die Vergabe der Winterspiele in die Kaukasus-Metropole. Eine zugegeben deutlich kleinere Fraktion, der sich auch IOC-Präsident Thomas Bach anschließt, führt „protokollarische Gründe“ an. Gauck könne die Olympischen Spiele nicht besuchen, da er der Kreml-Region während seiner Amtszeit noch keinen offiziellen Staatsbesuch abgeleistet habe.

Bürgervotum als Zeichen gegen die aktuelle Richtung des IOC

Wo genau auch immer die Gründe liegen mögen, so zeigt schon diese öffentliche Debatte rund zwei Monate vor Beginn der Spiele eindrucksvoll, wie sensibel die Olympische Bewegung hierzulande wahrgenommen wird. Während in Sotschi Tag und Nacht an der Fertigstellung der Sportstätten für die teuersten Winterspiele aller Zeiten gearbeitet wird und die Olympische Fackel auf ihrem Lauf durch Russland sogar kurz im Weltall Halt gemacht hat, ist in Deutschland die Diskussion um die Zukunft der Olympischen Spiele neu entfacht. Dabei scheint das Vertrauen der Bürger in das IOC auf ein geringes Maß  zu schrumpfen.

So wird nicht zuletzt der negative Bürgerentscheid der Münchener Bevölkerung gegen die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2022 im Freistaat zu einem großen Teil den Machenschaften der Machtzentrale im schweizerischen Lausanne zugeschrieben. Olympiagegner werfen dem IOC „Knebelverträge“ mit den Ausrichterstädten, die ständige Profitmaximierung und der schier unaufhaltsame Gigantismus der Spiele vor. Auch wenn zur klaren Abstimmungsniederlage gewiss auch regionale Gründe beigetragen haben, so ist es dennoch auffällig, dass die Ausrichtung des internationalen Sports bei potentiellen Olympiabewerbungen immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik gerät.

So stellt Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag, gegenüber der dpa fest, dass das Votum kein Zeichen gegen den Sport im Allgemeinen sei. Vielmehr deutet er den Ausgang als Affront gegen die steigende Profitgier des IOC. Im Blog des Olympia-Autors Jens Weinreich stößt der Präsident der Swiss Olympic Association, Jörg Schild, nach dem ebenfalls für 2022 gescheiterten Bürgerentscheids Graubündens ins gleiche Horn: „Das Image des IOC ist nicht das Beste. Der Sport ist in Verruf geraten. Seine Glaubwürdigkeit hat enorm gelitten.“

Gigantisches Wachstum versus Vertrauensverlust

Doch steckt die Olympische Bewegung tatsächlich derart in der Krise, wie es die jüngsten Entwicklungen in der Schweiz und in Deutschland vermuten lassen? Nüchtern betrachtet belegen die jährlichen Veröffentlichungen des Gesamtumsatzes eine völlig andere Tendenz. Vor allem auf der Vermarktungsebene hat eine Jagd nach monetären Rekorden eingesetzt, die dem Weltverband auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kontinuierliche Milliardeneinnahmen beschert. Insgesamt 3,7 Milliarden Zuschauer an den TV-Bildschirmen während der Olympischen Spiele in London 2012 sprechen deutlich für eine weltweite Begeisterung für das Sportevent. Auch die sechs Bewerberstädte um die viel diskutierten Winterspiele 2022 (Oslo, Stockholm, Almaty, Krakau, Lwiw und Peking), lassen nicht unbedingt den Anschein eines globalen Desinteresses an der Ausrichtung des größten Sportereignisses der Welt zu.

Das Olympische Motto „Höher, schneller, weiter“ gilt also längst auch in anderen Bereichen abseits der Sportanlagen: Das Geschäft mit den Olympischen Ringen boomt wie nie zuvor und auch in Sotschi wird der Rubel für das IOC  wieder rollen. Selbst die Kritiker werden einsehen müssen, dass dies – bedingt durch die Einnahmenverteilung des IOC an zahlreiche Anspruchsgruppen aus der Welt des Sports – im Grunde positive Nachrichten für die internationale Sportbewegung sein sollten.

Sind die Störfeuer am Alpenrand also  nur eine Randnotiz? Kurzfristig betrachtet spricht sicherlich nichts gegen diese Annahme. Allerdings sollten die Tendenzen als Warnsignal zur Kenntnis wahrgenommen werden. Thomas Bach als neuer starker Mann des Weltsports, der sich nach der Münchener Bewerbungsniederlage enttäuscht zeigte, dürfte in den Bürgerentscheiden aller Voraussicht nach einen Vertrauensverlust in sonst  traditionell sportbegeisterten Regionen spüren. Auch auf internationaler Ebene wird sich die Frage nach Sinn oder Unsinn von milliardenschweren Großveranstaltungen weiter aufdrängen. Schon die jüngsten Proteste beim FIFA Confederations Cup in Brasilien, dem Land der nächsten Olympischen Sommerspiele, verdeutlichen die zunehmenden Unmutsbekundungen über Großinvestitionen zugunsten sportlicher Mega-Events. 

Kommunikationspolitische Entscheidungen als ausschlaggebendes Vehikel

Von daher muss es dem Sport und seinen Funktionären zukünftig gelingen, die positiven Effekte Olympischer Spiele im eigenen Land deutlicher hervorzuheben. In diesem Fall lauert innerhalb der Olympischen Bewegung ein enormes Potential, dass sich die Spiele von anderen Sportveranstaltungen abheben. Das traditionelle Wertesystem und die Idee von Pierre de Coubertin, dem Gründer der Olympischen Bewegung, ein Sportfest für die Jugend zu veranstalten, birgt einerseits eine enorme Verantwortung, zeitgleich bietet es aber auch die Chance, den Sport in der Gesellschaft weiterhin als einzigartiges Kulturgut zu verankern. Hier hat es der Deutsche Olympische Sportbund während des Kampfes um Bürgerstimmen nicht geschafft, den Fokus auf die langfristigen Effekte eines sportlichen Großereignisses – fernab von etwaigen Tunnelneubauten oder Verbesserungen des öffentlichen Nahverkehrs – zu lenken. Auch das geradezu vorbildlich nachhaltige Konzept der Bewerbungskommission konnte daher nicht dazu beitragen, eine Akzeptanz für ein solches Großereignis zu schaffen und nach der Fußball WM 2006 die Vorfreude auf ein heimisches Wintermärchen zu wecken.

Langfristig gesehen ist aber genau diese Akzeptanz und das Vertrauen der sportbegeisterten Zuschauer ein kostbares Gut. Daher scheint das IOC gut beraten, das Münchener Resultat detailliert zu analysieren und zu hinterfragen, in welche Richtung es zukünftig steuern wird. Zentral wird hierbei nicht nur die Aufgabe einer Entschleunigung Olympischer Winterspiele sein. Vielmehr gilt es, die kommunikationspolitische Herkulesaufgabe zu meistern, der Bevölkerung den steigenden Profit als positives Zeichen einer weltweiten Sportentwicklung zu erläutern. Gelingt dies, können die Diskrepanzen zwischen Selbstwahrnehmung und externen Betrachtungen verringert werden. Andernfalls dürfte eine weitere Entfremdung von den eigentlichen Idealen langfristig nicht nur den Bundespräsidenten, sondern auch Fans sowie Sponsoren und Geldgeber in die Flucht schlagen.