27.09.2016
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Kranke Tiere auch im Bio-Stall

Forscher präsentierten ernüchternde Zahlen zur Gesundheit von Kühen und Schweinen auf Ökohöfen.

Der ökologische Landbau hat es noch nicht geschafft, die Gesundheit seiner Nutztiere entscheidend zu verbessern und sich hier von der unheilvollen Entwicklung in der konventionellen Landwirtschaft spürbar abzusetzen. Die 8. Wissenschaftstagung zum ökologischen Landbau in Kassel offenbarte in der vorigen Woche ernüchternde Fakten zur Tiergesundheit auf Biohöfen. Zu Milchvieh und Mastschweinen liegen die meisten Untersuchungen vor. Sie leiden unter ganz ähnlichen Krankheiten wie die Tiere in der „normalen“ Landwirtschaft. Und auch die Krankheitshäufigkeit ist durchaus vergleichbar.

Während der Preisverfall von Ökobauern immer öfter beklagt wird, dringen die Probleme in der Tierhaltung kaum an die Öffentlichkeit. Dies mag auch daran liegen, dass hier nur wenig Forschung stattfindet. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in der Schweiz, kritisierte, dass in Europa nur 15 Prozent der für den Öko-Landbau aufgewendeten Forschungsmittel in die Bereiche Tierhaltung und Tierzucht fließen, während der Pflanzenbau fast 50 Prozent der Mittel verschlingt. „Die Tierhaltung ist in Relation zu ihrer Bedeutung völlig unterrepräsentiert“, rief Niggli den 500 Teilnehmern der Tagung zu.

Wie angegriffen die Tiergesundheit in den Ställen von Ökobauern tatsächlich ist, dokumentieren mehrere Untersuchungen, die in Kassel vorgestellt wurden. Beim Milchvieh gelang es bisher nicht, die Eutergesundheit der Tiere zu verbessern oder die stark verbreiteten Lahmheiten der Kühe zu reduzieren. Das Forscher-Duo Jan Brinkmann (Göttingen) und Christoph Winckler (Wien) präsentierte deprimierende Zahlen: Die Rate von Euterentzündungen bei Kühen auf Biohöfen bezifferten sie auf 33,4 Prozent. Damit liege die Krankheitshäufigkeit „in einem ähnlichen Bereich wie in vergleichbaren konventionellen Betrieben“. Obwohl Hinweise existierten, dass die Nutztiere auch im Ökolandbau häufig überfordert seien, war die Tiergesundheit „bisher nicht Gegenstand detaillierter wissenschaftlicher Untersuchungen“, monieren Brinkmann und Winckler. Das sollte sich mit den in Kassel vorgelegten Ergebnissen aus kleineren Studien und Stichproben ändern. Bei den Lahmheiten der Milchkühe sieht es ähnlich schlecht aus: 18 Prozent der in der Brinkmann-Winckler-Studie erfassten Tiere mussten „als klinisch lahm“ eingestuft werden. Die Ursache dafür sehen die Wissenschaftler unter anderem im „Tiermanagement“: In den Betrieben mit schlecht gepflegten und unzureichend eingestreuten Liegeflächen „wurden signifikant mehr klinisch lahme Tiere ermittelt“. Die starke Arbeitsüberlastung der Bauern ist wohl der eigentliche Grund des Übels. Auch Ökoforscher Bernhard Hörning (Kassel) kommt in seiner Untersuchung zur ökologischen Rinderhaltung in Deutschland zu dem Ergebnis, dass die Ställe „oft nicht den heutigen Empfehlungen für eine tiergerechte Rinderhaltung entsprechen“. Gut die Hälfte der von ihm untersuchten Ökokühe wiesen krankhafte Hautveränderungen auf. In Süddeutschland sei die Anbindehaltung auch im Biosektor noch immer weit verbreitet.

Bei der Behandlung kranker Kühe sucht die Ökolandwirtschaft nach neuen Konzepten. Bisher vergebens. Die Therapieversuche bei Euterentzündungen mit homöopathischen Mitteln oder mit Kräutern hatten bisher keinen Erfolg, wie mehrere Studien zeigen. Aber auch Antibiotika bringen meist keine Heilung. Bei chronischen Euterentzündungen helfe oft nur die Schlachtung der Tiere. Die Schweine im Ökolandbau leiden unter ganz anderen Krankheiten, aber die Situation ist ähnlich bedrückend. Der Kasseler Wissenschaftler Albert Sundrum erinnerte in diesem Zusammenhang an die hoch gesteckten Erwartungen der Verbraucher, denen - zuletzt auf der Messe Biofach in Nürnberg - „gesundes Fleisch von gesunden Tieren“ versprochen wird. Die Realität sieht anders aus. Sundrum hatte Schlachtkörper und Organbefunde von Schweinen aus 21 Biobetrieben untersucht und sich parallel dazu die Haltungsbedingungen angesehen. Ihm fielen eine ganze Reihe von Missständen auf. So verfügten „13 Betriebe nicht über einen Auslauf, den sie den Tieren ganzjährig zur Verfügung stellen konnten; nur drei der 21 Betriebe hatten einen Auslauf, der entsprechend der EU-Verordnung ausgestattet und dimensioniert war“. Außerdem entdeckte Sundrum „erhebliche Defizite bei der Hygiene“. Auch die Fütterung zeige „erhebliche Mängel“ mit schlechter Proteinversorgung.

Größtes Gesundheitsproblem in der Schweinehaltung sind Endoparasiten (Schmarotzer). Wandernde Parasitenlarven können leicht die Leber angreifen. Und tatsächlich waren bei den Schlachtkörper-Untersuchungen entsprechende Leberbefunde auffällig: Nur 36 Prozent von mehr als 4100 untersuchten Ökoschweinen hatten eine vollkommen gesunde Leber. Die Lungenbefunde waren bei Ökoschweinen zwar besser als bei konventionell gehaltenen Tieren, aber die Lebergesundheit war deutlich schlechter. Sundrum sieht erheblichen Handlungsbedarf. Ökoprodukte tierischen Ursprungs müssten von gesunden Tieren stammen, so sein Appell an die Betriebe, aber auch an die Bioverbände. Gerade die Verbände hätten die Probleme in der Tierhaltung noch nicht ausreichend zur Kenntnis genommen. Sundrum: „Je früher wir uns dem Thema stellen, desto schneller können wir die Situation verbessern.“ Dass es tatsächlich besser geht, zeigen Untersuchungen in Schweden, wo sich die Ökoschweine bester Gesundheit erfreuen.