27.05.2016
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Kriminalität: Sexualmord facht Debatte in Indien an

Studenten der Ushait Universität Studenten in der Hauptstadt Neu Delhi protestieren gegen die Untätigkeit der Polizei in dem Fall.

Studenten der Ushait Universität Studenten in der Hauptstadt Neu Delhi protestieren gegen die Untätigkeit der Polizei in dem Fall.

Foto:

AP/dpa

Das 14-jährige Mädchen hatten die Täter unter einem Mangobaum erhängt. Die zwei Jahre ältere Cousine fanden die Dalits (Unberührbaren) des Dorfes Ushait im bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh nur ein paar Schritte weiter an einem anderen Ast. „Selbstmord“ hieß die erste Version der Polizei. Inzwischen steht fest, dass die beiden Mädchen mehrfach vergewaltigt wurden, bevor die Mörder sie schließlich ermordeten. Die sieben mutmaßlichen Täter: Mehrere Polizisten und ein lokaler Politiker sowie dessen Brüder aus einem Nachbardorf. Drei der Verdächtigen wurden unterdessen festgenommen.

Doch die Dorfbewohner erreichten die Aufklärung der Umstände des Sexualmords nur mit einem makabren Protest. 13 Stunden saßen sie rund um den Mangobaum mit den toten Mädchen, bevor die Polizei Ermittlungen aufnahm.

„Sie hätten gerettet werden können“, klagt die Familie, „aber die Polizei wollte schon nichts unternehmen, als die beiden am Dienstagabend verschwunden waren.“ Die Täter hatten den Mädchen auf dem Feld aufgelauert. Hätte ein Fotograf nicht Fotos der toten Mädchen aufgenommen und an lokale Presseagenturen weitergeleitet, wäre der Doppelmord möglicherweise in der Masse der Vergewaltigungsfälle untergegangen, die es täglich in dem 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Indien gibt. Die Medien, die seit dem Tod einer Studentin nach einer Vergewaltigung in Delhi im Dezember 2012 dem Thema erhöhte Aufmerksamkeit schenken, greifen es vor allem auf, wenn die Opfer aus der Mittelklasse stammen.

Dalits sind formal zwar allen Indern gleichgestellt. In der Praxis leben die meisten in bitterer Armut und müssen unter der Knute von Grundbesitzern alle Arten von Misshandlungen ertragen.

Verdächtige aus höherer Kaste

Diese Verhältnisse in dem Dorf 340 Kilometer westlich der Stadt Lucknow machen Teile der indischen Medien nun für den Doppelmord verantwortlich. Denn alle Verdächtigen stammen aus einer höheren Kaste. Und sie können es offenbar nur schwer ertragen, dass die Dalits für ihre Rechte einstehen. Am Freitag wurde bekannt, dass der Vater eines der mutmaßlichen Täter die Mutter eines der ermordeten Mädchen aus Rache angriff und ihre schwere Verletzungen zufügte. Die Opferfamilien erfuhren aber auch Solidarität: Studenten protestierten in der Hauptstadt Neu Delhi gegen die Untätigkeit der Polizei in dem Fall.

Zwar steht auf Vergewaltigung mittlerweile die Todesstrafe. In den Städten reagiert die Polizei sensibler auf Sexualdelikte– sofern nicht Prominente verdächtigt werden. Ausgerechnet der für Menschenrechte zuständige Richter am Obersten Gericht trat 2013 erst nach langem Gezerre zurück, obwohl der Vorwurf der sexuellen Belästigung einer jungen Mitarbeiterin außer Zweifel stand.


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