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„1912 – Mission Moderne“: Ein herrliches Sammelsurium

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Tiefe Blicke: Ferdinand Hodlers „Entzücktes Weib“. Foto: Museum
Im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud wird die Kölner Jahrhundertschau des Sonderbundes rekonstruiert. Die Ausstellung „1912 – Mission Moderne“ führt im gediegenen Rahmen in umstürzlerische Zeiten zurück.  Von
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Blau und Braun bauscht sich das Kleid der selbstvergessenen Tänzerin, ihre Wangen glühen rot und den gereckten Hals läuft ein grüner Schatten hinab. Geradezu spielerisch leicht streift das „Entzückte Weib“ die Fesseln der Schwermut ab, die ihren Schöpfer Ferdinand Hodler lange banden. Mit ihr löst sich das Statuenhafte seiner früheren Figuren in farbliche Erregung auf und schreitet mutig voran ins unerforschte Land der Malerei.

Das Bild „Vier Mädchen auf der Brücke von Edvard Munch (1905).
Das Bild „Vier Mädchen auf der Brücke" von Edvard Munch (1905).
Foto: Museum

Eine solche Furie auf wilhelminischem Grund und Boden, da schwante Kölns Bürgermeister Max Wallraf Ungemach. Seine Rede zur Eröffnung der Sonderbundausstellung von 1912 hatte jedenfalls etwas geradezu Seherisches: „Wie an klingenden Lobeshymnen“, prophezeite er, „so wird es dieser Ausstellung auch an zerfetzender Kritik nicht fehlen. Aber meine Herren, unser Dom wird darum nicht ins Wanken kommen und die Bilder der altdeutschen Meister werden nicht von den Wänden fallen.“ Tatsächlich wetzte der Kritiker des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in den nächsten Tagen sein Messer eifrig an der Kölner Ausstellung und ihren Künstlern. In den Gemälden Paul Signacs etwa sah er Dekorationen eines Feenballetts, in Paul Gauguin den Maler geschmackloser Bilderbögen und André Derains Wildheiten erinnerten ihn an Werke, mit denen Schreiner und Anstreicher süddeutsche Kegelbahnen mutmaßlich zu verschönern suchten.

Zur Ehrenrettung des Kollegen sei gesagt, dass die heute klassische, im Mai 1912 aber noch absolut moderne Malerei außerhalb der Kölner Stadtgrenzen auf ähnliches Unverständnis stieß. Allerorten sah man „Koloritexzesse und Linientobsuchtsanfälle“, die uns heute entzücken statt entsetzen. Der Grund liegt aber nicht darin, dass wir Neuem gegenüber automatisch aufgeschlossener wären als frühere Generationen. In den letzten 100 Jahren hat sich der Kunstgeschmack vielmehr so rasant geändert, dass unsere Vorfahren altväterlicher erscheinen, als sie es verdienen.

Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud geht man jetzt zu den deutschen Quellen dieser Geschmacksrevolution zurück: der Sonderbund-Schau, die 1912 zum ersten Mal im Kaiserreich an einem Ort versammelte, was unter modern gestimmten Künstlern Rang und Namen hatte. Mehr als 650 Gemälde und Skulpturen waren in der am heutigen Aachener Weiher errichteten Ausstellungshalle zu sehen, darunter allein fünf Räume mit Arbeiten von Vincent van Gogh, dem Säulenheiligen der Schau, und zahlreichen Gemälden von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Edvard Munch oder Pablo Picasso. Eine vergleichbare Galerie moderner Meisterwerke hat es seither nicht mehr gegeben.

Es liegt in der Natur der Sache, nämlich der atemberaubenden Wertsteigerung moderner Kunst, dass die Rekonstruktion der Sonderbund-Schau mit 120 Werken eher einem intimen Kammerspiel gleicht als der Mischung aus Documenta und Art Cologne, als die sie uns aus heutiger Sicht erscheint. Im mittleren Saal der dritten Etage sind die großen Namen der Klassischen Moderne mit vorzüglichen – und teuren – Leihgaben aus aller Welt vertreten, den würdigen Rahmen bildet ein nach Ländern geordneter Rundgang. In ihm lässt sich wunderbar nachvollziehen, wie die neuen Malstile über Grenzen reisten und nationale Eigenheiten ebenso färbten wie individuelle Temperamente.

Zur Ausstellung

„1912 – Mission Moderne“, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, bis 30. Dezember. Mit 120 Exponaten ist etwa ein Fünftel der legendären Sonderbundschau von 1912 in Köln zu sehen. Katalog (Wienand) im Museum 39,90 Euro.

Im deutschen Kaiserreich gab es da nach Meinung der Sonderbund-Schau-Organisatoren noch einigen Nachholbedarf. Nach drei kleineren Ausstellungen in Düsseldorf stellten sie ein Mammutunternehmen auf die Beine, das dem noch jungen Modernismus in Deutschland zum Durchbruch verhelfen sollte. Sowohl den „Brücke“-Expressionisten wie den Malern des „Blauen Reiters“ waren eigene Räume gewidmet, die nun, abweichend vom Ausstellungsparcours des Vorbilds, als Erfüllung des Sonderbund-Gedankens am Ende des Rundgangs stehen. Ein bisschen Eigennutz war damals auch dabei: Zu den Organisatoren gehörten Sammler und Händler, die Ausstellung war zugleich eine wuselige Messe – allerdings gingen lediglich die Werke van Goghs zahlreich über den Ladentisch.
Am besten stellt man sich die Sonderbund-Schau von 1912 wohl als herrliches und meistens lehrreiches Sammelsurium vor – und in dieser Hinsicht ist die Rekonstruktion im Wallraf auf spektakuläre Weise gelungen. Gerade der nach Ländern geordnete Rundgang bietet schöne Begegnungen am Rande der großen Namen und ausgetretenen Pfade: mit dem symbolisch gefärbten Strandbild von Maurice Denis etwa oder einem eher untypischen Ausflug ins „Rokoko“ von August Macke. August Deusser und den Düsseldorfer Malern der Sonderbundschau bleibt die undankbare Rolle der Gegenprobe vorbehalten: Dank einer schon 1912 umstrittenen Ämterhäufung in die Ausstellung gelangt, zeigen sie, dass fortschrittliche Gesinnung allein nicht genügt, um vor der Kunstgeschichte zu bestehen.

Der Schock der Moderne lässt sich naturgemäß nicht rekonstruieren und leider auch nicht die Andacht, die Johan Thorn Prikker in die Kapelle der Sonderbundausstellung einbauen ließ. Hier zeigt sich immerhin, dass auch figürliche Kirchenfenster in Köln einmal für Zwist sorgten. Der Dom wird darum nicht ins Wanken kommen, aber die altdeutschen Meister stehen mittlerweile etwas im Schatten der Klassischen Moderne. Beim Abschied denkt man wehmütig, dass eine solche Schau nie wiederkommt. Und eine solche Neuauflage wohl auch nicht mehr.

Museumsdirektor Andreas Blühm, der das Haus nach sieben Jahren aus familiären Gründen vorzeitig verlässt, betrachtet diese Schau als Höhepunkt seiner Kölner Zeit. Seine Wünsche für das Museum: Dass die Nachfolge zügig geklärt werde. Und dass die Realisierung des Erweiterungsbaus, in dem 1000 Quadratmeter dem Wallraff zustehen werden, zügig erfolge. Immerhin sei die Initialzündung vollzogen: „Der Stifterrat und Gérard Corboud haben den Stein ins Rollen gebracht, indem sie die Initiative ergriffen und die Finanzierung des Architektenwettbewerbs übernommen haben.“ Blühm hofft, dass der Neubau kulturell geprägt werde – und denkt dabei an die Fotosammlung der SK Stiftung im Mediapark oder an die theaterwissenschaftliche Sammlung in Wahn.

Nun freue er sich auf die neue Aufgabe in Groningen, sagt er, doch gehe er mit Wehmut. Ihm sei es als „Nordlicht“ in Köln sehr leicht gemacht worden – nicht zuletzt durch ein „wirklich tolles Team“ im Museum.

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