30.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Ausstellung in Kolumba: Findet mich das Glück?
12. September 2014
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Ausstellung in Kolumba: Findet mich das Glück?

Muttergottes mit Kind im Kunstmuseum Kolumba

Muttergottes mit Kind im Kunstmuseum Kolumba

Foto:

stefan worring

Köln -

Am Anfang steht das niedliche Christuskind am Tor. Es klopft brav an, tritt schüchtern ein und macht es sich im verwaisten herzförmigen Heim gemütlich. Ein paar Bilder später weiß man: Es ist gekommen, um zu bleiben. Im barocken Zeitalter waren solche Andachtsbildchen vom Einzug Christi ins menschliche Herz sehr weit verbreitet – oft fanden sie sich als Lesezeichen im Gebetbuch. In Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, hätte man diese Herz-Jesu-Frömmigkeit allerdings nicht unbedingt erwartet. Zuckerguss, selbst in derart entwaffnende Form gegossen, ist seine Sache eher nicht.

In der neuen, traditionell aus der eigenen Sammlung sakraler Gegenstände und moderner Kunst geschöpften Jahresausstellung ist Kolumba etwas volkstümlicher als gewohnt – weil es das Thema nahelegt. Es geht um Freude und Hoffnung, um das Glück der Schöpfung, die Verwandlung der Materie im Glauben und durch die Kunst und auch, der Ausstellungstitel „Playing by Heart“ deutet es an, um das Spielerische, das uns befreit. Allerdings muss niemand fürchten, dass ein seliges Jubilieren durch das weihevolle Museum hallt. Man begegnet eher einer stillen, aber deswegen vielleicht umso tiefer empfundenen Freude – etwa auf den Zügen der Muttergottes mit Kind aus St. Kolumba, die einem ausnahmsweise schon im Foyer entgegeneilt.

Eindrücke der neuen Kolumba-Ausstellung
Köln, 12.09.2014 - Am 15. September präsentiert das Kolumba-Museum seine neue Jahresausstellung der Öffentlichkeit. Wir haben uns vorher in einigen Räumen umschauen dürfen. Bilder: Stefan Worring

Mit dieser aus dem ersten Stock herabgestiegenen Empfangsdame kann nicht viel schiefgehen – auch wenn Stefan Kraus, Leiter von Kolumba, freimütig gesteht, dass die eigene Sammlung kein unerschöpflicher Quell der Freude und der Hoffnung ist.

Das Leiden Christi dominiert nun einmal die katholische Bildwelt, und auch die moderne Kunst ist daran deutlich stärker interessiert als an der in kräftigen Farben ausgemalten himmlischen Erlösung. Und sind die Zeiten nicht ohnehin düster und eher dazu angetan, alle Hoffnung aufzugeben? Stefan Kraus widerspricht da der eigenen Frage vehement: Wer keine Freude spüre, sei vielmehr gar nicht in der Lage, sich der Realität zu stellen.

Im ersten großen Raum von Kolumba erwartet den Besucher eine Wand mit 63 kleineren Arbeiten auf Papier. Stefan Kraus nennt es das „Unterholz“ der Ausstellung, und tatsächlich kriecht und krabbelt es auf diesem Schöpfungspuzzle wild durcheinander: Paul Thek zupft Gänseblümchen, Thomas Rentmeister lässt sich mal mit Mücken und mal mit breiten Hühnern ein, von Stefan Wewerka ist ein Baum zu sehen und von Georg Baumgarten ein ganzes Vogelparadies. Schönheit findet sich in allen Teilen der Natur – man muss darin ja nicht gleich den Garten Eden suchen.

Der Besucher wird zum Regisseur

Das Spielerische der Kunst begegnet uns erstmals mit Manos Tsangaris’ „Licht- und Luftmaschine“. Auf dieser Puppenbühne wird der Besucher selbst zum Regisseur, wenn er mit Hilfe einer Fernbedienung Haushaltshandschuhe aufbläst oder Federn im Lufthauch tanzen lässt. Ein paar Stufen weiter zeigt sich an den glasierten Terrakotta- Skulpturen von Heinz Breloh die Lust am Material: Die abstrakten Gebilde wirken ungemein vital, so als hätte der Bildhauer der Erde gerade Leben eingehaucht. So wiederholt die Kunst das Glück der Schöpfung, indem sie selbst schöpferisch wird.

Lebendig wirkt auch das zentrale Werk der Ausstellung: Bernhard Leitners „Serpentinata“, eine atmende Kreatur aus PVC-Schläuchen und 48 Lautsprechern. Die Luft scheint durch das haushohe Geflecht zu rasseln und zu rauschen – je nachdem, wo man sich befindet, verändert sich der Klang und mit ihm der Raum. Zwischen den Schläuchen wird der Blick frei auf ein elfenbeinernes Kruzifix aus dem 12. Jahrhundert oder auch auf einen anderen Wanderer zwischen den Welten. Michael Buthes aus Blech, Holz, Zweigen und Kleidungsstoffen gebildete Figur lehnt erschöpft an der Wand – was uns vielleicht an eine Vogelscheuche erinnert, ist tatsächlich das bewegende Bild des Kreatürlichen.

So reihen sich die Hoffnungszeichen in bunter, meist anregender Weise aneinander: Die volkstümlichen Gnadenbilder aus Peru, das lustvolle Rot auf einem wandhohen Gemälde von Peter Tollens, natürlich Stefan Lochners Veilchenmadonna mit Blick auf den Kölner Dom und die experimentellen Künstlerbücher von Robert Filiou, Daniel Spoerri, Marcel Broodthaers oder Oskar Schlemmer. In ihnen verbindet sich das Spielerische mit dem Philosophischem – weshalb hier das berühmte, in Köln verlegte Fragenbuch des Schweizer Künstlerduos Peter Fischli & David Weiss nicht fehlen darf. Immer Donnerstags während des Universitätssemesters wird es in Kolumba ein philosophisches Gespräch zu ausgewählten Fragen geben – die größte von allen ziert den Buchdeckel: Findet mich das Glück?

Die Pointe dieser philosophisch-verschmitzten Fragen ist natürlich, dass die Antworten allein in uns liegen – und einen das Glück vielleicht gerade dann erwischt, wenn man es am wenigsten erwartet. So ist es ja auch mit der Kunst: Man tritt vor ein Werk, und dann lässt es einen sein Leben lang nicht mehr los. Hat man Glück, liegt es in der Sammlung eines öffentlichen Museums, und man kann immer wieder zu ihm zurückkehren wie der Gläubige zum Kruzifix in seiner Kirche. Dieser stillen Andacht vor der Kunst ist man nirgendwo näher als in Kolumba – es wurde genau dafür gebaut.

Allerdings merkt man „Playing by Heart“ doch an, dass die katholischen Freudenquelle nicht ganz so ergiebig sprudelt – und die moderne Kunst in der Sammlung des Kölner Erzbistums nicht alles ausgleichen kann. Aber sollen wir dem Christuskind deswegen unser Herz verschließen? Das ginge dann wohl doch zu weit.