25.05.2016
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Kölner Film bei Berlinale: So schön war der Ebertplatz noch nie

Köln -

„Meld dich, du Arsch“, schreibt Gregor (Sebastian Zimmler) irgendwann zu Beginn des Films „Hüter meines Bruders“ mit Filzschrift auf eine Scheibe. Da ist Gregors Bruder Pietschi schon eine Weile spurlos verschwunden. Während eines gemeinsamen Segelausflugs des ungleichen Brüderpaares – Arzt, verheiratet und kurz vor dem Hauskauf der eine, unsteter Künstler mit wechselnden Frauenbeziehungen der andere – macht sich der Jüngere (Robert Finster) aus dem Staub und bleibt für den Rest der Geschichte wie vom Erdboden verschluckt. Auf der zunehmend besessenen Suche nach dem Bruder verschwimmt Gregors eigene Identität immer mehr, er beginnt gar eine Affäre mit dessen Ex-Freundin (Nadja Bobyleva).

Mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm hat der Kölner Regisseur und Produzent Maximilian Leo nun auf der Berlinale die Sektion Perspektive Deutsches Kino eröffnet, die sich speziell den Trends unter den hiesigen Nachwuchsregisseuren widmet. Am Tag nach der Premiere vor 500 Zuschauern im ausverkauften Cinemaxx 3 am Potsdamer Platz zeigt sich Maximilian Leo etwas heiser, aber euphorisch. Die Einladung zu einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt ist für ihn der Ritterschlag. „Das ist das Beste, was dem Film und den Leuten, die alle für ein geringes Budget gearbeitet haben, passieren konnte“, sagt der 34-Jährige, der zusammen mit Jonas Katzenstein die Augenschein Filmproduktion betreibt. Die kleine Firma mit Sitz im Agnesviertel hat sich auf internationale Koproduktionen und nationale Debütfilme ausgerichtet, sowohl im fiktionalen als auch dokumentarischen Bereich.

Die Berlinale-Teilnahme zieht jetzt die Aufmerksamkeit auf die Kölner Produktionsfirma. „Gerade der erste Film ist eine Riesenhürde. Das steigert jetzt enorm die Chance, dass man einen zweiten Film machen kann“, sagt Leo, der von 2005 bis 2009 an der Kölner Kunsthochschule für Medien mit dem Schwerpunkt Spielfilmregie studierte. Für junge Produzenten sei Köln der beste Standort in Deutschland, auch deshalb hat sich der Regisseur dem Berlin-Hype verweigert. Es gebe die Filmstiftung NRW, „die eine sehr gute Nachwuchsförderung hat und ein sehr guter Partner ist, wenn man eine Firma aufbauen möchte.“

Zwei große Fernsehsender, zwei Filmhochschulen, das Mediengründerzentrum NRW in Mülheim mit seinem Stipendienprogramm zählt Leo zu den weiteren Vorzügen des Standorts. „Das führt dazu, dass die Vernetzung der Produzenten in Köln einzigartig ist. Es herrscht eine sehr kollegiale Stimmung und man hilft sich.“ In Berlin dagegen gebe es ein Hauen und Stechen unter den jungen Produzenten. Auch „Hüter meines Bruders“ hat von diesem Kölner Netzwerk profitiert: Der Film entstand in Co-Produktion mit dem WDR und wurde von der Film- und Medienstiftung NRW gefördert.

Musik spielt im Film eine wichtige Rolle

Vom ersten Kontakt mit Drehbuchautorin Susanne Finken 2009 bis zur Fertigstellung hat es fünf Jahre gedauert. „Spielfilm ist ein sehr kostspieliges Unterfangen und einem Novizen soviel Geld anzuvertrauen, ist schon so eine Sache“, sagt Leo. „Es braucht sehr viel Geduld, harte Arbeit und auch viel Glück.“ Neben den günstigen Förderbedingungen halten den Regisseur auch die persönlichen Bindungen in Köln. Er ist hier geboren und bekennender FC-Fan. Alle seine Filme sind mit dem in Köln lebenden Kameramann Matteo Cocco entstanden. Die elektronischen Soundcollagen, die Coccos atmosphärische Bilder in „Hüter meines Bruders“ zusätzlich verdichten und das emotionale Rückgrat des Films bilden, stammen vom Kölner Musiker Martin Rascher. Überhaupt spielt die Musik eine wichtige Rolle in Leos Debütfilm: Er ist in enger Kooperation mit „Kompakt“ entstanden, dem Elektronik-Label, das in den 90er Jahren den als „Sound of Cologne“ bekannten Minimal-Techno auf die Welt brachte.

Leos Lokalpatriotismus zeigt sich auch in „Hüter meines Bruders“. Der 34-Jährige will eine andere, eine Innensicht auf seine Geburtsstadt zeigen. Der Dom ist kein einziges Mal zu sehen. Dafür eine Fahrt mit der Seilbahn über den Rhein, der Minigolfplatz im Jugendpark unter der Zoobrücke, die Barracuda Bar im Belgischen Viertel, das Lommerzheim in Deutz – und der Ebertplatz. Im Film führt der Weg in eine angesagte Galerie durch die Katakomben des viel geschmähten Ortes. Nie war der Ebertplatz schöner.