25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | „Big Air Package“: Gott und Christo im Gasometer
15. March 2013
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„Big Air Package“: Gott und Christo im Gasometer

Verpackungskünslter Christo stellt sein Werk 'Big Air Package' im Oberhausener Gasometer aus.

Verpackungskünslter Christo stellt sein Werk 'Big Air Package' im Oberhausener Gasometer aus.

Foto:

REUTERS

Oberhausen -

Schön ist das Ding nun wirklich nicht. Ein stählerner, ziemlich bauchiger Riese, am Rande eines ebenso schmucklosen Kanals. Früher wurden hier die Gase aufgefangen, die in den umliegenden Hochöfen und Kokereien abfielen, heute ist der 1929 erbaute Oberhausener Gasometer eine Ausstellungshalle von einzigartigen, für gewöhnliche Ausstellungen völlig ungeeigneten Ausmaßen: 117 Meter hoch, 67 Meter breit, 347000 Quadratmeter Fassungsvermögen. Mit anderen Worten: Der einstige Gasspeicher ist ein gigantischer Hohlraum, der von seinen Stahlwänden notdürftig zusammengehalten wird.

Für den Verpackungskünstler Christo sieht der Gasometer allerdings eher nach einer beschaulichen Hütte aus. Der 77-jährige Weltreisende in Sachen Großskulpturen denkt in anderen Dimensionen. Er hat den Berliner Reichstag mit Stoffbahnen verhüllt, über 5000 Tore im New Yorker Central Park errichten lassen, ganze Inseln ummantelt und einen kilometerlangen Zaun durch die kalifornische Berglandschaft gespannt. Diese Projekte brauchen in der Regel mehrere Jahre Vorbereitung, und manchmal sogar sehr viel länger, wenn sich Politiker und Bürger mal wieder mit allen Mitteln gegen sie sperren. Dass Christos Arbeiten erst keiner haben will und dann alle ganz begeistert sind, gehört beinahe schon zur Folklore seines Werks.

In Oberhausen brauchte Christo niemanden mehr zu überzeugen. 1999 ließ er im Gasometer eine Wand aus 13000 quietschbunten, mosaikartig arrangierten Ölfässern errichten, damals noch mit seiner vor vier Jahren verstorbenen Kunst- und Lebenspartnerin Jeanne-Claude. Die „Wall“ lockte Zehntausende an den Rand des Ruhrgebiets, und genau das erhoffen sich Stadt und Künstler auch vom „Big Air Package“, einem im Inneren des Gasometers aufgeblähten Ballon.

Natürlich ist auch das neuste Christo-Projekt ein Superlativ, nämlich die größte Innenraumskulptur der Welt. Der weiße Ballon wurde aus 20350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe und 4500 Metern Seil gefertigt, im aufgeblasenen Zustand füllt das 5,3 Tonnen schwere Gebilde den Gasspeicher beinahe zur Gänze aus. Zwei Gebläse erzeugen einen konstanten Luftdruck und sorgen dafür, dass aus dem „Big Air Package“ kein schlaffer Luftsack wird.

Im Inneren des Gasometers erwartet den Besucher zunächst ein Bilderbogen über das fünf Jahrzehnte umfassende Werk von Christo und Jeanne-Claude. Man kann auch mit dem Panoramafahrstuhl in 90 Meter Höhe fahren und schauen, was das Luftpaket zusammenhält. Aber das eigentliche Ereignis ist das Innenleben des Ballons: Man badet auf der unteren Plattform geradezu im weißen Licht, das durch die Außenhaut des „Big Air Packages“ gefiltert aus 60 Strahlern und den Deckenfenstern des Gasometers kommt. Und da man den Gasometer nicht umsonst eine Kathedrale des Industriezeitalters nennt, glaubt man gerne: Gott linst durchs Oberlicht herein.

Ein bisschen misslich an der Sache ist, dass man die meiste Zeit mit dem Kopf im Nacken nach oben starren muss. Aber warum eine Kunstkathedrale bequemer sein als die harte Kirchenbank von nebenan. Am Ende denkt man, dass „Air Package“ und Gasometer eine perfekte Paarung sind. Auch Christos Ballon ist nicht gerade schön – aber über diesen Eindruck gleichzeitig erhaben.