27.09.2016
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Chilly Gonzales: Superschurke im Schlafrock

Chilly Gonzales spielt sein drittes Dezember-Konzert in der Kölner Philharmonie.

Chilly Gonzales spielt sein drittes Dezember-Konzert in der Kölner Philharmonie.

Foto:

Peter Rakoczy

Köln -

Ludwig van Beethoven sei als leidendes Genie der Kanye West seiner Zeit gewesen. Schlägt Chilly Gonzales vor, Klaviervirtuose, selbst ernanntes Genie und Hobbyrapper. Dann greift er zu den Bongos und schlägt, leicht erkennbar, die ersten Takte von Beethovens Fünfter an. „LVB, bitches“, verkündet Gonzales triumphal, dann beugt er sich wieder über seinen Flügel, in Morgenmantel, Filzpantoffeln und schulterlangem, wirren Haar – seiner üblichen Bühnenverkleidung, die einen Superbösewicht in seiner Schurkenhöhle suggerieren soll. „Haha, spielt für mich, es amüsiert sich“, ruft er seinen treuen Streichern, dem Kaiser Quartett, zu.

Seine Höhle ist, nun schon zum dritten Mal in Folge, die ausverkaufte Philharmonie. Paulchen Kuhn, der andere regelmäßige Weihnachtsgast im Kölner Konzertsaal, ist nun leider tot. Gonzales aber lebt und lacht, während er zum großen Entrée die hohe Wendeltreppe der Philharmonie hinabsteigt. Man kann sich zwischen den Jahren nirgendwo besser amüsieren, als bei der „Hometown Philharmonie Extravagonzo“.

Ja, die noch junge Traditionsreihe hat jetzt einen Namen bekommen, „Gonzo“ ist der selbst gewählte Spitzname des Künstlers, weniger auf den Muppet-Charakter als auf den radikalen Subjektivismus Hunter S. Thompsons verweisend. Und die „hometown“ ist keine Anbiederung, der Kanadier ist vor ein paar Jahren von Paris nach Köln gezogen.

Darauf können wir uns glatt etwas einbilden, immerhin ist Chilly Gonzales längst nicht nur ein herrlich exzentrischer Musikclown, sondern unter anderem auch der einzige Musiker, der sowohl auf „Random Access Memories“ von Daft Punk, als auch dem aktuellen Album von Drake gastiert, zwei der erfolgreichsten Platten des Jahres. Der HipHop-Superstar Aubrey Drake Graham, er stammt wie Gonzales aus Toronto, hatte sich als Fan von dessen „Solo Piano“-Platte geoutet.

Da ist er nicht allein, die Klavier-Miniaturen gehören inzwischen zur Grundausstattung jungen Bildungsbürgertums. Mit ihnen ist Gonzales der dreibeinige Spagat gelungen, sich gleichzeitig als verschmitzter Trickster, hemmungsloser Schwelger und zurückhaltender Raum-Möblierer zu präsentieren. Mag sein, dass sie beim ersten Hören an Erik Satie erinnern, ihrer scheinbaren Einfachheit und tatsächlichen Klarheit halber. Aber die blauen Noten und den schieren Unterhaltungswillen, die man in Gonzales' Stücken findet, sucht man beim Pariser Avantgardisten vergeblich. „Take me to broadway“, fordert der Entertainer in einem seiner ersten Solosongs, mit dem er auch diesmal das reguläre Set beendet. Und das meint er wortwörtlich. Zum ersten Mal präsentiert der Künstler seine Kompositionen nun in publikumsfreundlicher „Pianovision“, eine schmale, breite Leinwand zeigt die Tastatur live in Draufsicht.

Chilly Gonzales' Instrumentalstücke sind in ihrer anti-modernistischen Haltung ein beinahe heimliches Vergnügen – müsste er sich zwischen Liberace und John Cage entscheiden, ist ziemlich klar, wen er bevorzugte. Einmal schlägt er rhythmisch auf die jeweils äußeren Tasten ein, beugt sich über den Flügel, um an den Saiten zu zupfen und konstatiert naserümpfend: „modern music“. Selbst seine Rap-Stücke nehmen – zwischen Strophen voll komischer Selbstüberhöhung und kapitalistischer Absichtserklärungen – ein Vollbad im Schwanensee. Hinter der hotzenplotzigen Fassade verbirgt sich ein hoffnungsloser Romantiker.

Zur Zugabe wiederholt der Künstler das eben Erlebte, im Sinne der Pädagogik, noch einmal im Schnelldurchlauf. Vor allem ist diese alljährliche „Extravagonzo“ nämlich die bestmögliche Musikerziehung. Ach, hätten wir sie nur in der Schule erleben dürfen.

Ein junger bebrillter Mann – von Gonzales auf die Bühne gebeten, um zwei Akkorde im Arpeggio zu spielen – behauptet, noch nie am Piano gesessen zu haben. Unser Lieblingsschurke neckt ihn damit, dass er doch wohl ein ziemlicher Nerd und das Klavier folglich seine Chance auf eine Freundin sei. Woraufhin der junge Mann ein protziges Solo hinlegt. War das abgesprochen? Egal, das letzte Wort hat Gonzales: „Ich bin eben ein echt guter Musiklehrer.“ LVB, bitches. Das Publikum erhebt sich zur Ovation. Und freut sich schon auf nächstes Jahr.