26.09.2016
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„Dear Reader“: Ernste Lyrik, froher Sound

Dear Reader alias Cherilyn MacNeil.

Dear Reader alias Cherilyn MacNeil.

Köln -

Manchmal braucht es einen großen Abstand, um bestimmten Dingen wieder richtig nah zu sein. So wie bei Cherilyn MacNeil. Die Südafrikanerin lebt seit Jahren in Berlin, sie fühlt sich pudelwohl in der Kreativszene, die in Kreuzberg und Neukölln vor sich hin künstlert. Und Cherilyn MacNeil, die sich beim Künstlersein nach wie vor „Dear Reader“ nennt, macht was aus den Tausenden Kilometern, die zwischen ihrem Wohnort und ihrer Heimat liegen.

„Rivonia“, das dritte Album von Dear Reader, macht feingliedrigen Art-Pop mit Politik bekannt; die Songs drehen sich um das, was in Südafrika in den letzten Jahrzehnten passiert ist und machen auch den einen oder anderen Schlenker zur Familiengeschichte von Cherilyn MacNeil. „Da musste ich erst nach Berlin kommen, um eine Platte über Südafrika zu machen“, sagt die Musikerin in allerbestem Deutsch, „schon komisch – aber es ist so passiert“. Und wie es passiert: Mit „Man Of The Book“, einem Lied über das Leben ihres Urgroßvaters, legt Dear Reader im Gebäude 9 los, und schon bei diesem Song ist klar, dass die musikalische Vergangenheitsbewältigung von Cherilyn MacNeil Hand und Fuß und ganz viel Herz hat

Zentralheizung der Emotionen

Auf der Textebene serviert die 29-Jährige schwere Kost, es geht um die miesen Arbeitsbedingungen südafrikanischer Minenarbeiter („Down Under, Mining“), um den Verrat, der Nelson Mandela ins Gefängnis brachte („Took Them Away“) und um die Zeit, die von ausführlichem Hadern und der zarten Hinwendung zum Besseren geprägt war: „26.04.1994“ steht für die ersten freien Wahlen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Doch so ernst die Lyrik von Dear Reader ist, so beschwingt, leicht und mitunter elfenhaft-frohlockend ist der Sound, der die melancholischen Texte umschmeichelt. Cherilyn MacNeil singt glockenklar, und ihre vierköpfige Band baut den Songs mit Trompete, Geige und Akkordeon ein weiches Bettchen. Einlullend ist dabei gar nichts, das Fundament der Lieder bleibt stets das Keyboardspiel von MacNeil und ein knarzend-trockenes Schlagzeug.

Das alles ist an diesem fieskalten Maiabend schon erwärmend genug – als wahre Zentralheizung der Emotionen aber erweisen sich die launigen Zwischenansagen. Die Wahl-Berlinerin plaudert, kichert und gluckst: über das Leben on the road, über die verschiedenen Publikumsreaktionen in diversen Ländern und auch darüber, dass sie tatsächlich Musikerin geworden ist. Ob Dear Reader bei der Reise zu ihren Wurzeln irgendwo ankommt, wird in diesem Moment nebensächlich. Manchmal ist das Unterwegssein einfach viel wichtiger.