25.07.2016
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„Digitale Demenz“: Macht das Internet dumm?

Auch Kinder sind den Einflüssen der Neuen Medien ausgesetzt.

Auch Kinder sind den Einflüssen der Neuen Medien ausgesetzt.

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Brocken/Hoogte

Herr Spitzer, in Ihrem Buch „Digitale Demenz“ warnen Sie vor den Auswirkungen der Neuen Medien. Wie sind die Reaktionen?

Manfred Spitzer: Es gibt wenige sehr negative Reaktionen im Stil von: „Herr Spitzer, ich spiele gerade ein Ballerspiel und würde Sie am liebsten auch umballern.“ Insgesamt ist das Feedback enorm positiv. Viele schreiben mir, sie seien unglaublich dankbar, dass einer mal so klar sagt, was sie sich schon immer gedacht haben. Jede Mutter und jeder Vater sieht jeden Tag, wie die Medien den Kindern schaden. Doch ganz offensichtlich werden wir gezielt fehlinformiert. Ich habe in meinem Buch beschrieben, wie der wissenschaftliche Stand zum Thema ist.


Warum ist das Thema in der Öffentlichkeit so wenig präsent?

Spitzer: Das fragen sich viele. Wir werden tatsächlich schlicht und einfach falsch informiert – von Politikern, Medien, vermeintlichen Experten. Nur so kann man es erklären, dass schon so viel Schlimmes passiert ist und sich kaum jemand darüber aufregt. Erst im Mai hat die Suchtbeauftragte der Bundesregierung Zahlen vorgelegt: Es gibt eine Viertelmillion Internet- und Computersüchtige und weitere 1,4 Millionen Risikofälle.


Haben Sie in Ihrer Arbeit als Psychiater mit solchen Fällen zu tun?

Spitzer: Ja, ich hätte selber nicht geglaubt, wie schrecklich das sein kann. Ich habe Menschen kennengelernt, die den Kehricht-Eimer neben den Computer stellten, damit sie nicht mehr auf die Toilette gehen mussten, weil sie 18 Stunden online waren. Diese Menschen bekommen ihr Leben nicht mehr geregelt, weil sie computersüchtig sind. Wir reagieren aufgeschreckt, wenn ein paar Menschen Durchfall wegen Bakterien auf dem Salat haben. Aber wenn eine Viertelmillion junger Menschen aus dem Leben rausfallen, kümmert das kaum jemanden. Das ist auffällig.

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Welches Interesse steht Ihrer Meinung nach dahinter?

Spitzer: Es geht immerhin um die wertvollsten Firmen der Welt und deren Umsatz: Google, Microsoft, Apple, IBM, Facebook. Nachdem in jedem Haushalt schon drei Computer stehen, geht es jetzt darum, dass an Schulen und Kindergärten auch noch Informationstechnik angeschafft werden soll. Und davor warne ich. Wir würden auf jeden Fall in der Schule besser dastehen, wenn wir dort keine digitalen Medien verwenden würden. Denn die ersparen uns Denkarbeit, und diese Denkarbeit brauchen wir, damit im Gehirn Lernprozesse stattfinden. Computer sind in Schulen Lernverhinderungsmaschinen.


Wenn die digitalen Medien wirklich so gefährlich sind – ist es dann nicht sinnvoll, dass Kinder lernen, mit diesen Gefahren umzugehen?

Spitzer: Nein, das schadet ihnen! Alkohol ist Teil unserer Kultur. Alkohol macht süchtig. Betreiben wir Alkohol-Pädagogik in Kindergärten und Grundschulen? Nein! Weil es der Entwicklung junger Menschen schadet, Alkohol zu konsumieren. Und es schadet ihnen ebenfalls nachweislich, früh Medien zu konsumieren. Wir wissen, dass der Medienkonsum bis zum zweiten, dritten Geburtstag zu Sprachentwicklungsstörungen führt. Wir wissen, dass Medienkonsum in Kindergärten die Bildungsbiografie maßgeblich negativ beeinflusst, dass er zu Aufmerksamkeitsstörungen in der Schule führt. Wir wissen, dass eine Playstation in der Grundschule zu Schulproblemen und massivem Einbruch im Lesen und Schreiben führt. Wir wissen, dass ein Computer im Jugendzimmer – das zeigen unter anderem die Pisa-Daten – die Schulleistungen verschlechtert. Das alles ist durch gute wissenschaftliche Untersuchungen belegt.


Medienkompetenz kann man also nicht lernen?

Spitzer: Medienkompetenz ist ein Unbegriff. Wer Google verwendet, braucht Vorwissen, das es einem erlaubt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sie müssen erst ein gutes Wissen haben – und dann können Sie auch googeln.


In welchem Alter ist denn der Umgang mit digitalen Medien sinnvoll?

Spitzer: Zunächst einmal ist der Gebrauch digitaler Medien für unseren Geist schädlich, auch im Erwachsenenalter. Aber Erwachsene wissen eben in der Regel, dass das so ist. Genauso wie sie wissen, dass es ihren Beinmuskeln schadet, wenn sie Auto fahren, anstatt zu laufen. Dann gehen sie zwischendurch joggen oder ins Fitnessstudio und können hoffentlich verantwortungsvoll mit ihrem Körper umgehen und trotzdem Auto fahren. Aber wir trauen das erst 18-Jährigen zu. Nun sind die Effekte von Medien mindestens so schlimm wie die der Bewegungsverhinderer Auto, Fahrstuhl und Rolltreppe. Nur dass die Auswirkungen nicht unseren Körper, sondern unseren Geist betreffen. Und deswegen rede ich von Digitaler Demenz.


Was hat das für Folgen?

Spitzer: Wir wissen, dass das Gehirn mit dem Gebrauch wächst. Deswegen wissen wir auch, dass wir nicht einfach nur dies oder das verlernen, wenn wir beispielsweise statt unseres eigenen Orientierungssinns ein Navigationsgerät benutzen. Nein, das Gehirn wird in Mitleidenschaft gezogen. Es bildet sich nur in Auseinandersetzung mit der Welt – und diesen Prozess nennen wir Lernen. Im Gehirn bilden sich Spuren seiner eigenen Aktivität, es entstehen Verbindungen zwischen Nervenzellen, strukturierte Netzwerke. Das Gehirn bildet sich also ganz konkret durch seinen Gebrauch. Je besser diese Gehirnbildung erfolgt, desto leistungsfähiger wird der Geist. Demenz bedeutet wörtlich „geistiger Abstieg“. Und wer absteigt, braucht umso länger, je höher er beginnt. Daraus folgt: Weil junge Menschen in Deutschland doppelt so viel Zeit mit digitalen Medien verbringen wie mit dem gesamten Schulstoff, riskieren sie eine geringere Gehirnbildung und laufen Gefahr, beim Abbau von Nervenzellen (der mit dem Alter oder bei bestimmten Erkrankungen des Gehirns einsetzt) früher Symptome zu entwickeln. Sie werden also früher demenzkrank, und man hat Grund zur Annahme, dass es hier nicht um Monate, sondern um Jahre geht.


Mich erinnern Ihre Thesen ein wenig an die Thesen von Kritikern des Fernsehens in den 60er und 70er Jahren, wie beispielsweise Neil Postman.

Spitzer: Die hatten ja auch Recht. Nur, dass es mit den digitalen Medien jetzt noch schlimmer ist. Damals gab es drei Stunden Fernsehkonsum – und der hat sich schon deutlich negativ auf die Bildungsbiografie von Kindern ausgewirkt. Jetzt haben wir siebeneinhalb Stunden digitalen Medienkonsum. Und der wird sich verheerend auswirken.


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