25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Schriftsteller Rafik Schami: „Wer unsere Regeln nicht will, muss gehen“
11. October 2015
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Schriftsteller Rafik Schami: „Wer unsere Regeln nicht will, muss gehen“

Schriftsteller Rafik Schami

Schriftsteller Rafik Schami

Rafik Schami treffen wir während seiner Lese-Tournee zu seinem neuen Roman „Sophia“ (Hanser), der von einem Syrer handelt, der für kurze Zeit aus Europa nach Damaskus zurückkehrt. Schami selbst, einer der erfolgreichsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur, kam 1971 aus Syrien nach Deutschland. Seitdem ist er nie mehr in sein Geburtsland gereist. Im Dezember ist er zu Gast in Köln und der Region, wenn sein Roman „Eine Hand voller Sterne“ das „Buch für die Stadt“ sein wird. Der Flüchtlingsstrom beschäftigt ihn sehr.

Und während er im Gespräch seine Ansichten formuliert, die wir aufgezeichnet und zusammengefasst haben, legt er sein Jackett ab. Denn die Entwicklung lässt ihn alles andere als kalt.

Rafik Schami im Wortlaut

Wenn ich jetzt die Bilder von den vielen Flüchtlingen aus Syrien sehe, empfinde ich als erstes eine Wut. Denn die arabischen Nachbarn lassen ihre Brüder und Schwestern in Syrien im Stich. Dabei gibt es Araber, die haben so viele Milliarden, mit denen sie nichts mehr anfangen können. Einige Schweizer Banken zahlen diesen Kunden keine Zinsen mehr, sondern verlangen Gebühren, weil das so viel ist. Die Syrer hätten gar nicht so viel Geld benötigt, um die Notzeit zu überbrücken – sie wollen nicht wie Prinzen leben, aber eben auch nicht im Schlamm. Diese Syrer wären dann in ihrer arabischen Umgebung geblieben und hätten ihre arabische Kultur weitergepflegt – und hätten schnell nach Syrien zurückkehren können.

Diese Wut wird umso stärker, wenn ich an Dubai denke, das sich zu einem Hort der Verbrecher-Gelder entwickelt hat. So hat der Cousin von Assad 6,5 Milliarden Dollar aus Syrien nach Dubai geschafft. Das ist geklaut vom Schweiß und Blut des syrischen Volkes, von seinem Leben und seinem Fleiß. Dies hat auch dazu geführt, dass wir immer am Minimum leben müssen. Dubai wird eines Tages dafür bezahlen – aber vermutlich erleben wir das nicht mehr. Da ist etwas krank in der arabischen Gesellschaft.

Wütend auf die anderen Nachbarländer

Wütend bin ich auch auf die anderen Nachbarländer – auf den kleinen Libanon, der der Hisbollah erlaubt, auf syrischem Gebiet Syrer in ihren Dörfern zu töten; auf den Irak, der schiitische Milizen schickt. Alle mischen sich ein. Wir sind zu einer Arena geworden. Wo gab es das schon mal, dass die Hälfte der Bevölkerung auf der Flucht ist!

In der EU gibt es ein massives Scheitern, ein Chaos. Schon vor Jahren habe ich gesagt: Bitte, helft vor Ort! Dann würden die Flüchtlinge dort auf ewig mit der westlichen Demokratie verbunden sein. Jedem Extremisten würden sie sagen: Geh weg, denn der Westen hat uns das Überleben ermöglicht – wir wären krank, ohne dessen Medikamente, wir wären hungrig, ohne dessen Hilfe. Das wäre tausendmal vernünftiger gewesen als zu warten, bis der Strom der Flüchtlinge nach Europa durchbricht.

Ich habe in Tübingen eine Flüchtlingsgruppe gegründet, die heißt Schams und kümmert sich um syrische Kinder und Jugendliche. Kinder sind die wahren Verlierer eines jeden Krieges. Unschuldige, arglose Engel, die in das Elend hineingestürzt wurden von den Erwachsenen. Wir betreuen eine Schule in der Türkei und eine in Jordanien sowie einen Kindergarten im Libanon. Dort läuft es nach unseren Regeln ab: Da sitzen Mädchen und Jungen zusammen – wer das nicht will, muss woanders hingehen. Ich frage mich: Wenn ich das erreiche, zusammen mit zehn deutschen Akademikern, dass 300 Kinder nicht leiden müssen – warum schafft die EU das nicht?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Forderungen Schami an Flüchtlinge hat und wo Hilfe seiner Meinung nach am sinnvollsten ist.

„Dann pack Deinen Koffer und geh’“

Die deutsche Bevölkerung zeigt eine wahnsinnige Euphorie und Herzlichkeit. Natürlich gibt es die Gefahr, dass die Stimmung kippt. Sie ist auf Dauer nicht haltbar. Das klappt bei den ersten 50.000 Flüchtlingen. Aber man kann nicht euphorisch sein gegenüber allen, die kommen. Trotzdem – ich bin ja als Autor ein Nomade und beobachte die Menschen zwischen Freilassing und Hamburg und sehe, wie herzlich, großzügig und mutig die Menschen sind. Sie sind aber auch unbeholfen.

Eine Frau hat mir erzählt, sie habe einem Araber angeboten, ihm Deutsch beizubringen, worauf der erwidert habe, er lasse sich nicht von einer Frau unterrichten. Die Frau fragte mich, was sie tun solle. Das hat mich sehr verwundert. Ich habe ihr geraten, dem Mann zu sagen: „Dann pack Deinen Koffer und geh’ – hier in Deutschland sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Dafür haben wir Jahrhunderte lang gekämpft.“ Das hätte der Mann im Übrigen in Damaskus nicht sagen dürfen, weil es dort Lehrerinnen gibt, sogar weibliche Polizei-Offiziere.

Die Politik in Deutschland hat leider kein Konzept: Heute so und morgen so. Grenzen sind notwendig – wie bei einem Körper: Ohne Grenzen verlieren wir alle Organe. Auch Deutschland braucht Grenzen. Wir müssen ehrlich bleiben und sagen: Bis hierher können wir, aber nicht weiter.

Plötzlich ist egal, wer kommt

Die großzügige Aufnahme der Flüchtlinge, nicht nur in Deutschland, birgt natürlich auch noch eine andere Gefahr: die der Entleerung in Syrien. All die Kräfte, die eines Tages Syrien wieder aufbauen könnten, fehlen. In Syrien heißt es, dass auf 10.000 Personen ein Arzt komme. Geht ein Arzt, wie vielfach geschehen, nach Kanada oder Australien, dann ist sein Kollege in Damaskus plötzlich für 20.000 oder 40.000 Personen zuständig.

Die kommen nie wieder, wenn sie erst einmal in den Genuss der Freiheit und der Demokratie gekommen sind. Das kenne ich aus eigener Erfahrung: Ich rede hier in Deutschland ohne Angst, ohne zu prüfen, ob jemand mithört, und ohne zu überlegen, was mit mir passiert, wenn ich mich von Ihnen verabschiedet habe. Diese Ärzte, Architekten, Studenten oder Abiturienten, die fliehen und jetzt Deutsch oder Französisch oder Englisch lernen, die sind für Syrien verloren.

Eine Gefahr bei einer Massenaufnahme ist schließlich, dass man die Unterwanderung nicht kontrollieren kann. Plötzlich ist egal, wer kommt – das verstehe ich nicht.

Kurzfristig führt das alles zu Stimmengewinnen bei den Populisten und den Rechtsradikalen. Wir müssen uns überlegen, wie wir darauf reagieren. Denn die Wut formiert sich langsam. Man hätte uns fragen können, uns Syrer in Europa. Ich hätte gesagt: Bitte helft, aber helft dort unten.

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