26.07.2016
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Kino „Der letzte Mentsch“: Vergangenheit mit Baulücken

Mario Adorf als Menachem Teitelbaum.

Mario Adorf als Menachem Teitelbaum.

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Verleih

Menachem und Gül, der greise Jude und die junge Deutschtürkin, eines dieser Paare, die das Schicksal zusammengebracht hat. Oder der Zufall, oder das Glück. Gemeinsam reisen sie nach Ungarn, um etwas wiederzufinden, was Menachem schon seit langem verloren hat – seine Identität. Als er vor langer Zeit aus dem Konzentrationslager befreit wurde, hat er beschlossen, alles zu vergessen und zu verdrängen, was mit seiner Existenz als Jude zu tun hat. Nun, kurz vor dem Tod, kehrt das Beiseitegeschobene wieder, mit Macht. Menachem will sein altes Ich zurück, für das er allerdings sämtliche Nachweise verloren hat.

Wortwörtlich: Allein für ein traditionelles jüdisches Begräbnis braucht Pierre-Henry Salfatis Protagonist schriftliche Belege über seine Herkunft, und so schickt ihn der Regisseur in seine alte Heimat nach Ungarn – zusammen mit der aufgekratzten Gül, die halt einen Führerschein hat.

„Der letzte Mentsch“, der Titel von Salfatis Film, spielt orthografisch ein wenig mit dem Jiddischen, das Mario Adorf in der Hauptrolle tadellos beherrscht, und als Zitat mit Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, wo auf den letzten Menschen die Ankunft des Übermenschen folgt. Auf solch historisch-metaphysische Sprünge verzichtet Salfati glücklicherweise.

Angekommen im ungarischen Vác, schickt er seinen Helden vielmehr auf eine bodenständige Spurensuche durch die eigene vergessene Vergangenheit, für die er eine schöne Metapher findet: Als Menachem die Tür seines alten Zuhauses aufstößt, gähnt dahinter das Nichts – eine riesige Baulücke. Stehengeblieben ist nur die Fassade.

Wie beim kriminalistischen Puzzlespiel fügt Menachem die Teile zusammen – er stößt auf einen alten Schulfreund, diskutiert mit dem Rabbi, kann Straßenecken plötzlich mit Erinnerungen verbinden. Ein Glücksfall für den Film ist Mario Adorf, der mittlerweile 84 Jahre alt ist und dem gigantischen Repertoire seiner Filmauftritte hier eine melancholische, anrührend stille und nachdenkliche Facette hinzufügt.

Sein Menachem entdeckt das eigene Leben wieder neu und nicht nur das: Mit seinem Bekenntnis zum Abgelegten gibt es für ihn auch wieder eine Zukunft. Adorf vollzieht diesen Prozess in einer Mischung aus Altersweisheit, Spott und Neugierde nach, zu der Katharina Derr als Gül stets das sperrige, jugendliche Gegengewicht bietet. Hier finden nicht nur in der Filmerzählung, sondern auch schauspielerisch zwei Generationen perfekt zusammen.


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