27.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

„Mit anderen Augen“: So vielfältig ist dokumentarische und künstlerische Fotografie

Thompson_N. 6th off Bedford

Ein Portrait von Jerry L. Thompson

Foto:

Thompson

Als Maler noch Wandersleute waren, hatten sie stets ein Selbstporträt als Arbeitsprobe im Gepäck; im direkten Vergleich von Original und Abbild bewies der Künstler seine Meisterschaft. Allerdings sollte das Porträt schon damals mehr sein als ein Spiegelbild: Es sollte den Stand des Porträtierten reflektieren, sein inneres Wesen zum Vorschein bringen und ihm dabei möglicherweise noch schmeicheln. Aus diesen Ansprüchen leiteten die Maler zwei bis heute gültige Fragen ab: Was definiert einen Menschen? Und: Wie viel Lüge ist erlaubt oder sogar unvermeidlich?

Fotografen von Malern abgeguckt

Die Fotografen haben dieses schwierige Erbe geradezu dankbar von den Malern übernommen – schon weil sie sich dadurch von der Spiegelbildfunktion ihrer automatischen Kameras emanzipieren konnten. Wenn sie Menschen ins Gesicht schauen, wollen sie zeigen, was ihr Gegenüber ausmacht, oder, ganz im Gegenteil, allen Glauben an die Wahrhaftigkeit des eigenen Mediums in Zweifel ziehen. Während sich die einen fragen, ob sie einem Menschen als Teil seiner Familie, an seinem Arbeitsplatz oder bei einer zufälligen Begegnung am nächsten kommen, sagen die anderen: Ihr könnt weder mir noch den Bildern trauen. Und schon gar nicht ins Innere eines Menschen schauen.

Hristova_05

Ein Portrait von Pepa Hristova

Foto:

Hristova

Doppelausstellung „Mit anderen Augen“ in Köln und Bonn

Zwischen diesen Polen spielen sich jetzt die Photographische Sammlung in Köln und das Kunstmuseum Bonn die Bälle hin und her. Sie führen uns in der Doppelausstellung „Mit anderen Augen“ den Reichtum der zeitgenössischen Porträtfotografie vor, wobei, passend zur jeweiligen Ausrichtung der Häuser, der Kölner Schwerpunkt auf der klassischen dokumentarischen Fotografie liegt und in Bonn auf der künstlerischen Fotografie aus Deutschland. Jede Ausstellung ist für sich sehenswert – die Kölner ein bisschen mehr –, aber erst gemeinsam lassen sie die schier unendliche Vielfalt erahnen, die nicht nur im menschlichen Gesicht liegt, sondern auch in der Art, es zu fotografieren.

Kikai

Ein Portrait von Hiroh Kikai

Foto:

Kikai

So begegnen wir in der Photographischen Sammlung den Passanten, die dem japanischen Fotografen Hiroh Kikai im Tokioter Stadtteil Asakusa auffielen – und die er über Jahre immer vor derselben Tempelwand ablichtete. Bei Kikais wunderbaren Aufnahmen übernimmt das Zufallsprinzip der Großstadt eine wesentliche Rolle, Jerry L. Thompson folgt dagegen einem exakt definierten Beuteschema, wenn er in Brooklyn junge Frauen mit auffälligen Tätowierungen und Piercings porträtiert. Auch Pepa Hristova hatte ein genaues Ziel: Sie reiste in einen entlegenen Teil Albaniens, um dort Frauen zu fotografieren, die in Abwesenheit von Vätern oder Brüdern in Männerrollen schlüpften und deren Äußeres mit den Jahren immer maskuliner wurde.

Kontrastprogramm in Bonn

In Bonn gibt es dazu das Kontrastprogramm: Etwa in Form der Fotocollagen, auf denen Clegg & Guttmann ehemalige Bundesminister auf fingierten Gruppenporträts auftreten lassen, oder in Katja Stukes imitierten Standbildern aus Londoner Überwachungskameras. Man sieht, dass es hier nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, was aber nicht bedeutet, dass die künstlerischen Fotografen von der Idee der Wahrheit lassen können. Wenn Daniela Risch als ihre eigene Mutter posiert, sucht sie über den Umweg der Familienbande selbstredend auch nach Selbsterkenntnis, und wenn sich Dieter Kiessling neben die von ihm Porträtierten ins Bild drängt, will er damit zeigen, dass er zumindest so ehrlich ist zuzugeben, dass kein objektiver Apparat, sondern der subjektive Blick eines Menschen hinter seinen Bildern steckt.

Wolfgang Tillmans_Domestic scene Remscheid

Eine „Häusliche Szene“ von Wolfgang Tilmans

Foto:

Galerie Buchholz

Mit Wolfgang Tillmans kehren wir wieder zur Malerei zurück. In seiner „Häuslichen Szene“ wendet uns eine Frau mit Trockenhaube den Rücken zu, um auf zwei gemalte Porträts an der Wand zu blicken. So sagt die Fotografie artig Danke bei einem Medium, das ihm seine nicht enden wollenden Probleme überlassen hat.